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Montag, 24. Juni 2019

Heggie, Jake - Moby-Dick

Mit Sinn für Dramatik


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Aufzeichnung aus der San Francisco Opera bringt die erfolgreiche Oper 'Moby-Dick' des US-amerikanischen Komponisten Jake Heggie ins heimische Wohnzimmer.

Die Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen US-amerikanischen Oper setzt ein Verständnis der spezifisch amerikanischen Operngeschichte voraus. Diese ist nicht nur generell stark von der eigenen Musikkultur geprägt und populären Einflüssen gegenüber weitaus aufgeschlossener als die Entwicklung hierzulande, sondern sie ist darüber hinaus als Kunstform eher ein bürgerliches Unternehmen, während die Oper in Europa weiterhin an steuerfinanzierte Institutionen gebunden bleibt. Beides führt dazu, dass es unter den Komponisten keine Ressentiments gegen den unterhaltenden Aspekt der Gattung gibt, er vielmehr ganz im Gegenteil eine zentrale Herausforderung für das Komponieren bildet. Die Kommunikation mit dem Publikum, das Angebot, beim Opernbesuch an einem großen emotionalen Ereignis teilhaben zu können, gehört hier untrennbar mit dazu. Vor diesem Hintergrund muss man Jake Heggies zwischen 2005 und 2009 entstandene und im April 2010 in Dallas uraufgeführte zweiaktige Oper 'Moby-Dick' betrachten, wenn man ihren Erfolg, aber auch ihre musikalische Seite verstehen will.

Gene Sheer hat Herman Melvilles komplexe literarische Vorlage überraschend stringent bearbeitet und zum Libretto umgestaltet, indem er die über einen Zeitraum von nahezu zwei Jahren reichende Erzählung auf fünf exemplarische Handlungseinheiten reduziert. In ihnen werden sowohl die Situation an Bord des Walfangschiffs Pequod als auch das Verhältnis der beteiligten Personen untereinander und die allmähliche Zuspitzung der Situation vorgeführt, wobei einige Verschiebungen gegenüber dem Roman und neu erfundene Dialogsituationen geschickt dazu eingesetzt werden, um die Bühnenwirksamkeit des Stoffes zu steigern. Dies alles bietet dem Komponisten ausreichend Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen: Heggie bedient sich dazu dem musikalischen Fundus von traditionellen Vokabeln für den dramatischen Gebrauch, wie er auch in großen Filmmusiken der 1980er und 1990er Jahre zu finden ist, und sättigt ihn auf einigen Höhepunkten mit einer an Puccini gemahnenden Harmonik und Melodik. Sieht man von einigen wohl gesetzten Dissonanzen ab, ist daran kaum erkennbar, dass es sich um die Musik eines Zeitgenossen handelt.

Dass die Komposition dennoch nicht museal anmutet, liegt daran, dass Heggie einen untrüglichen Sinn für Dramatik besitzt, der sich in der Aufeinanderfolge von Solonummern oder klein besetzten Ensembles mit mächtigen Chören äußert und dazu beiträgt, dass sowohl die einzelnen Szenen als auch die Oper in ihrer Gesamtheit von einem formal klug akzentuierten Spannungsbogen bestimmt werden. Obgleich der Komponist hierbei mit dem Problem der Beschränkung auf ein Ensemble aus reinen Männerstimmen umzugehen hat – lediglich der Schiffsjunge Pip ist als Hosenrolle mit einem Sopran besetzt – und demnach nur eine begrenzte Anzahl an vokale Farben zur Verfügung hat, fallen seine kompositorischen Lösungen sehr kreativ aus, was die unterschiedlich dichten Chorpassagen zu den stärksten Momenten des Werkes macht. Dass es darüber hinaus in diesem Mitschnitt aus der San Francisco Opera von 2012 – der bereits fünften Produktion des Stückes – so gut gelingt, den Zuhörer in die Ereignisse hineinzuziehen, liegt an der durchweg hervorragenden Gesangsbesetzung, die, wie der Komponist im Booklet betont, zum größten Teil mit der Besetzung der Uraufführung identisch ist.

Diese praktische Erfahrung mit der Partitur merkt man den Sängern an, unter denen vor allem Jay Hunter Morris als Captain Ahab, Stephen Costello als Greenhorn (der Erzähler Ishmael bei Melville), Morgan Smith als Starbuck und Jonathan Lemalu als Queequeg herausragen. Die Leitung des hervorragend einstudierten Opernchors und des Orchesters obliegt Patrick Summers, der bereits die Uraufführung in Dallas dirigiert hat. Die Leistungen des San Francisco Opera Orchestra sind nicht ganz auf der Höhe der vokalen Darbietungen, denn die orchestralen Gewebe, die Haggie um seine melodischen Einfälle spinnt, enthalten eine Reihe von Intonationsfallen, die immer wieder deutlich machen, dass hier eine Live-Situation eingefangen wurde. Dies wird vor allem spürbar in den Zwischenspielen, die – durchaus in der Tradition der 'Sea Interludes' aus Benjamin Brittens Oper 'Peter Grimes' – von einer Szene zur nächsten überleiten und dabei jeweils etwas von der herrschenden Atmosphäre musikalisch verdichten.

Die Inszenierung von Leonard Foglia schließlich wirkt reichlich steif, denn der Versuch, das Geschehen an Bord der Pequod möglichst naturalistisch auf die Bühne zu stellen, geht mit einer zumeist frontal ins Publikum gerichteten Singweise der Solisten einher, die lediglich in den Chormassenszenen etwas aufgelockert wird. Dies alles hat Videoregisseur Frank Zamacona allerdings gekonnt für die DVD-Produktion eingefangen, so dass die Montagen und Schnitte die Statik der Bühnenumsetzung wieder etwas beleben. Wie alle Produktionen der bei EuroArts erscheinenden San Francisco Opera-Edition enthält auch diese Veröffentlichung eine zweite DVD mit Bonusmaterial, das im vorliegenden Fall mit einer Reihe teils sehr aufschlussreicher Interviews u. a. mit Ahab-Darsteller Jay Hunter Morris, Dirigent Patrick Summers und Komponist Jake Heggie aufwartet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Heggie, Jake: Moby-Dick

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
21.10.2013
Medium:
EAN:

DVD
880242596581


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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