> > > Stenhammar, Wilhelm: Streichquartette Vol.2
Freitag, 24. Mai 2019

Stenhammar, Wilhelm - Streichquartette Vol.2

Mit Angriffslust


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch die zweite Folge der Gesamteinspielung von Wilhelm Stenhammars Streichquartetten zeigt die nach dem Komponisten benannte schwedische Quartettformation in bester Spiellaune und mit expressiver und struktureller Durchdringung der komplexen Musik.

Vor kurzer Zeit legte das schwedische Stenhammar Quartet die erste Folge einer Gesamteinspielung der Streichquartette seines Namensgebers bei BIS Records vor. Dem Einstieg nach zu urteilen, ist dieser Zyklus der Quartette des schwedischen Komponisten Wilhelm Stenhammar (1871–1927) eine höchst lohnenswerte Bereicherung, da er die bisher erhältlichen Einspielungen dieser Werke in vielerlei Hinsicht überragt: zweifellos in klangqualitativer Hinsicht, erfüllen die als hybride SACD produzierten Aufnahmen doch audiophile Ansprüche; dann auch im Hinblick auf den Werkumfang, denn hier ist nun in vorliegendem zweiten Teil der Serie auch das aus Stenhammars offizieller Nummerierung seiner Quartette ausgeschlossene f-Moll-Quartett als Weltersteinspielung enthalten. Und nicht zuletzt fand das Stenhammar Quartet bei den in Vol. 1 enthaltenen Quartetten Nr. 3 und 4 einen hochexpressiven Zugang, der die Qualitäten dieser in ihrer Zeit außergewöhnlichen Werke unterstreicht. Das gilt in gleicher Weise auch für die zweite Folge, die neben dem bereits genannten, entstehungsgeschichtlich dritten, zurückgezogenen Quartett in f-Moll (1897) das C-Dur-Quartett Nr. 5 op. 29 und das letzte Quartett d-Moll op. 35 einschließt.

Im Gegensatz zur Herbheit des a-Moll-Quartetts Nr. 4 schlägt Stenhammar im folgenden, um 1910 entstandenen C-Dur-Quartett einen gelösten, heiteren, fast stürmischen Ton an. Dieses als Serenade betitelte Quartett bezieht sich auf die jahrhundertealte Tradition der humoristischen Serenata, insbesondere im langsamen Satz; diese 'Ballata' porträtiert einen schwedischen Don Quixotte auf Brautwerbung – Stenhammar verwendet die volkstümliche Weise vom tragikomischen Ritter Finn Komfusenfej als Grundlage eines Variationssatzes, in dessen Verlauf die auftretenden Charaktere der Brautwerbestationen vom Stenhammar Quartet mit größter Lust an typenhafter Zuspitzung musikalisch mit Leben erfüllt werden. Das schließt sentimentale Hypertrophien ebenso ein wie ein tragikomisches Ende, wenn zum Schluss alle Mühe vergebens war und das Thema aschfahl zu Boden geht – zusammen mit dem Pferd samt Ritter.

Auch in schnellen Sätzen zeigt sich das Stenhammar Quartet in bester Spiellaune, im flirrenden Scherzo gar virtuos. Mit wunderbarer Frische und einem gerüttelt Maß Angriffslust werfen sich die vier Musiker in den Außensätzen ins motorische Geschehen, das in seiner zupackenden Rhythmik und der ‚kerngesunden‘ Harmonik Stenhammar hier in großer Nähe zu Carl Nielsen rückt – das sorglos voranstürmende 'Allegro molto'-Finale des C-Dur-Quartetts hat sogar einiges gemeinsam mit dem Sanguiniker-Finale der Zweiten Sinfonie ('Die vier Temperamente') von Nielsen, einen Moment der Einkehr eingeschlossen.

Eine weitaus härtere Nuss hat Stenhammar dem Ensemble in seinem d-Moll-Quartett Nr. 6 (1916) zu knacken aufgegeben. Hier ist der gesamte musikalische Satz aufs Wesentliche beschränkt, fast karg. Die Stimmen bewegen sich in kontrapunktischer Durchdringung, die Motivik ist verknappt auf einzelne, zu konsequenter Verarbeitung herangezogene Gesten. Diese insbesondere im Eingangssatz recht mürbe Musik will durchdrungen werden, um ihre abstrakt erscheinenden Einzelbestandteile – ‚Elementarteilchen‘ werden sie im exzellenten Beihefttext genannt – in eine packende Dramaturgie zu überführen.

Dem Ensemble gelingt dieses Kunststück auf sehr anerkennenswerte Weise, auch hier wieder dadurch, dass die Musiker die dürren Ausdrucksgesten zuspitzen, etwa im zweiten Satz 'Allegro vivace' oder auch im Finalsatz. Dem 'Poco adagio' verleiht das Stenhammar Quartet indes mit weit ausgreifenden Melodiebögen eine räumliche Weite, die den anderen Sätzen aufgrund ihrer kompositorischen Beschaffenheit abgeht. Ebenso überzeugend gelingt auch das Sorgenkind unter Stenhammars Quartetten, das mit seinem spätromantischen Tonfall in kompaktem Satz einen ganz anderen Stil präsentiert. Vor allem die Integration eines scherzosen Abschnitts in den langsamen Satz (eine Formlösung, die man später auch bei Sibelius findet) wird vom Stenhammar Quartet organisch realisiert.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stenhammar, Wilhelm: Streichquartette Vol.2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
11.09.2013
EAN:

7318599920092


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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