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Mittwoch, 26. Juni 2019

Aho, Kalevi - Werke für Klavier solo

Seitenblick des Symphonikers


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer die Pianistin Sonja Fräki bisher noch nicht kannte, sollte sich ihren Namen merken. Auf dieser CD widmet sie sich höchst erfolgreich dem Klavierwerk Kalevi Ahos.

In Kalevi Ahos umfangreichem Schaffen nimmt die Klaviermusik einen vergleichsweise bescheidenen Platz ein. Zwar schrieb der finnische Komponist zwei Konzerte für das Instrument (eines davon mit Streichorchester-Begleitung) und verwendet es in einigen seiner Kammermusikwerke, doch die Stücke für Klavier alleine passen (bisher) auf eine CD. Neben drei hochvirtuosen Stücken, der 1980 entstandenen Sonate, dem fünf Jahre später komponierten 'Solo II' und der Sonatine aus dem Jahr 1993 gibt es noch drei weitere nennenswerte Werke von etwas geringerem Schwierigkeitsgrad: Die 19 Präludien aus der Jugendzeit des Komponisten (1965 bis 1968), drei kleine Klavierstücke aus dem Jahr 1971 und zwei ausdrücklich für Kinder komponierte Stücke (1983).

Der große zeitliche Rahmen zeigt schon, dass sich Aho im Laufe seiner Karriere eher nebenher mit dem Klavier auseinandergesetzt hat, was bei einem gelernten Violinisten nicht verwundern kann. Doch man sollte sich hüten, die hier zu hörenden Stücke als Gelegenheitswerke oder gar unbedeutende Jugendwerke eines nachmals berühmten Symphonikers abzutun – was Aho kompositorisch kann (und schon sehr früh konnte), zeigt sich nicht zuletzt in seiner Klaviermusik. Die Protagonistin dieser CD ist Sonja Fräki, die ihre musikwissenschaftliche Dissertation über die Klavierwerke Ahos schreibt, so dass es vermutlich nahelag, diese auch einmal einzuspielen.

Wer nun befürchtet, hier würde eine Musikwissenschaftlerin mit weniger guten pianistischen Fähigkeiten am Werke sein, wird spätestens mit der funkensprühenden Interpretation der virtuosen Sonatine (Track 25 bis 27) eines Besseren belehrt. Vor allem die Ecksätze (presto und prestissimo) sind von einem technischen Anspruch, der so manchem erfahrenen Virtuosen den Schweiß auf die Stirn treiben dürfte. Noch einen Schritt weiter geht Aho in seiner Sonate, seinem (wie Fräki im Beiheft schreibt) schwierigsten Klavierwerk. Wie die Pianistin die beiden knappen, aber hypervirtuosen Stücke meistert, zeugt nicht nur von einer hervorragenden Technik, sondern auch von einem vertieften Verständnis der Musik. Alleine ihre Fähigkeit, bei allen Akkorden, Trillern und Läufen nicht im Fortissimo-Tastendonner zu versinken, verdient Bewunderung – die dynamische Balance bleibt stets erhalten, egal ob Aho cluster-ähnliche Modernismen schreibt oder Passagen, die an die pianistische Tradition (etwa von Bartok oder Messiaen) erinnern. In allen Werken wurde der Klang des Instrumentes vorbildlich eingefangen, der leicht perkussive Gesamteindruck liegt sicherlich in erster Linie an den Stücken selbst – für lyrische Versenkungen hatte Aho allenfalls im Mittelsatz der Sonatine ein wenig Raum.

Die tonalen Präludien aus den 1960er Jahren zeigen den Tondichter auf den Spuren von Chopin, doch schon mit einem vernehmbar eigenen Tonfall und der Fähigkeit, auf knappem Raum Wesentliches zu sagen. Auch wenn dies nicht die Stücke eines Teenagers wären, würde der unbefangene Hörer wohl den Hut vor diesen Miniaturen ziehen. Fräki gelingt es, die Stücke nicht künstlich aufzublähen, sondern in ihrer Schlichtheit und dem eher sparsamen Klaviersatz gültig darzustellen. Etwas blasser wirken lediglich die beiden Klavierstücke für Kinder, die wohl vor allem aus Gründen der Vollständigkeit hier aufgenommen wurden. Dagegen geben das für den Maj-Lind-Klavierwettbewerb geschriebene 'Solo II' und die drei kleinen Stücke aus dem Jahr 1971 der Pianistin noch einmal Gelegenheit, ihre technischen und musikalischen Fähigkeiten eindrucksvoll zu demonstrieren. Mag sein, dass der eine oder andere Hörer die Tendenz von 'Solo II' zu stark in Richtung der bloßen Virtuosität kritisieren wird. Doch als Vorzeigestück für die bisher auf Tonträger kaum in Erscheinung getretene Pianistin Fräki ist das Werk bestens geeignet. Aho, der in seinen Symphonien und Instrumentalkonzerten stets die Grenzen des technisch Machbaren auslotet, hat hier in jedem Fall ein effektvolles und höchst anspruchsvolles ‚show piece‘ geschaffen.

Auch wenn das pianistische Schaffen des Finnen also aller Ehren wert ist, ist es doch vor allem Fräki, die mit dieser Veröffentlichung beeindrucken kann. Alleine der Mut, nicht die x-te Liszt- oder Chopin-CD auf den Markt zu werfen, sondern sich gezielt einem zeitgenössischen Tondichter zu widmen, hat Anerkennung verdient. Wenn dann noch eine solch musikalisch wie klanglich gelungene Umsetzung gelingt, bleiben praktisch keine Wünsche mehr offen. Lediglich noch eine Einspielung der beiden Aho-Konzerte mit Fräki wäre ein solcher Wunsch.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Aho, Kalevi: Werke für Klavier solo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
14.01.2015
Medium:
EAN:

SACD
7318599921068


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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