> > > Enescu, George: Sinfonie Nr. 3 op. 21
Samstag, 24. August 2019

Enescu, George - Sinfonie Nr. 3 op. 21

Mit spitzem Buntstift gezeichnet


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die zweite Folge von Hannu Lintus Gesamteinspielung der Sinfonien von George Enescu widmet sich dem sinfonsischen Gipfelwerk, der Dritten Sinfonie. Das Ergebnis fasziniert.

Von Zeit zu Zeit trifft es sich, dass in kurzem Abstand hochkarätige Aufnahmen von Werken eines Komponisten auf dem Tonträgermarkt erscheinen, und das ohne die unselige Orientierung an Komponisten-Jubiläen. So geschah es in den letzten Monaten, dass eine ganze Reihe hervorragender Hindemith-Einspielungen neu erschienen sind. In gleicher Weise gilt das für den rumänischen Komponisten George Enescu, der zwar (vor allem als Komponist) weit weniger bekannt ist als Hindemith, aber deswegen beileibe kein Komponist von kleinerer künstlerischer Statur. Nachdem im letzten Jahr Hannu Lintu zusammen mit dem Philharmonischen Orchester der finnischen Stadt Tampere eine bemerkenswert farbenreiche Interpretation der von Enescus Zweiter Sinfonie vorgelegt hat und zwischenzeitlich Valentin Radutiu und Per Rundberg mit den kompletten Werken für Violoncello und Klavier eines der diskographischen Highlights des letzten Jahres boten, lässt Ondine nun die zweite Folge des Enescu-Sinfonien-Zyklus folgen. Auch diesmal spielt das technisch beachtenswerte Philharmonische Orchester Tampere unter der Leitung von Hannu Lintu.

Zu hören ist als Hauptwerk Enescus während des Ersten Weltkriegs (genauer: 1916) entstandene, rund dreiviertelstündige Dritte Sinfonie, mit der ihm der internationale Durchbruch gelang und die sich auch im Rückblick als Gipfelpunkt seines sinfonischen Schaffens zu erkennen gibt. Enescu führt in den drei Sätzen die mit überreicher Klang(farben)fülle ausgestattete dichte orchestrale Polyphonie an ihre Grenzen; arg viel dichter lassen sich die Klangtexturen in Bezug auf Farbenreichtum und polyphone Anlage nicht schichten. Eingeleitet wird die Aufnahme aber von der später (1948) entstandenen 'Ouverture de concert sur des thèmes dans le caractère populaire roumain' op. 32, in der Enescu eine sinnenfreudige Verbindung folkloristischen Idioms mit avancierter Kompositionskunst erreicht. Hier kippt, wie etwa auch in manchen Stücken von Pehr Henrik Nordgren, die archaisch-musikantische Rhythmik des Volksmusikhaften direkt in die Kunstfertigkeit der musikalischen Moderne, ohne dass man eine Bruchstelle ausmachen könnte.

Es gibt von Enescus Sinfonien nur wenige Aufnahmen; das lässt diese aufnahmetechnisch sehr detailgetreue (sogar manche SACD-Produktion weit hinter sich lassende) Einspielung ohnehin als willkommene Ergänzung erscheinen. Eine erfreuliche Bereicherung ist sie aber vor allem, weil sie zu der bislang als Referenz geltenden Enescu-Interpretation von Gennady Rozhdestvensky eine ebenso überzeugende Alternative bietet – und das verbunden mit einem ganz anderen Zugang. Während der russische Dirigent die intrikate Mehrstimmigkeit auf einem farbsatten Klangggrund entfaltet und das Ergebnis einem sehr motivreichen Gemälde mit üppigem Farbauftrag gleich, erweist sich Hannu Lintus interpretatorischer Zugang als filigrane Zeichnung. Bei Lintu hört man die mit einem Übermaß an instrumentalen Farben ausgestattete Mehrstimmigkeit – Musiktheoretiker nennen dieses Farben- und Stimmengemisch Heterophonie – wie mit einem spitzen Buntstift gezeichnet: Anders als bei Rozhdestvensky gibt es hier kein waberndes Klangband, sondern die einzelnen Farben sind dünn gezeichnet, dazwischen meint man das weiße Blatt Papier zu sehen, so durchhörbar organisiert der finnische Dirigent Enescus opake Klangschichtungen. Das ist eine interpretatorische Annäherung, die der heute vorherrschenden Ästhetik transparenten Musizierens nachkommt, gleichzeitig aber auch einen faszinierenden Blick auf Enescus Dritte Sinfonie freigibt.

Besonders gelungen ist abgesehen von den zahlreichen Einzelaktionen des bestens aufgelegten Philharmonischen Orchesters Tampere die Gewichtung der orchestralen Gruppen, wobei erfreulicherweise auch die breite Palette an Klangfarben des ausgedehnten Schlagwerkapparats beispielhaft zur Geltung kommt. Wirklich warm klingt der Klangkörper zwar nie, aber dafür wird man mit sattem Leuchten der Bläser und feine Nachzeichnungen ganz luftig-unheimlicher Flegeott-Klänge belohnt.

Ungleich wichtiger als die bloße Auffächerung klangfarblicher Pracht ist die Konsequenz, mit der Lintu die motivischen Zellen einem zielgerichteten Prozess stetiger Umwandlung unterwirft. Die Spannungslinien und musikalischen Charaktere sind zwingend herausgearbeitet und auch der unwiderstehliche, zuweilen Richard Strauss deutlich hinter sich lassende Schwung gerät mitreißend. Hannu Lintu scheut, was seiner Interpretation nur guttut, auch das monumentale Pathos nicht, das am Höhepunkt der Sinfonie – bemerkenswerterweise ist die Klimax der Sinfonie ein Einbruch der Hauptthematik des ersten Satzes im schnellen Mittelsatz – den Bewegungsimpuls bricht und massiv Raum für sich beansprucht, ehe im dritten, langsamen Satz das Philharmonische Orchester Tampere, unterstützt von dem zugehörigen philharmonischen, mit Vokalisten betrauten Chor, die elegische Musik mit Ruhe entfaltet.

Hannu Lintu gelingt mit seiner Deutung der Dritten Sinfonie eine Steigerung zur ersten Folge seines Enescu-Zyklus. Diese Einspielung wird sicher zu den dringenden Empfehlungen dieses Jahres im sinfonischen Bereich gehören – egal, was da noch so kommen mag. Die Produktion ist rundherum sehr gelungen, nicht zuletzt wegen des zwar nur englisch-finnischen, aber perspektivenreichen Einführungstextes.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Enescu, George: Sinfonie Nr. 3 op. 21

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
07.10.2013
Medium:
EAN:

CD
761195119723


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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