> > > Stenhammar, Wilhelm: Streichquartett Nr. 4 op. 25
Samstag, 25. Mai 2019

Stenhammar, Wilhelm - Streichquartett Nr. 4 op. 25

Angstausbruch und Introspektion


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die erste Folge einer Gesamtaufnahme der Streichquartette Wilhelm Stenhammars durch die nach dem Komponisten benannte schwedische Quartettformation kündigt ein diskographisches Ereignis an.

Der schwedische Komponist Wilhelm Stenhammar befindet sich in der Rückschau recht einsam auf weiter Flur. Im Gegensatz zu Carl Nielsen und Jean Sibelius, den beiden alles überstrahlenden skandinavischen Komponisten ihrer Zeit, ist Stenhammar neben seinen Landsleuten Hugo Alfvén und Ture Rangström weitgehend unbekannt geblieben. Das mag zum einen daran liegen, dass Stenhammar mit den repräsentativen Gattungen der Jahrhundertwende keinen internationalen Erfolg hatte – zum anderen aber auch an seinen eigenen Schwerpunktsetzungen: Neben Sinfonie, Oper, Klavierwerken und vor allem Liedern bildet das Streichquartett den Kern seines Schaffens, das er mit sieben gewichtigen Beiträgen bedachte – und das um und kurz nach 1900, als überall klangfarbensatte, rauschende Orchestermusik angesagt war. Das allein schon ist bemerkenswert. Noch bemerkenswerter aber ist die Qualität seiner Quartette, in denen die produktive Auseinandersetzung mit der Tradition zusammen mit konstruktiver Dichte und Ausdrucksvielfalt eine attraktive Verbindung eingehen.

Nach spätromantischen Anfängen entwickelte sich Stenhammar zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine klassizistische Richtung; strukturelle Integration und harmonische Herbheit, mit modalen Einflüssen angereichert, führten zu einer kantigeren Musik als jener seiner jungen Jahre. Sie konnte teils auch richtiggehend schroff daherkommen. Das zeigen etwa die beiden Streichquartette, die das nach dem Komponisten benannte schwedische Quartett für BIS in der ersten Folge einer Gesamtaufnahme der Stenhammar-Streichquartette präsentiert. Zu hören sind das Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 18, entstanden 1897–1900 und das a-Moll-Quartett (Nr. 4) op. 25 aus den Jahren 1904–09. Dazwischen erklingen zwei Sätze der Schauspielmusik zu 'Lodolezzi sjunger' (Lodolezzi singt) op. 39 (1919).

Das Stenhammar Quartet pflegt einen individuellen Klang und eröffnet einen eigenständigen Zugang zu den Quartetten. Dem Timbre der ersten Violine eignet eine eigentümliche Schärfe und Gespanntheit des Tons, der sich allerdings zur Darstellung der intensiven kompositorischen Arbeit thematischer Entwicklung bestens eignet. Der Ensembleklang des Stenhammar Quartet wirkt teils nur wenig integriert, dafür wird die kunstvolle Polyphonie dieser teils spröden, aber ausdrucksstarken Musik umso stärker betont: Die Stimmen bewegen sich frei und sind konturenscharf gestaltet. Dazu passt ein Zugang, der das Moderne dieser Musik hervorkehrt. Im Gegensatz etwa zur Einspielung des a-Moll-Quartetts durch das Oslo String Quartet (cpo) wirken die konträren Bewegungsgesten (schnelle, etwas zerfahrene Bewegung plus choralhafte, archaisierende Antwort) des Kopfsatzes wie Fragmente, die lose nebeneinanderstehen, einen eigenen Bewegungsgrad ausbilden und kaum vereinbar scheinen. Auch im weiteren Verlauf des Satzes spitzen die vier Musiker des Stenhammar Quartet die Arbeit mit den Bruchstücken zu, bevor in der Durchführung so etwas wie Zusammenhang entsteht.

Äußerst dramatisch angelegt ist auch der vierte Satz 'Presto molto agitato – Molto allegro' des F-Dur-Quartetts, an dessen Beginn wild auffahrende Angstausbrüche sich mit lyrischer Introspektion abwechseln. Eine musikalische Aussöhnung dieser gegensätzlichen Elemente ist schwer vorstellbar. Das offene Ausstellen konträrer Ausdruckswerte wird bei den Interpreten allerdings nicht zur Masche; im Variationsfinale des Quartetts op. 25 etwa setzt das Stenhammar Quartet auf Zusammenhang und auch in den klanglich variabel gestalteten langsamen Sätzen wird die Musik mit Ruhe und Augenmaß entwickelt. Hinzu kommt eine enorme klangliche Spannweite; besonders eindringlich geraten den vier Herren des Stenhammar Quartetts jene Passagen, in denen der Musik jegliche Farbe genommen zu sein scheint, etwa im ersten Satz 'Elegi' der Schauspielmusik.

Man darf also gespannt sein, wie es im Stenhammar-Zyklus von BIS weitergeht. Die Erwartungen sind hoch, zumal bei dieser hybriden SACD wieder einmal ein exzellenter Ausgleich von dynamischer Differenzierung, Klangfarbenvielfalt und Raumvolumen in der Klangtechnik gefunden wurde. Abgerundet wird die Aufnahme durch einen Einführungstext einer berufenen Autorin, die wie kaum eine zweite über genaueste Kenntnisse der Stenhammar-Streichquartette verfügt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stenhammar, Wilhelm: Streichquartett Nr. 4 op. 25

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
12.06.2013
EAN:

7318599916590


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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