> > > Händel, Georg Friedrich: Rinaldo
Dienstag, 19. November 2019

Händel, Georg Friedrich - Rinaldo

Händels 'Rinaldo' als witzig-poetisches Pubertätsdrama


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Händels 'Rinaldo' in einer ebenso witzigen wie klugen Inszenierung von Robert Carsen mit einer ausgezeichneten Sängercrew.

Georg Friedrich Händels 'Rinaldo', seine erste und damals überaus erfolgreiche Londoner Oper, ist heute schwer zu inszenieren. Was soll man aus einem phantastischen und wirren Kreuzritterepos machen, in dessen Mittelpunkt die Geschichte des Titelhelden steht, der seine Geliebte Almirena, die von einer bösen Zauberin Armida entführt worden ist, mithilfe eines christlichen Magiers aus der Gefangenschaft befreit und gleichsam nebenbei auch noch Jerusalem einnimmt?

Robert Carsen, der die Oper 2011 in Glyndebourne inszenierte, hatte dafür eine ausgezeichnete Idee: Zu den ersten Tönen der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick in ein leeres Klassenzimmer frei. Ein Junge in Schuluniform kommt zur Tür herein, sichtlich aufgeregt und nervös. Der Grund wird schnell klar: Er ist über beide Ohren verliebt, trägt das Foto eines pubertierenden Mädchens mit blonden Zöpfen vor sich her, drückt es immer wieder an sein Herz. Als er das Bild gerade in seinem Pult verstecken will, stürmen Klassenkameraden das Klassenzimmer. Sie durchschauen die Situation sofort, machen sich über ihn lustig, zerreißen die Fotografie und beginnen eine wüste Schlägerei. Der Lärm provoziert die Autoritäten der Schule, eine Lehrerin, klar die Chefin, und ein Lehrer betreten den Klassenraum. Mit autoritärer Geste findet die sadistische Frau schnell den Schuldigen: Der Junge kriegt mit dem Rohrstock eine ordentliche Tracht Prügel. Dann beginnt der Unterricht. Eine Klassenarbeit ist zu schreiben. Die Aufgabe wird an die Tafel geschrieben: Wurden die ersten Kreuzritter durch religiösen Idealismus oder politische Rachsucht motiviert? Der Junge tritt ans Pult der Lehrerin um seinen Bleistift zu spitzen, und im gleichen Augenblick beginnt eine magische Verwandlung: Aus dem jungen Mann wird Rinaldo, aus seiner blond-pubertierenden Freundin Almirena. Aus der sadistischen Lehrerin wird Armida, aus dem Lehrer Argante. Folgerichtig, mit ebenso viel Dramatik wie Humor, aber auch mit poetisch stillen Momenten, entwickelt Carsen das wirre Kreuzritterdrama Georg Friedrich Händels als Phantasie eines pubertierenden Jugendlichen. Mit seinem Team, dem Bühnenbildner Gideon Davey und dem Lichtdesigner Peter van Praet, gelingt es ihm, seine Grundidee in jedem Moment der Inszenierung in eine visuelle Sprache zu übertragen, die sich auf der Bühne bestens bewährt. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten – nur, dass es viel zu sehen gibt.

Carsens Rechnung geht auch deswegen auf, weil alle Protagonisten mit Elan, sichtlicher Freude und überzeugender musikalischer Interpretation dabei sind. Sonia Prina singt einen kämpferischen Rinaldo, wobei ihr die lyrischen Momente weniger überzeugend gelingen als die halsbrecherischen Koloraturen. Bei Brenda Raes schwieriger Partie der Armida überzeugen auch die getrageneren Passagen, in denen man beinahe schon die innere Zerrissenheit einer Alcina erahnen kann. Ihr furioses 'Vo‘ fa guerra' macht ihr demgegenüber ein wenig Schwierigkeiten. Anett Frisch singt das ‚girlie‘ Almirena makellos und mit warmer Stimme; ihr 'Lascia ch‘io pianga' hat man indes schon inniger gehört. Luca Pisaroni gibt mit seinem dunklen, manchmal etwas polternden Bass den Bösewicht Argante. Auch die kleinen Rollen sind exquisit besetzt; vor allem Varduhi Abrahamyan überzeugt mit seiner warmen Counterstimme als Goffredo. Ottavio Dantone lässt das Orchestra of the Age of Enlightenment eher italienisch und mit großem Schwung, aber dennoch stets elegant spielen. Eine wirklich gelungene und erfrischende Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Historische Aufführungspraxis
    Es gäbe noch eine sehr einfache Antwort darauf, wie man das phantastische, wirre Kreuzfahrerepos inszenieren könnte: Genau so! Ich habe das im Prager Ständetheater gesehen, ohne künstliche Beleuchtung, dafür mit opulenter Bühne und Effekten, wie sie zu Händels Zeit beliebt waren, inklusive der bösen Zauberin, die im Drachenwagen vom Schnürboden herabschwebt. Historische Aufführungspraxis könnte man das nennen - nur eben auf die Inszenierung bezogen. Rinaldo ist eben ein Werk der Vergangenheit. Warum darf man das auf der Bühne nicht erkennen, während die Musik so klingen darf und muss? Das soll freilich nicht heißen, dass nicht auch eine Modernisierung gut gelingen kann.

    Nutzer_PKKAMTX, 04.12.2012, 11:51 Uhr
    Registriert seit: 29.11.2004

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Rinaldo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
10.09.2012
Medium:
EAN:

DVD
809478010814


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