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Samstag, 25. Mai 2019

Skrowaczewski, Stanislaw - The Complete OehmsClassics Recordings

Glühen von innen


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Oehms Classics hat anlässlich des 90. Geburtstages von Stanislaw Skrowaczewski eine dickleibige Geburtstagsgabe geschnürt. Die 28 CDs enthaltende Box ist ein Fest für Freunde der romantischen Sinfonik.

Wer den Erfolg von Stanisław Skrowaczewski allein hierzulande betrachtet, könnte versucht sein, ihm eine Alterskarriere zu attestieren, die freilich vor allem auf seine Gesamteinspielung der Sinfonien von Anton Bruckner zurückgeht. In der Tat gehört dieser Zyklus neben jenen von Eugen Jochum oder Günter Wand zu den Meilensteinen der Bruckner-Diskographie. Mit diesen Einspielungen, aufgenommen mit dem damaligen Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken und seinerzeit noch bei Arte Nova erschienen, hat Skrowaczewski Schallplattengeschichte geschrieben. Mit Günter Wand hat Skrowaczewski übrigens einiges gemeinsam: den uneitlen, ganz auf die Sache konzentrierten Habitus, eine späte Karriere, in deren Zentrum die Sinfonien Anton Bruckners stehen, aber auch die Tatsache, dass geflissentlich das nicht minder bedeutsame Wirken übersehen wird, das der sogenannten Alterskarriere voranging; und nicht zuletzt, dass beide in hohem Alter, nach einer bereits etwa ein dreiviertel Jahrhundert währenden Dirigentenlaufbahn immer noch am Pult standen bzw. im Falle Skrowaczewskis immer noch stehen. Stanisław Skrowaczewski ist einer der dienstältesten der momentan noch wirkenden Dirigenten: In diesem Jahr feiert der immer noch rüstige und wie ehedem mit frischem Denken manch Jüngere um Längen überragende Dirigent seinen 90. Geburtstag.

Oehms Classics nimmt das zum Anlass, um Skrowaczewski mit einer dickleibigen Jubiläumsbox zu feiern und auch Achtung zu zollen. Unter dem Titel ‚the complete oehmsclassics recordings‘ sind sämtliche Sinfonien-Zyklen versammelt, die Skrowaczewski einst für Arte Nova (produziert von Dieter Oehms) und später für das Label Oehms Classics eingespielt hat, d. h. die kompletten Sinfonien von Bruckner, Beethoven, Schumann und Brahms. Ergänzt werden die Zyklen in dieser opulenten, 28-teiligen Sammlung durch eine sehr hörenswerte Aufnahme der Chopin-Klavierkonzerte mit Ewa Kupiec, je eine Bartók- und Berlioz-Platte und eine CD, die sich ganz dem kompositorischen Schaffen von Stanisław Skrowaczewski widmet – eine hochwillkommene Ergänzung, schließlich hat Skrowaczewski neben seiner selbsterklärten Hauptaufgabe als Dirigent seit seiner Jugend komponiert. Er steht als komponierender Dirigent in einer langen Tradition, die von Weingartner, Klemperer und Walter, über Dorati bis hin zu Maazel und Salonen reicht. In seinen hier aufgenommenen Werken – einer mit spukhaften Bläserfarben aufwartenden 'Music at Night', einer Fantasie für Flöte und Orchester namens 'Il Piffero della Notte' und der Symphony (2003) im Gedenken an Ken Dayton – zeigt sich Skrowaczewski als versierter Orchestrator, der insbesondere den filigran ausgearbeiteten Bläserstimmen geradezu liebende Aufmerksamkeit zukommen lässt.

Und genau da scheint mir, wenn man Skrowaczewskis eigene Werke mit den hier versammelten Einspielungen von Werken der ‚großen‘ Sinfoniker in Beziehung setzt, der Verbindungspunkt zu liegen. Denn auch in den Aufnahmen den Sinfonien-Zyklen, besonders stark bei Bruckner und Beethoven, fasziniert die ganz persönliche Stimmengewichtung innerhalb des Orchesters, die stets die Bläserstimmen intensiv ausleuchtet und in ein gegenüber dem sonoren Streicherklang auffallend prominentes Verhältnis bringt.

Skrowaczewski hat bereits während seiner 19jährigen Amtszeit als Chefdirigent des Minneapolis Symphony Orchestra (heute: Minnesota Orchestra) und später des britischen Hallé Orchestra unzählige Aufnahmen gemacht. Seit 1991 aber arbeitet der Dirigent für Einspielungen hauptsächlich mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken und der später aus den fusionierten Rundfunkorchestern Saarbrücken und Kaiserlautern hervorgegangenen Deutschen Radio Philharmonie zusammen. Diese Aufnahmen sind es auch, die seine ‚Alterskarriere‘ in Deutschland begründeten oder zumindest entscheidend förderten – und hier ganz besonders Skrowaczewskis Bruckner-Zyklus, einer der Gipfelzüge der Bruckner-Diskographie, der erfreulicherweise auch die sogenannte ‚Nullte‘, die Studiensinfonie f-Moll, die g-Moll-Ouvertüre und eine vom Dirigenten besorgte Einrichtung des langsamen Satzes von Bruckners Streichquintett einschließt.

Im Gegensatz zu so manch anderen angeblichen Bruckner-Spezialisten unserer Tage, die breiige Konturenlosigkeit, gefühlige Tempoverbreiterungen bei ‚schönen‘ Stellen, speckknödelgesättigte, fette Blechbläserklänge mit vermeintlich Bruckner-typischer Tiefe verwechseln und dumpfe Ideenlosigkeit als traditionsverbundenes Kapellmeistertum ausgeben, hat Skrowaczewski eine individuelle, hochinteressante und vor allem sehr anregende Lesart anzubieten. In ihr verbinden sich strukturklarer Scharfsinn und geradezu musikantische, spielfreudiger Natürlichkeit, gekrönt von der bereits angedeuteten, zugunsten der Bläser verschobenen Gewichtung des Orchesterklangs.

Mit liebevoller Einfühlsamkeit werden hier Phrasen ausformuliert, wobei Skrowaczewski der Musik stets genug Entfaltungsraum gibt; daher tendieren die Tempi in seinen Bruckner-Deutungen insgesamt eher zum Langsamen. Gleichzeitig aber sorgt der Dirigent für ein freies, ungehindertes Fließen. Beispielhaft dafür stehen die mit langem Atem entfalteten Melodiebögen der langsamen Sätze der Siebten und Achten Sinfonie, behutsam, aber umso eindringlicher die machtvollen Steigerungen ansteuernd. Während die Streicher und Holzbläser Kantilenen betörend weich ausformen, lässt Skrowaczewski aber das Blech detailscharf artikulieren. Farblich werden auffallend hell timbrierte Hörner und knackig zu Werke gehende Posaunen gegenüber dem vollmundigen, auf einem satten Bassfundament ruhenden Streicherklang auf sehr ansprechende Weise abgesetzt. Mit dieser klangfarblichen Auffächerung der Register korrespondiert ein in diesen Interpretationen ganz individuell gehandhabtes Verhältnis von kantiger Robustheit der blockartigen Parataxe (etwa im Kopfsatz der Neunten) und subtil miteinander verbundenen Linien, etwa im ersten Satz der Siebten Sinfonie.

Spürbar ist in jedem Moment ein Glühen von innen, das Skrowaczewskis Interpretationen eine ungeheure Lebendigkeit und Ausdrucksstärke verleiht und in den Beethoven-Sinfonien darüber hinaus mit einem unwiderstehlichen, manchmal fast unwirsch-ruppigen rhythmischen Elan verbunden wird. Nicht immer sind die zuweilen klanglich etwas spitz werdenden hohen Streicher in allen Sechzehntelläufen exakt zusammen, doch fällt das gegenüber dem gewaltigen Furor, mit dem hier musiziert wird, überhaupt nicht ins Gewicht.

Natürlich ist in einer so reich bestückten CD-Sammlung nicht alles von gleicher Güte. So wirken die Schumann-Sinfonien manchmal (etwa in der Durchführung der Vierten) ein wenig hölzern. Da steht Skrowaczewskis Genauigkeit einem die Ausdruckswerte vital vermittelnden Musizieren etwas entgegen. Auch den langsamen, hier in äußerst bedächtigen Tempi entfalteten Sätzen wird eine Breite verliehen, die sie fast implodieren lässt. Die Aufnahme von Berlioz‘ 'Symphonie fantastique' gehört ebenfalls nicht zu den flammendsten Deutungen dieses Schlüsselwerks romantischer Sinfonik.

Überzeugender sind im Vergleich die Brahms-Sinfonien, besonders die Vierte, in der einmal mehr die Bläser sehr farbige Akzente setzen. Und dann ist da neben Bartóks Konzert für Orchester und dem Divertimento für Streichorchester ja noch eine Einspielung der Chopin-Konzerte, die durch eine kammermusikalisch intime Abstimmung mit der Pianistin Ewa Kupiec sehr für sich einnehmen können.

Abgerundet wird diese reichhaltige Sammlung auch klangtechnisch tadelloser Einspielungen durch ein ansprechendes Beiheft, in dem neben diversen Grußworten zum 90. Geburtstag Stanisław Skrowaczewskis und Anekdoten ein Einführungstext des Skrowaczewski-Biographen Frederick Edward Harris jr. mit sorgsam gesetzten Strichen ein feines Porträt dieser Interpretenpersönlichkeit zeichnet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Skrowaczewski, Stanislaw: The Complete OehmsClassics Recordings

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
28
23.09.2013
EAN:

4260034860902


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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