> > > Backhaus, Wilhelm spielt: Werke von Mozart, Strauss, Liszt u.a.
Montag, 22. April 2019

Backhaus, Wilhelm spielt - Werke von Mozart, Strauss, Liszt u.a.

Narrative Virtuosität


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frühe Aufnahmen von Wilhelm Backhaus zeigen einen Pianisten, der eine ganz andere Interpretationsästhetik verfolgte als die der vergangenen Generation. Allerdings eine, die gleichermaßen überzeugt.

Vor nunmehr schon rund 30 Jahren schrieb der Musikkritiker und -publizist Hans-Klaus Jungreich, dass die Schallplattenindustrie in einer Krise stecke und man daher darüber nachdenken sollte, was noch produziert wird. Ihm schwebte der Typus des ‚Musikentdeckers‘ vor, der die Archive nach Interessantem durchforsten sollte. Es scheint, als würde sein Wunsch nun in Erfüllung gehen.

Die vorliegende CD des Pianisten Wilhelm Backhaus ist so eine interessante Ausgrabung. Sie umfasst Einspielungen, die uns in die Anfangsjahre der Reproduktionstechnik (Klavierrrollentechnik, akustische und elektrische Aufnahmen) entführen. Die zeitliche Spanne reicht von 1908 bis 1940. Es sind zumeist Aufnahmen mit virtuosen Werken von Rachmaninoff, Liszt, Brahms, Chopin, Délibes, Schubert und anderen, deren Interpretationen den aufmerksamen Zuhörer augenblicklich in Bann zieht. Es wird sofort hörbar, dass hier ein Instrumentalist musiziert, der etwas zu sagen hat. Wilhelm Backhaus, der im Jahre 1884 geboren wurde, gehört zu den ersten Pianisten im modernen Sinne, die den romantischen Überschwang der Generation der Pianisten der Liszt-Schule ablehnten: ‚... mein Ziel ist nicht, das Publikum zu überreden, dass ich gut spiele, sondern ihm die Schönheit des Werkes, das ich interpretiere, nahezubringen.‘ Nur vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass Backhaus in seinen jungen Jahren kalter Perfektionismus und sinnentleerte Virtuosität vorgeworfen wurde.

Leider sind seine Interpretation, wahrscheinlich vor dem Hintergrund seines unrühmlichen Verhaltens während der NS-Diktatur (was umso unverständlicher erscheint, da er seit 1931 Schweizer Staatsbürger war), in Vergessenheit geraten. Aber es kann hier nicht der Ort sein, dies näher zu untersuchen. Faszinierend bleibt, dass diese Aufnahmen noch immer viel von der geistigen Tiefenschärfe, die die Interpretationen von Backhaus haben, vermitteln.

Überraschend auch die erstaunlich klare Aufnahmetechnik. Die Interpretationen sind so hinreißend, dass man etwaige klangliche Eintrübungen schnell vergisst und ins Grübeln darüber kommt, wie unwichtig Aufnahmetechnik eigentlich ist, wenn die Interpretation stimmig ist. Spannend sind auch die Bearbeitungen einzelner Werke vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Kapazität des Aufnahmemediums zeitlich begrenzt war. Unter diesem Aspekt ist die vorliegende Einspielung auch ein Anstoß, die Auswirkung der Aufnahmetechnik auf das Werkverständnis einmal unter dem Aspekt zu reflektieren, dass in einer Zeit, als Reproduktion noch nicht alltäglich war, Interpreten und Zuhörer sich der Einmaligkeit einer Aufführung bewusst waren, in der Tat anders musiziert wurde und mit Sicherheit auch anderes gehört wurde.

Die persönliche Auffassung eines Werkes über den manuellen Zugriff hinaus durch Hinzufügen von Verzierungen und Noten, die so nicht im Notentext stehen, ist exemplarisch zu hören beim Klavierkonzert Nr. 26 D-Dur KV 537 von Wolfgang Amadeus Mozart mit dieser faszinierenden Kadenz, die Backhaus selbst komponierte. Die Akkuratesse, mit der sich Backhaus hier Mozart nähert, erinnert unter vielen Aspekten schon an den erfrischend entschlackten Zugriff von Friedrich Gulda.

Natürlich sind auch einige spannende Trouvaillen zu entdecken, wozu die Wiederbegegnung mit Werken von Komponisten wie Riccardo Pick-Mangiagalli oder Moritz Moszkowski gehört, aber auch die wunderschönen Transkriptionen einiger Lieder von Richard Strauss. Vom beigefügten Booklet wären aber schon etwas mehr Informationen zu erwarten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Backhaus, Wilhelm spielt: Werke von Mozart, Strauss, Liszt u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
2
17.09.2012
EAN:

881488120523


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


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