> > > Semperoper Edition Vol. 3: Wieder Wagner ? Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen
Montag, 22. April 2019

Semperoper Edition Vol. 3 - Wieder Wagner ? Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen

Wieder Wagner?


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wieder einmal entpuppt sich die Fortsetzung der

Die Position von Richard Wagners Werken während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein altbekanntes und vieldiskutiertes Kapitel. Wie auch immer die eigene Sichtweise sein mag, kommt doch den ersten Aufführung von Wagners Opern Ende der 1940er Jahre im besetzten Deutschland eine besondere Bedeutung zu. In der liebevoll gestalteten und genau recherchierten ‚Semperoper Edition‘ beim Label Profil Edition Günter Hänssler ist nun eine Box mit drei CDs erschienen, die sich den ersten Wagner-Konzerten und Wagner-Rundfunkaufnahmen der Nachkriegszeit innerhalb der sowjetischen Besatzungszone widmet. Denn auch wenn Aufführungen von Wagner-Opern nach Kriegsende von der Militäradministration erst einmal verboten waren, so erklang Wagners Musik doch recht bald zumindest im Konzertsaal.

Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen

Die ersten Wagner-Klänge, die in Dresden nach dem Krieg öffentlich zu hören waren, hatte Joseph Keilberth bei einem Konzert der Staatskapelle im November 1946 durchgesetzt. Leider ist die Aufnahme nicht erhalten, zumindest hat sie keinen Eingang in die vorliegende Zusammenstellung gefunden. Die erste Aufnahme der Box stammt somit vom September 1948. Keilberth dirigiert das Vorspiel zu den 'Meistersingern'. Die Staatskapelle klingt prachtvoll und es schwingt bei allem Prunk auch ein Hauch von Sentimentalität mit.

Die darauf folgenden Ausschnitte aus 'Tannhäuser' stammen zwar aus einer Leipziger Rundfunkproduktion, die auch vollständig beim Label Walhall erschienen ist, sie wird aber zum Großteil von Dresdner Ensemblekräften bestritten. So gibt es ein Wiederhören mit der aufregenden Sopranstimme von Brünnhild Friedland, die als Elisabeth eine gelungene Mischung aus lyrischem Schmelz und fanfarenhafter Leuchtkraft bietet. Auf der zweiten CD ist sie zudem als mädchenhafte Senta zu erleben. Als Tannhäuser kommt der heute leider in Vergessenheit geratene Ernst Gruber mit klarer Diktion und prächtigem Stimmmaterial zum Einsatz. Dora Zschille ist seine Venus, Kurt Rehm ein voluminöser Wolfram.

Weitere 'Tannhäuser'-Ausschnitte wecken die Sehnsucht nach einer Gesamteinspielung mit Bernd Aldenhoff in der Titelpartie. Die Venus-Szene aus dem ersten Aufzug, mit Margarete Bäumer als Venus, besitzt ein so hohes Maß an Energie und vokaler Kraft gepaart mit Klangschönheit, dass sie gewaltiges Suchtpotential birgt. Aldenhoffs intensive ‚Rom-Erzählung‘ auf der dritten CD und ein fulminantes Duett des zweiten Akts mit der Elisabeth von Christl Goltz befriedigen den Wunsch nach einer Gesamtaufnahme zumindest teilweise. Glücklicherweise sind auch noch einige andere Aldenhoff-Aufnahmen der Nachkriegsjahre in dieser Sammlung enthalten. So zum Beispiel Lohengrins 'Höchstes Vertrau’n' vom Dezember 1949, Siegfrieds Schmelz- und Schmiedelied vom Neujahrskonzert des Jahres 1948, Walthers Preislied aus den 'Meistersingern' und eine bewegende Aufnahme von Rienzis 'Allmächt’ger Vater' – tonschön, fast schon meditativ und von erstklassiger Textverständlichkeit.

Die wohl frühesten Aufnahmen stammen vermutlich aus einem Konzert im Frühsommer 1945 für Soldaten der US-Army und dokumentieren einen jungen Hans Hopf als Lohengrin. Die beiden Fragmente beweisen Hopfs lyrische Qualitäten und lassen uns schon den späteren Tannhäuser und Siegfried erahnen. Besonders anrührend ist auf dieser CD die Schlussansprache des Hans Sachs mit dem Dresdner Publikumsliebling Josef Herrmann. In seiner dunklen Tonfärbung, dem herben Timbre und der emotionalen Tiefe wirken die Worte des Hans Sachs in diesem Neujahrskonzert wie eine mahnende Ansprache an die anwesenden Zuhörer. Gänsehaut ist garantiert.

Die dritte CD beginnt mit zwei Tondokumenten aus 'Tristan und Isolde'. Rudolf Kempe dirigiert im Jahr 1956 die Staatskapelle Dresden mit dem Vorspiel zum ersten Aufzug und dem angehängten Liebestod in der konzertüblichen Instrumentalvariante. Gleich darauf erklingt Isoldes Liebestod aus dem Jahr 1947 in einer Probeaufnahme mit der Sopranistin Christl Goltz. Ob man der Künstlerin einen Gefallen getan hat, diese Aufnahme auszugraben, ist fraglich. Die Goltz wirkt geistig abwesend, ihr leuchtendes Timbre kommt nicht wirklich zur Geltung, sie absolviert die Nummer souverän, aber ohne großen Einsatz. Ihre ein Jahr später entstandene Rundfunkaufnahme ist da wesentlich eindrucksvoller. Im folgenden 'Tannhäuser'-Duett mit Bernd Aldenhoff korrigiert sich der etwas unterspannte Eindruck von der großen Künstlerin aber augenblicklich. Die Zusammenstellung schließt mit einem großen Szenenabschnitt aus dem dritten Aufzug des 'Parsifal' vom April 1950. Darin kommen Joachim Sattler als Parsifal, Kurt Böhme als Gurnemanz und vor allem der eindrucksvolle Arno Schellenberg als Amfortas zum Zug.

Wieder einmal entpuppt sich die Fortsetzung der ‚Semperoper Edition‘ als wahre Schatzkiste, die mit Überraschungen, Raritäten und akustischen Juwelen aufwartet. Jeder Wagnerianer und vielleicht noch mehr jeder Liebhaber historischer Aufnahmen wird seine helle Freude daran haben – zumal das fast 90 Seiten starke und reich bebilderte Beiheft schon sein Geld wert ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Semperoper Edition Vol. 3: Wieder Wagner ? Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
3
08.10.2012
EAN:

881488110449


Cover vergössern

Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Profil - Edition Günter Hänssler:

  • Zur Kritik... Nüchterner Bruckner: Das WDR Sinfonieorchester Köln und sein Chefdirigent Jukka-Pekka Saraste widmen sich eingehend Bruckners Achter Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Vokal perfekt: Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden führten im Jahr 2014 in einem Gedenkkonzert Verdis Requiem mit hervorragenden Solisten auf. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Wenig Rares: Am Pult steht Lorin Maazel. Doch bis auf eine seltene Ausnahme legt das Label Profil Hänssler hier nur rechtefreie Zweitverwertungen vor. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Profil - Edition Günter Hänssler...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Blutarme Rarität: Nun kann man preiswert Johann Simon Mayrs 'I Cherusci' hören und die hauseigene Mayr-Bibliothek erweitern. Lust auf eine Wiederholung oder gar szenische Wiederbelebung dieser Opernrarität macht die Einspielung aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Sensationelle posthume Uraufführung: Jörg Halubek, Il Gusto Barocco und ein blendend aufgelegtes Ensemble lassen ihrer Begeisterung für Heinichens vergessene Oper 'Flavio Crispo' freien Lauf und stecken den Hörer mit ihrer Spielfreude und ihrem Können an. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Begrenzte Ausdrucksmittel: Olga Peretyatko ist bei Sony mit einem neuen Soloalbum zurück, dessen Programm sich spannender liest, als die Arien am Ende klingen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schütz, schlicht und klar: Sigiswald Kuijken wendet sich einer der Wurzeln seiner jahrzehntelangen hochinspirierten musikalischen Arbeit zu: Heinrich Schütz wird mit schlichter, auf Klarheit zielender Geste lebendig gemacht. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Russische Moderne: Das Gürzenich-Orchester Köln unter der Leitung von Dmitrij Kitajenko zeigt auch auf dieser Einspielung seine tiefe Vertrautheit mit der russischen Musik. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Verdienstvoll: Dieser dritte Teil der interessanten Reihe mit Passionskantaten von Christoph Graupner erfreut: Dessen kompositorische Stimme immer weiter zu stärken, so wie Florian Heyerick das mit seinem Ensemble Ex Tempore tut, ist höchst verdienstvoll. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2019) herunterladen (1559 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich