> > > Glière, Reinhold: Sinfonie Nr. 3 "Il'ya Muromets"
Montag, 22. April 2019

Glière, Reinhold - Sinfonie Nr. 3 "Il'ya Muromets"

Zielgerichtet entwickelte Klangmassen


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


JoAnn Falletta und dem Buffalo Philharmonic Orchestra gelingt eine empfehlenswerte Deutung der Dritten Sinfonie 'Ilja Muromez' von Reinhold Glière, die sich vor allem durch dramaturgische Stringenz und überzeugende Balance auszeichnet.

Die Dritte Sinfonie h-Moll op. 42 von Reinhold Moritzewitsch Glière gehört zu den Monumenten der russischen Sinfonik. Aufgeführt wird das Stück allerdings nur selten, nicht zuletzt wegen der ungeheuren Dimensionen in mehrerlei Hinsicht: Das Orchester ist üppig besetzt und der zeitliche Umfang stellt mit weit über einer Stunde hohe Anforderungen an die Konzentration der Ausführenden wie auch der Zuhörer. In Bezug auf die Rezeption in den westlichen Ländern kommt hinzu, dass der gebürtige Kiewer mit deutschen Wurzeln Reinhold Glière von der politischen Führung der Sowjetunion hohe künstlerische Ehrungen erfuhr – das macht(e) ihn, dessen Orchesterwerke sich durch eine spätromantisch aufrauschenden Klangkulinarik auszeichnen, für Anwälte des Fortschritts verdächtig. Kommt hinzu, dass von der 1911 fertiggestellten Dritten Sinfonie lange Zeit nur gekürzte Versionen eingespielt worden sind, etwa von Stokowski oder Ormandy, die komplette Sinfonie aber nur in passablen, keineswegs herausragenden Interpretationen auf dem Tonträgermarkt greifbar war. Ein wirklich überzeugendes Bild ließ sich hörenderweise von dieser Sinfonie bis dahin also kaum gewinnen.

Tiefenscharf

Das hat sich vor kurzer Zeit geändert, als JoAnn Falletta bei Naxos eine Aufnahme vorgelegt hat, die in vielerlei Hinsicht als unbedingt gelungen zu bezeichnen ist. Von Hörern und Kritikern positiv aufgenommen wurde die Produktion bereits im CD-Format, klanglich noch ein wenig tiefenschärfer ist freilich die Version als reine Audio Blu-ray, veröffentlicht im Rahmen der Naxos-Reihe ‚The Spectacular Naxos Blu-ray Audio Experience‘. Sowohl im Stereo- als auch um Raumklang-Format kommt der klangfarbliche Reichtum, den Glière mit raffinierter Instrumentierung erschafft, sehr gut zur Geltung. Dass Buffalo Philharmonic Orchestra gehört nun nicht eben zu den führenden Klangkörpern der Welt, zeigt hier aber eine achtenswerte Leistung. Das Blech könnte an einigen Stellen etwas weicher klingen, manche Holzbläser noch ein wenig runder in den Klang eingefügt sein und die Streicher ein klein wenig samtener schimmern. Aber dies ist unerheblich im Vergleich zu den Vorzügen der Interpretation von JoAnn Falletta, die vor allem darin liegen, wie die Dirigentin diesen sinfonischen ‚Schinken‘ musikalisch mit eigenständiger Handschrift gestaltend entwickelt. Dass Orchester und Dirigentin das monumentale Werk in Konzerten erprobt hatten, ehe sie damit ins Studio gingen, ist deutlich vernehmbar. Die Interpretation ist nicht am Reißbrett erklügelt, sondern hat sich live bewährt.

Schmiegsame Agogik

Die viersätzige Sinfonie in der Tradition von Tschaikowskys 'Manfred'-Sinfonie, die in vier Sätzen Stationen des russischen Sagenhelds Ilja Muromez klingend wachruft, gewinnt durch Fallettas straffen Zugriff an musikalisch-dramaturgischer Stringenz. Anstatt sich auf das Auffächern von Klangfarben zu verlegen, treibt Falletta die Musik konsequent, aber keineswegs atemlos voran. Schon die groß dimensionierte langsame Einleitung des Kopfsatzes, die als gewaltiges Portal der Sinfonie wirkt, erscheint in dieser Deutung schlüssig und konzis entwickelt. Bemerkenswert ist vor allem, wie wendig und präzise das Orchester JoAnn Fallettas angemessen schmiegsame Agogik umsetzt: Die Spannungswellen drücken sich in flexibel gehandhabtem Tempo und dynamischer Feinzeichnung aus und werden von dem Orchester zwingend umgesetzt. Diese auf zielstrebige Entwicklung der sinfonischen Bilder gerichtete Interpretation ist vor allem deswegen ein überzeugender Zugang, weil Glières illustrative Musik zum Statischen neigt. Gleichzeitig ist Fallettas Ansatz ein in bestem Sinn strukturell klarer, der das Sinnliche, etwa in Bezug auf Klangfarbenmalerei, in keinem Moment über die motivisch-thematische Textur stellt. So wird das üppig Wuchernde eingedämmt und man wird mit einer Fasslichkeit und Klarheit der musikalischen Formung belohnt. Zudem weiß Falletta (und die Tontechniker) die Stimmen gekonnt zu gewichten, so dass tragende Stimmen und klangmalerische Elemente im Klang nicht übertrieben prominent nach vorn rücken. Insgesamt darf die klangliche Präsentation in Anbetracht der orchestralen Opulenz als auffallend trennscharf bezeichnet werden. Auch dies trägt dazu bei, dass vorliegende Aufnahme, wenn es um Glières Dritte Sinfonie geht, bis auf weiteres also erste Wahl ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Glière, Reinhold: Sinfonie Nr. 3 "Il'ya Muromets"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
29.09.2014
EAN:

730099004169


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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