> > > Rachmaninoff, Sergej: Symphonie Nr. 1
Montag, 27. Mai 2019

Rachmaninoff, Sergej - Symphonie Nr. 1

Sinnlich und streng


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dmitrij Kitajenko knüpft mit der ersten Folge seines zweiten Rachmaninoff-Zyklus dort an, wo er mit Tschaikowsky in Köln aufgehört hat. Das Ergebnis ist eine Deutung, die vom großen Überblick des Dirigenten profitiert.

Kaum, dass Dmitrij Kitajenko seinen großartigen Zyklus der Tschaikowsky-Sinfonien mit dem Gürzenich-Orchester Köln abgeschlossen hat, legt er bei Oehms Classics mit der ersten Folge einer weiteren Reihe nach. Auch diesmal handelt es sich um russische Sinfonik. Dass er für dieses Repertoire ein berufener Anwalt ist, machte Kitajenko mit herausragenden Einspielungen der Sinfonien von Schostakowitsch, Prokofjew und zuletzt Tschaikowsky deutlich – sämtlich Ergebnisse der fruchtbaren Zusammenarbeit des Kölner Orchesters mit seinem Ehrendirigenten. Die Erwartungen an die eben erschienene Neuproduktion sind folglich hoch, zumal Kitajenko bereits vor einigen Jahrzehnten eine Gesamteinspielung der Sinfonien von Sergej Rachmaninoff mit den Moskauer Philharmonikern vorgelegt hat; dieser Zyklus steht vor allem bei solchen Rachmaninoff-Freunden hoch im Kurs, die der Herausarbeitung des mehrstimmigen Geflechts und klarer Formung mehr abgewinnen können als der klangopulenten Auswälzung von ‚schönen Stellen’. Kitajenkos Moskauer Rachmaninoff war kantig, schnörkellos und klar, manchmal sogar schneidend scharf; das konnte man selbst bei der dürftigen Klangqualität wahrnehmen.

Kitajenkos neuerliche Annäherung an das sinfonische Schaffen von Rachmaninoff – die erste Folge beinhaltet die Erste Sinfonie d-Moll op. 13 und die frühe sinfonische Dichtung 'Der Fels' op. 7 – verbindet den strengen Zugang früherer Jahre mit dem Klangvolumen und der räumlichen Weitung, von der die Tschaikowsky-Deutungen jüngerer Zeit geprägt sind. Die Tempi sind gegenüber den früheren Aufnahmen folglich reduziert, um der Ausarbeitung von Details genügend Raum zu geben. Breit getreten und mit Pathos überfrachtet wird die Musik allerdings nicht. So wirkt schon die langsame Einleitung des ersten Satzes dunkel, dumpf und tragisch, aber es wird nicht jede Note des prominenten Dies-irae-Motivs expressiv ausgequetscht. Im Gegensatz zu den heftigen Schwerthieben, die dem Hörer in der Moskauer Einspielung zugemutet werden, agiert das Gürzenich-Orchester weniger skalpellhaft; der Klang ist runder und das gibt dem ganzen Stück einen eher tragischen statt dramatisch-wütenden Charakter.

Die gekonnte Auffächerung der Stimmen führt keineswegs zu einer hochtransparenten Offenlegung der orchestralen Anlage. Man spürt vielmehr, dass Kitajenko eine genaue Vorstellung der formalen wie auch der musikalisch-expressiven Dramaturgie der einzelnen Sätze hat und die Stimmen zueinander in ein schlüssiges Verhältnis bringen kann. (Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass jeweils die Satzdauern der Außensätze und der beiden Binnensätze korrespondieren.) Die einzelnen, durchaus schwer zu verbindenden Abschnitte bringt der Dirigent in ein überzeugendes Gleichgewicht. Um dies zu erreichen, wählt er etwa zu Beginn der Kopfsatz-Durchführung ein (im Gegensatz zu vielen anderen Dirigenten) nur leicht erhöhtes Tempo und gewinnt damit die Möglichkeit, den Ingrimm der polyphonen Schichtungen voll auszuspielen.

Zu bewundern ist auch diesmal, wie süffig und sehnig die Streicher Kantilenen phrasieren, auf Höhepunkte straff zu spielen und im Spannungsabbau Abrundung schaffen. Das wirkt so natürlich und gewissermaßen direkt aus dem musikalischen Verlauf entwickelt, dass man sich fragt, wieso sich so viele andere Interpreten im Klein-klein verlieren. Aber wahrscheinlich ist es die Erfahrung eines Dirigenten, der mit den Werken seit Jahren intensiv umgeht, dass hier Wichtiges von weniger Wichtigem so sachdienlich und überzeugend unterschieden und dementsprechend vom Orchester gewichtet wird.

Das Gürzenich-Orchester Köln lässt spiel- und klangtechnisch keine Wünsche offen. Das Blech geht im rechten Maße knorrig zu Werke, das Schlagwerk ist perfekt in die Klangbalance eingebunden, die Streicher überzeugen mit straffen Violinen, üppig singenden Celli und wendigen Bässen. Insbesondere in den Mittelsätzen kommt die Farbigkeit der Holzbläser wunderbar zum Tragen. Und auch die Stimmungsmalereien in der sinfonischen Dichtung 'Der Fels' sind atmosphärisch dicht.

Wenn es doch kleine Vorbehalte gibt, dann sind sie in der Deutung des Finales der Ersten Sinfonie begründet. Denn hier wird der Gegensatz zwischen frohem Voranstürmen und der dramatisch-tragischen Wendung am Schluss, die den per-aspera-ad-astra-Vektor romantischer Sinfonik ins Düstere umbiegt, nicht voll ausgespielt. Auch die große Steigerung gegen Ende des 'Fels' erscheint ein wenig zurückhaltend. Das sind aber lediglich kleine Einwände, da eine solche musikalische Gestaltung unmittelbare Folge eines musikalischen Zugangs ist, der alles Effektheischende meidet und sich somit bruchlos ins Gesamtkonzept eingliedert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Rachmaninoff, Sergej: Symphonie Nr. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
27.10.2014
EAN:

4260034864405


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

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