> > > Britwistle, Harrison: Sämtliche Streichquartette
Samstag, 25. Mai 2019

Britwistle, Harrison - Sämtliche Streichquartette

Gewichtige Streichquartette


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Arditti Quartet legt eine Gesamtaufnahme der beiden Streichquartette von Harrison Birtwistle beim französischen Label æon vor.

Bislang lediglich zwei Werke, im Verlauf der vergangenen beiden Jahrzehnte entstanden, umfasst das Streichquartettschaffen des Komponisten Harrison Birtwistle (* 1934). Bei den nun beim französischen Label æon in einer Einspielung mit dem Arditti Quartet veröffentlichten ‚Complete String Quartets‘ handelt es sich um gewichtige Stücke von jeweils einer guten halben Stunde Dauer, die durch ein hohes Maß an klanglicher Abstraktion auffallen und daher auch etwas aus dem Gesamtschaffen des Briten herausfallen. Das frühere Werk, 'Nine Movements for String Quartet' (1991-96), lässt sich als eine Art Bestandsaufnahme verstehen, die den Stand von Birtwistles in vielen Aspekten traditionsverbundenem kompositorischem Denken mit einem experimentellen, von strukturellen Erwägungen geleiteten Zugang zu den Klangfarben der vierstimmigen Besetzung verbindet.

Die neun Sätze des Werkes konstituieren sich aus zwei unterschiedlichen Satztypen, die der Komponist mit jeweils 'Fantasia' und 'Frieze' benennt. Während sich in den fünf ‚Fantasias‘ die Musik – wie zu Beginn des Werkes – in oft impulsiven, ja eruptiven und sprunghaft zwischen unterschiedlichen Materialarten pendelnden Gesten entlädt, beherbergen die 'Frieze'-Abschnitte eine eher linear ausgerichtete Materialentfaltung, was mithin zu scheinbar statischen Situationen führt. Beide Satztypen vereint der konzentrierte Umgang mit den Klängen, die in jedem einzelnen Stück von den Musikern zu einem miniaturhaften Streichquartettkosmos ausgeleuchtet werden. Dass Birtwistle die neun Quartettsätze auch zur Verschränkung mit seinen '9 Settings of Celan' für Sopran und Ensemble (1989-96) vorgesehen hat – in dieser Fassung hat das Arditti Quartet bereits 2001 bei Teldec eine Einspielung des Werkes vorgelegt –, erklärt zudem den Umstand, dass der abschließende Satz 'Frieze 4' im Titel auf Paul Celans ‚Todesfuge‘ verweist.

Im Gegensatz zu dem explosiven Beginn der 'Nine Movements' wartet Birtwistles Streichquartett 'The Tree of Strings' (2007) mit einem vorsichtig tastenden Beginn auf, dessen Klangfarben sich allmählich auseinander entwickeln. Der Komponist realisiert hier zunächst Abfärbungen von einer zentralen Tonhöhe, die sich immer weiter zu einer komplexen Harmonik auswachsen und dabei kunstvoll verzweigt werden. Das Pulsieren einzelner Klänge ist wunderbar eingefangen, auch die gestisch motivierte solistische Einsätze erscheinen prägnant, verleihen dem vom Arditti Quartet sehr präzise gezeichneten, homogenen Gesamtklang als Gegengewicht den Eindruck personalisierter Äußerungen, die sich im weiteren Verlauf von monologischen Situationen zu gruppendynamischen Prozessen hin entwickeln. Zwischen diesen Zuständen lässt der Komponist seine Musik pendeln und erreicht dabei über den Werkverlauf hinweg unterschiedliche Dichtestadien, indem er immer wieder an anderen Elementen der musikalischen Gestaltung ansetzt.

Dass dies alles von den vier Musikern mit kaum zu übertreffender Perfektion realisiert wird, versteht sich fast von selbst. Erfreulich ist allerdings, dass der unverkennbare Arditti-Klang, zwar auch diesmal unschwer erkennbar, zumindest im Falle von 'Tree of Strings' nicht so stark in den Vordergrund der Interpretation gedrängt wird, wie etwa bei der 2009 erschienen Gesamtaufnahme der Streichquartette Jonathan Harveys. Ganz im Gegenteil agiert das Ensemble stellenweise mit einem hohen Maß an Zurückhaltung und wahrt dabei eine Spannung, die dem Vortrag der rhythmisch komplex verdichteten Passagen in nichts nachsteht und damit zu einigen der fesselndsten Momente dieser Einspielung beiträgt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Britwistle, Harrison: Sämtliche Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.04.2012
EAN:

3760058360170


Cover vergössern

aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag aeon:

  • Zur Kritik... Interpretation der Spitzenklasse: Der französische Pianist Cédric Pescia überzeugt mit einer faszinierend nuancierten Zugang zu Cages 'Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier'. Weiter...
    (Tanja Geschwind, )
  • Zur Kritik... Kulturelle Anverwandlung: Thierry Pécous Werke erweisen sich als spannende anarchische Weltenmusik, die Grenzen mühelos übergeht. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Schlackenloser Vokalklang: In einer starken CD-Produktion fokussiert das Ensemble Exaudi mit Kompositionen Wolfgang Rihms und Luigi Nonos auf unterschiedliche Facetten zeitgenössischer Vokalkunst. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von aeon...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Dirigierender Komponist: Die kommunikative Qualität von Hans Zenders Musik kommt auf dieser Einspielung bestens zur Geltung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Charakterisierungskunst: Andreas Haefliger will uns Altbekanntes in neuem Licht erscheinen lassen. Auch wenn das teils fragwürdige Ergebnisse zeitigt – spannend ist es immer. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... 'Indianer'-Triptychon: Die vorliegende Einspielung von Rameaus 'Les Indes galantes' bringt fürs Kennenlernen alles mit, was man sich wünscht: hörbaren Spaß an barocker Theatralik und bei aller Schönheit einen hohen Unterhaltungswert. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Schubert: Fantasie C-Dur op.15, Wanderer D. 760 - Allegro con fuoco, ma non troppo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich