> > > Müthel, Johann Gottfried: The 5 Piano Concertos
Sonntag, 21. April 2019

Müthel, Johann Gottfried - The 5 Piano Concertos

Genial


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Gottfried Müthel war in Vergessenheit geraten, jetzt wird er wiederentdeckt und überrascht mit Werken höchster Qualität und Genialität. Marcin Swiatkiewicz und das Ensemble Arte dei Suonatori heben Müthel ins rechte Licht.

Seine Zeitgenossen, darunter auch Charles Burney, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in seinem ‚Tagebuch einer musikalischen Reise‘ den Status quo in den verschiedenen europäischen Ländern festhielt und hierfür unermüdlich den halben Kontinent bereiste, schätzten Johann Gottfried Müthel sehr. Nach seinem Tod 1788 fiel der 1728 in Mölln bei Lauenburg geborene Komponist indes der Vergessenheit anheim. Erst heute erkennt die musikwissenschaftliche Forschung, dass in Müthel einer der profiliertesten und innovativsten Musiker zwischen J. S. Bach und den Wiener Klassikern gesehen werden muss (Erwin Kemmler). Besonders deutlich zeigt sich das in seinen Werken für Clavier, mehr noch in den Sonaten, aber auch in seinen insgesamt sechs Clavierkonzerten, von denen nun fünf (eines der sechs Konzerte ist ohne Finalsatz überliefert) mit dem Cembalisten Marcin Swiatkiewicz und dem Ensemble Arte dei Suonatori auf einer DoppelCD des Labels BIS veröffentlicht worden sind.

Müthel scheint dabei mit dem Bachsohn Carl Philipp Emanuel und dessen Stürmen und Drängen und den darin eingebetteten Inseln der Empfindsamkeit gleichziehen zu wollen: Vom Willen des Kontrasts getragen, wenden sich die Ausdruckscharaktere mal in die eine, mal in die andere Richtung, und diese musikalische Vielfalt von stürmischer Attacke und darauf wieder höchster Sensibilität sprüht nur so vor Lebendigkeit und Abwechslungsreichtum. Doch es geht Müthel nicht nur um die Unberechenbarkeit und das Überraschungsmoment; er beweist in den Clavierkonzerten auch seine kompositorische Intention, mit der Vielfalt der unterschiedlichen Einfärbung einer bestimmten musikalischen Idee spielen zu wollen, einen Gedanken in verschiedener Beleuchtung erscheinen zu lassen und die Varianten des Ausdruckscharakters facettenreich herauszuarbeiten.

Solist der Aufnahme ist der junge polnische Cembalist Marcin Swiatkiewicz, der hierfür das gleichfalls in Polen beheimatete Ensemble Arte dei Suonatori um sich geschart hat. Diese von Anbeginn ihrer Gründung 1993 auf historischen Instrumenten spielende Gruppe hat sich im Laufe der Jahre einen internationalen Ruf erworben. Die hochrangige Spielkultur des Orchesters wird schon gleich in den ersten Takten des die erste der beiden CDs eröffnenden Müthel-Konzerts in c-Moll (Nr. 1) deutlich. Mit knapp 32 Minuten Spieldauer ist das – wie alle diese Konzerte – dreisätzige Werk das umfangreichste dieser Gruppe. Voller feinfühlender Biegsamkeit in den empfindungsreich zum Sprechen gebrachten melodischen Gliedern, aber ebenso auch in der plastisch und artikulationsscharf herausgetriebenen Heftigkeit des energisch aufgeladenen Gestus‘ weiß das Ensemble immer eine transparente und vielschichtig abschattierte Klanggebung zu wahren.

Agil vermag das Orchester im Finale des c-Moll-Konzerts mit dem Wechsel von Solopassagen und den Einwürfen der einzelnen Instrumentengruppen umzugehen und im langsamen Mittelsatz findet das Ensemble mit warm aufblühender instrumentaler Sanglichkeit zu einem behutsamen Dialog und zu harmonischem Gleichklang mit dem Soloinstrument. Mitunter will es scheinen, als ob die Mitglieder von Arte dei Suonatori – besetzt mit zweimal drei Violinen, einer Bratsche und je einem Violoncello und Kontrabass, und im Mittelsatz des Konzerts in d-Moll (Nr. 2) noch zusätzlich erweitert um zwei Fagotte – den Solisten am Cembalo ganz unbeabsichtigt fast ein wenig in den Schatten stellen, so lebendig und voller klanglicher Reize bekommt man den Orchesterpart zu hören. Doch Marcin Swiatkiewicz weiß sich ungeachtet des eng dimensionierten Klangs seines Instruments mit artikulatorischer Profilierung und subtiler Agogik bestens zu behaupten: Im d-Moll-Konzert beispielsweise erweisen sich Solopart und Orchester im thematisch-motivisch eng verwobenen Eingangssatz sehr organisch aufeinander bezogen, und der rasante Furor im Finalsatz wird von Solist und Orchester in überzeugungskräftiger Balance gehalten. Auf der anderen Seite lässt sich nicht immer (so beispielsweise im Eingangssatz des D-Dur-Konzerts Nr. 4) ganz überhören, dass die beeindruckende Leichtigkeit, mit der das Orchester den Klangbögen nachspürt, vom Solisten zwar mit derselben Wendigkeit, jedoch nicht ganz demselben hoch sensiblen rhetorischen Atem und mit solcherart linearer Rundung beantwortet wird.

Viel Wert legt Müthel in seinen Clavierkonzerten auf die Mittelsätze. Sie stellen für den Komponisten eine Art Experimentierfeld der Möglichkeiten kompositorischer Ausdrucksfähigkeit dar. Neben dem bereits genannten sehr dicht gearbeiteten und außerordentlich ansprechenden 'Adagio' des c-Moll-Konzerts ist hier auch das 'Adagio' des D-Dur-Konzerts herauszuheben. Hier steht der Cembalopart ganz im Vordergrund des Geschehens, und er ist gewissermaßen in Form einer freien Fantasie gehalten, die vom Orchester nur ein wenig grundiert und durch chromatische Vorhaltsfortschreitung gewürzt wird. Und im Mittelsatz des G-Dur-Konzerts ('Un poco Adagio') nutzt Müthel den ganzen Umfang der Tastatur des Cembalos aus, um in weiter Lage über mehrere Oktaven hinweg Diskant und Bass miteinander und gegeneinander zu führen. Marcin Swiatkiewicz weiß – abgesehen von den genannten leichten Einschränkungen – all diesen unterschiedlichen Gegebenheiten der kompositorischen Architektur der Konzerte Müthels kongenial zu entsprechen. Die raschen und in ihrem Entwicklungsverlauf sprunghaften Ecksätze strahlen ganz die wünschenswerte Verve und die gebotene Dringlichkeit aus, und in den Mittelsätzen findet man genau das richtige Maß an kantabler Empfindung und ungezwungener Freiheit.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Müthel, Johann Gottfried: The 5 Piano Concertos

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
2
25.02.2015
EAN:

7318590021798


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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