> > > Rachmaninov, Sergei: Sinfonie Nr. 1
Dienstag, 21. Mai 2019

Rachmaninov, Sergei - Sinfonie Nr. 1

Gegen den Strom


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lan Shui schließt mit dieser hochexpressiven Deutung von Rachmaninoffs Erster Sinfonie eine formidable Gesamteinspielung der sinfonischen Werke Rachmaninoffs ab.

Über den Zeitraum von fünf Jahren ist beim schwedischen Label BIS ein Zyklus der Sinfonien von Sergej Rachmaninoff herangewachsen, der neben dem von Vasily Petrenko zu den spannendsten unserer Tage gehört und die russisch-englische Gesamteinspielung von Petrenko und dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra in einigen Bereichen sogar überragt (vom BIS-hauseigenen, qualitativ deutlich abfallenden Konkurrenzprodukt mit Owain Arwel Hughes ganz zu schweigen).

Der chinesische Dirigent Lan Shui hat bereits mit seiner hörenswerten Aufnahme von Rachmaninoffs Zweiter Sinfonie bewiesen, dass er einen eigenen Zugang zu diesem von kurzsichtigen Kritikern vielgeschmähten Komponisten sucht und findet. In der zweiten Folge mit der Dritten Sinfonie und den sogenannten Paganini-Variationen – späten Werken des amerikanischen Exils – konnte Shui den überaus positiven Ersteindruck untermauern und nun hat er mit zwei Werken aus dem frühen Schaffen des Komponisten einen mächtigen Schlussstein gehauen, der diese Serie der Rachmaninoff-Sinfonien in den Kreis der wenigen wirklich (und das heißt: rundum) überzeugenden Zyklen katapultiert.

Auch diesmal steht Lan Shui und dem Sinfonieorchester Singapur der Pianist Yevgeny Sudbin zur Seite. Er übernimmt den Solopart in Rachmaninoffs Erstem Klavierkonzert fis-Moll op. 1, jenem jugendlich voranstürmenden Konzert des nicht einmal zwanzigjährigen Komponisten, das rund ein Vierteljahrhundert später gründlich überarbeitet wurde, freilich ohne sein juveniles Feuer einzubüßen. Diesem voran geht die Erste Sinfonie d-Moll op. 1895, deren Misserfolg den ohnehin selbstkritischen Rachmaninoff über Jahre hinweg kompositorisch verstimmen ließ. Die Kombination dieser beiden Werke zeigt aufs Beste, wie stark Rachmaninoffs eigener Stil bereits in frühen Jahren ausgeprägt war, wenn auch manche Tschaikowsky-Reminiszenzen noch zu entdecken sind.

Einen eigenen Stil, nun allerdings bezogen auf die Deutung von Rachmaninoffs Orchesterwerken, hat auch der Dirigent Lan Shui entwickelt. Im Gegensatz zu den allzu oft träge dahinfließenden opulenten Klangströmen, die um der ‚schönen Stellen‘ willen hie und da noch verbreitert werden, lässt Shui nicht nur die gesamte Ausdruckspalette zur Gänze ausspielen, sondern sorgt gleichzeitig auch dafür, den Reichtum komplexer Mehrstimmigkeit mustergültig klanglich aufzudecken. Faszinierend ist vor allem, dass Lan Shui vor Pathos nicht zurückscheut und mit satten Streicher-Portamenti auf der einen und knorrigem Blech samt krachendem Schlagwerk auf der anderen Seite die Kontraste ungeschönt auf den Hörer loslässt. Damit schwimmt er gegen den Strom der nivellierenden Deutungen, die heutzutage oftmals zu hören sind und das Rachmaninoff-Bild auf denkbar einseitige Weise prägen.

Am erstaunlichsten ist jedoch, wie Shui Spannungswellen organisiert, dabei selbst beim Zurückgehen ins Piano und Pianissimo (hier macht er deutliche Unterschiede!) den melodischen Faden nie abbrechen lässt und auf diese Weise eine geschlossene, sinnvolle Dramaturgie schafft. Schon der ungemein pathetisch genommene Anfang des ersten Satzes gibt das Maß vor: Hier werden Extreme aufgesucht. Und die werden dann an ganz unterschiedlichen Stellen in unterschiedlicher Weise zum Kraftzentrum der Interpretation: extrem nuancenreich ist die Dynamikabstufung, von extremer Spannung ist die Phrasierung beherrscht, extrem sind die wellenartigen Spannungsverläufe, Steigerungen und energischen Entladungen, extrem ist die Klarheit, mit der Details der polyphonen Partitur hörbar gemacht werden; darüber hinaus fallen extrem leicht geführte, agile Bassstimmen auf.

Und doch rundet sich trotz der vielfältigen Extreme diese Deutung zu einem geschlossenen Ganzen, weil die unbändige rhythmische Energie, mit der der Finalsatz in Gang gesetzt wird, dem Maß pathetischer Breite in der Kopfsatz-Einleitung entspricht und in gleicher Weise dem tragischen Ende nach dem dramatischen Tam-tam-Wendepunkt im Finale. Und auch, weil die Farbenpracht der Mittelsätze mit den herrlichen gespielten Bläseranteilen ein Gegengewicht schafft. So stehen die Extreme in einer durchdachten Beziehung zueinander und heraus kommt eine an dramatischer Kraft äußerst reiche Interpretation der d-Moll-Sinfonie.

Entfesselt und stürmisch zeigt sich auch Yevgeny Sudbin im fis-Moll-Klavierkonzert, den jugendlichen Überschwang der rhythmisch schneidigen Musik energisch unterstützend. Mit den einzeln hervortretenden Orchesterstimmen ergibt sich ein inniger Dialog, und auch das Zusammenspiel von gesamtem Orchester und Solist ist von ausgesuchter Genauigkeit, vor allem auch in der Phrasierung, die von einem gemeinsamen Atmen geprägt scheint. Dieses spannungsreiche, in machtvollen Schüben sich ergießende Musizieren lässt ebenso wenig Wünsche offen wie die exzellente, dynamisch große Spannweiten ermöglichende Klangtechnik, die das fabelhaft disponierte Orchester in räumlicher Tiefe und klangfarblicher Prägnanz erstklassig eingefangen hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninov, Sergei: Sinfonie Nr. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
15.05.2013
EAN:

7318599920122


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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