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Freitag, 24. Mai 2019

Bach, Johann Sebastian - Bacharkaden

Choral experimentell


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Sebastian Bach als Choralkomponist - mit vielfältigen Brechungen und Bezügen fantasievoll gedeutet von Wolfgang Katschners Lautten Compagney und dem Leipziger Calmus Ensemble.

Es gibt viele Wege, sich dem Werk Johann Sebastian Bachs zu nähern, viele wurden gegangen, nicht alle mit größtem Ertrag, manche mit geradezu ohrenöffnenden Ergebnissen. Wolfgang Katschners Lautten Compagney ist als erprobt experimentierfreudiges Ensemble prädestiniert dafür, innovative Deutungsansätze zu verfolgen, ausgetretene Pfade zu verlassen. Bei der Erkundung des großen Choralkomponisten Bach haben die Berliner sich mit dem Leipziger Calmus Ensemble potente Unterstützung gesichert.

Gemeinsam untersuchen sie den Choral als verbindendes, verschiedene Sphären umschließendes, Zeiten überbrückendes Element – und finden mit dem Begriff der Arkaden ein wirklich schönes Bild für all diese Qualitäten. Und auch wenn der Choral viele Protagonisten kennt, ist doch sicher Bach das beste Medium für die Umsetzung dieser Idee. Die Aneignungen und Bearbeitungen sind kreativ, sensibel, erfrischend, getragen von tiefem Respekt für die Substanz der Musik, durchaus gelegentlich auch mutig – nachzuhören in der temperamentvoll swingenden Version des bekannten Choralvorspiels BWV 645 'Wachet auf, ruft uns die Stimme'.

Vieles davon funktioniert sehr gut, wirkt inspiriert und schlüssig, vor allem die Kontraste in Richtung älterer und neuerer Musik – der Bogen reicht von Dufay über Purcell bis zu Pärt und Tavener – liefern interessante Aufschlüsse. Natürlich wäre auch manch anderer Bezug herzustellen gewesen, doch wirkt das Programm auch in dieser Gestalt durchaus überzeugend. Mancher Satz wird seiner Üblichkeit entkleidet, auf seinen Kern reduziert, dadurch auch manch archaische Wirkung hervorrufend, zum Beispiel in der Deutung des Eingangschors aus BWV 12 'Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen'. Interessant und durchaus unterhaltsam sind auch die vokal-instrumental gemischten Reduktionen solch ausgreifender Werke wie der Kreuzstabkantate BWV 56 oder der großen Motette 'Jesu, meine Freude' BWV 227 – jeweils zusammengehalten vom choralen Element.

Unternehmungslustige Könner

Wolfgang Katschners Lautten Compagney erweist sich wiederum als extrem spielfreudige, dabei enorm klangsensible Formation in erprobter Besetzung. So haben der Perkussionist Peter Bauer und die Saxofonistin Karola Elßner schon an der 2010 veröffentlichten, programmatisch gleichfalls hochinteressanten Platte mit dem Kontrastpaar Tarquinio Merula und Philip Glass eindrucksvoll mitgewirkt. Und auch bei Bach verfängt das fantasievolle, differenzierte Spiel der beiden in dem sonst mit Martin Ripper an der Blockflöte, Ulrike Becker an der Viola da gamba und Wolfgang Katschner an der Laute besetzten Ensemble sehr deutlich, fügt es sich bruchlos in den feinen Ansatz der Formation ein. Das Saxofon wartet gelegentlich gar mit der schlanken, konzentrierten Anmutung eines Zinks auf. Wolfgang Katschners Laute hält das Geschehen zusammen, verbindet die lineare mit der perkussiven Ebene höchst subtil.

Das Calmus Ensemble unterstreicht die Qualitäten seiner wunderbar harmonischen, ebenso erprobten wie erfahrenen Besetzung. Die fünf Vokalisten kennen ihre Mittel und wissen sie über weite Strecken optimal einzusetzen: Vor allem choraliter zeigen sie sich schlicht, gesammelt, mit edelster Balance und erlesenem Schmelz. Die ‚Ausflüge‘ von Bach weg geraten besonders eindrücklich, etwa die hochkomplexe Dufay-Motette 'Ecclesiae militantis' oder 'The Lamb' von John Tavener. Und noch etwas zeigt sich: Auch dem Calmus Ensemble bekommt es nicht, wenn es sich in konzertanten Sätzen vereinzelt – exemplarisch nachzuhören im Ausschnitt aus der Kantate BWV 28 'Nun lob, mein Seel, den Herren'. Dann sind die fünf Leipziger ganz normale Sänger, der Zauber des geschlossenen Zusammenklangs verflüchtigt sich. Das muss freilich niemanden beunruhigen: Fast allen hochklassigen Formationen von den King’s Singers bis zum Hilliard Ensemble geht es ähnlich.

Das Klangbild der Produktion ist klar, sehr plastisch, mit einem spürbaren, aber nie dominanten Raumanteil, wirkt insgesamt sehr gut balanciert und gestaffelt. Einzig dem Vokalbass gegenüber scheint es latent unfreundlich.

Es ist dies eine experimentierfreudige Konstellation mit einigem Ertrag: Natürlich steht das Lob des Chorals im Mittelpunkt, auch eine tiefe Verbeugung vor Bach als vielleicht profiliertestem Meister dieser Form. Die Musiker gehen einige Risiken ein und werden dafür belohnt. Das Potenzial des Chorals wird mit exploratorischem Mut wie mit ästhetischem Geschmack ausgelotet. Schön, dass es nicht nur Platten gibt, die zu 100 Prozent kalkuliert sind, sondern auch solche, die man sich hörend erarbeiten muss, die vielfältig anregen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Bacharkaden

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Carus
1
04.10.2013
EAN:

4009350833814


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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