> > > Ferneyhough, Brian: Sämtliche Werke für Streichquartett & Trio
Donnerstag, 19. September 2019

Ferneyhough, Brian - Sämtliche Werke für Streichquartett & Trio

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Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Streichquartette von Brian Ferneyhough sind in ihrer komplexen Anlage kaum zu überbieten. Das Arditti Quartet findet sich darin aber bestens zurecht und stellt die Werke in rundherum empfehlenswerten Einspielungen vor.

Schon seit langem ist das Arditti Quartet ein eifriger Förderer der Musik Brian Ferneyhoughs. 1993 erschien zum 50. Geburtstag des Komponisten bei Montaigne eine CD mit dem Zweiten und Dritten Streichquartett sowie dem 'Adagissimo' und den 'Sonatas for String Quartet'; 1996 folgte eine Kammermusik-CD mit gemischtem Programm, u.a. dem Vierten Streichquartett. Das Sechste Streichquartett wurde 2010 in Donaueschingen mitgeschnitten. Die Gesamteinspielung von Ferneyhoughs Schaffen für Streichquartett und Streichtrio (aufgenommen in Bonn und Baden-Baden im November 2006 sowie 2011-12) wurde nun anlässlich des Jubiläums des 40-jährigen Bestehens des Ensembles vorgelegt.

1967 entstand Ferneyhoughs erste Komposition für Streichquartett. Die 'Sonatas' bestehen aus 24 Untersektionen, die verschiedene allgemeine Konzepte erkunden. Das hochgradig anspruchsvolle 42-minütige Werk spannt den Reichtum der Klang- und Polyphoniemöglichkeiten des Mediums beeindruckend auf. Dass es sich bei Ferneyhough um keine ‚leichte Kost’ handelt, ist klar, doch ist die Musik trotz des Umfanges ausgesprochen abwechslungsreich und auch emotional vielfältig. Der Verzicht auf eine klar erkennbare Tonalität schafft bei Ferneyhough derart große Freiheiten, dass man keineswegs den Eindruck einer Komposition für nur vier Musiker hat.

Alle anderen Werke auf den hier vorliegenden drei CDs sind vom Umfang deutlich bescheidener – wenn auch vom musikalischen Anspruch oder der Komplexität her kaum geringer. 1980 entstand das Zweite Streichquartett, uraufgeführt durch das Arditti Quartet. Ferneyhough bezeichnet als Thema des Werks die Stille, definiert durch das genaue Gegenteil desselben, erkundet in ‚concentric paths’ um den eigentlichen Kern der Stille ('Concentric Paths' ist übrigens der Titel von Thomas Adès‘ Violinkonzert). Die (wenngleich knappen) Ausführungen des Komponisten im Booklet sind essenziell zum Verständnis der Werke, nur hätte man sich zusätzlich auch so profane Informationen wie zu Uraufführungsdaten und ggf. Widmungsträgern gewünscht (der Booklettext liegt nur auf Französisch und Englisch vor). Die dem 1983 zum 80. Geburtstag von Michael Tippett entstandenen kurzen 'Adagissimo' beigeordneten kompositorischen Ideen (Ferneyhough weist darauf hin, dass, während er von den Violinen abrupte Gesten auf Vierteltonbasis fordert, die tieferen Streicher intensivst auf kontextbasierte ‚inflection’ und ‚nuance’ zu achten haben, die der Interpretation indischer Ragas wesensnah ist) vermitteln viel zu den Kompositionen wie auch zu Naturell und Persönlichkeit ihres Schöpfers. Das dem Arditti Quartet gewidmete Dritte Quartett (1987) beschreibt Ferneyhough als mittelbaren Ausdruck zweier persönlicher Krisen, die er als ‚polar opposites’ bezeichnet. Wie auch sonst bleibt Ferneyhough aber im Absolut-Musikalischen und verzichtet auf private ‚Entäußerung’, die gleichwohl manchmal dem Verständnis des Ganzen gelegentlich zupass käme.

1989-90 entstand das Vierte Streichquartett (mit Sopransolo) als Auftragskomposition für ein Konzert, in dem es zusammen mit Arnold Schönbergs Zweitem Quartett gegeben werden sollte. Das viersätzige Werk verwendet in zwei Sätzen systematische ‚Dekonstruktionen’ Jackson Mac Lows basierend auf Ezra Pounds‘ ‚Pisan Cantos’. Hier tritt den Interpreten des Arditti Quartet die Sopranistin Claron McFadden hinzu, ausgewiesene Spezialistin für das Komplizierte und Ungewohnte. McFadden steuert mit ihrer warmen, ungeheuer vielfältigen und virtuosen Stimme nachgerade atemberaubende Aspekte bei, vom großen emotionalen Ausbruch bis hin zum Flüstern, Gezirpe, Hecheln, Zwitschern oder Seufzen – in allerbester Cathy Berberian-Tradition.

Ehe Ferneyhough 2006 zum Medium Streichquartett zurückkehrte, entstanden 1994 und 1995 die beiden Streichtrios, die 2005 durch das Ensemble Recherche bei Stradivarius vorgelegt wurden, die das kurze Trio Nr. 1 auch uraufgeführt hatten, das innerhalb eines Tages entstand. Das Trio Nr. 2 – von Ferneyhough als sein eigentlich gültiges Streichtrio angesehen – nutzt eine vorgebliche unklare formale Identität (offenkundig kennt Ferneyhough viele wichtige Kompositionen jenseits von Schönberg und Webern nicht) und erkundet in seiner ungeheuer dichten ‚dreisätzigen’ Struktur klassische Formschemata in unterschiedlichster Weise, im zweiten Satz etwa in Gestalt von ‚Variationen über ein abwesendes Thema’, im dritten Satz unter Verwendung achttöniger Mikrointervalle.

Das Fünfte Streichquartett entstand als Auftragskomposition des WDR und der BBC für das Arditti Quartet und zum 60. Geburtstag von Michael Finnissy. In dem einsätzigen Werk erkundet Ferneyhough extensiv den Begriff der Variation bzw. der Variante und Metamorphose, bewusst auf eine konventionelle Synthese verzichtend und stattdessen konsequent auf eine Materialkollision hinführend, ehe die Musik im Nichts endet. Musikalisch ist eine deutliche stilistische Weiterentwicklung unüberhörbar, die Ferneyhoughs Schaffen nicht zugänglicher macht, dafür noch intensivere Aufnahme erfordert. Die Viertelstunde ist in ihrer Dichte eine veritable tour de force, mit vielfachem Gebrauch von Vierteltönen, Flageolett und überhaupt allen Lagen aller Instrumente. Ebenfalls 2006 entstanden die vier Sätze 'Dum transisset I–IV', basierend auf den vier entsprechenden Streichersätzen des Tudorkomponisten Christopher Tye; hier lässt sich Ferneyhough offen durch musikalische und extramusikalische Aspekte inspirieren. 'Exordium' aus dem Jahr 2008 erhebt das mittelalterliche Konzept des ‚non-sequitur’ zum kompositorischen Prinzip – mit teilweise fast verstörendem Effekt auf das ‚Momentum’, den inneren Puls der Komposition.

In seiner bislang jüngsten Komposition für Streichquartett, dem 2010 entstandenen Sechsten Quartett, erkundet Ferneyhough die auch durch andere Musiker der neueren Zeit thematisierte unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit durch die Überlappung und Trennung von Materialfragmenten. Die Anforderungen, die Ferneyhough nicht nur an seine Hörer, sondern auch an seine Interpreten stellt, könnten höher kaum sein (die auf dem Booklet abgedruckte Partiturseite ist rhythmisch geradezu erschreckend komplex). Doch gelingt es dem Arditti Quartet, die auf die in der Quintole im 5/32-Takt zu spielende komplizierte rhythmische Faktur unverkrampft rein musikalisch zu reagieren, so dass, wie ein anderer Kritiker schrieb, in der Tat wunderbar autoritative Einspielungen entstanden, die diesem wichtigen Kammermusikschaffen des späten 20. und frühen 21. Jahrhundert ein beeindruckendes Denkmal setzen, in ausgezeichneter Tonqualität. Nicht leicht zu goutieren, aber ungeheuer dicht und vielfältig. Sicher eine Referenzeinspielung, unbedingt empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ferneyhough, Brian: Sämtliche Werke für Streichquartett & Trio

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
3
04.04.2014
Medium:
EAN:

CD
3760058360354


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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