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Montag, 27. Mai 2019

Cage, John - Sonaten & Interludien

Interpretation der Spitzenklasse


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der französische Pianist Cédric Pescia überzeugt mit einer faszinierend nuancierten Zugang zu Cages 'Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier'.

Die 'Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier' gehören zweifelsohne zu John Cages‘ bekanntesten Zyklen und experimentieren mit damals völlig neuartigen Methoden und Klängen. So wird das Instrument in den 20 Kompositionen beispielsweise mit Schrauben zwischen den Saiten oder Radiergummis bestückt, sodass der Ton einzelner Tasten seinen typischen Klang verändert. Cage beschäftigte sich Anfang der 1940er Jahre mit traditioneller östlicher Musik und den Schriften der Kunsthistorikerin Ananda Coomaraswamy. So entstand die Idee, den Zyklus von Sonaten und Interludien als musikalische Umsetzung der acht indischen Ästhetik-Prinzipien (Rasa) zu betrachten: Liebe, Humor, Wut, Pathos, Ritterlichkeit, Angst, Abscheu und Verwunderung finden in den Miniatur-Stücken ihre musikalische Verwirklichung, ohne jedoch einzelnen Titeln zugeordnet zu sein.

Cédric Pescia gelingt es meisterhaft, diese Emotionen einzufangen, zu vermischen und sie in einen Dialog treten zu lassen. Sein präzises Klavierspiel spiegelt seine exzellente Ausbildung am Konservatorium von Lausanne wieder, wo er u.a. mit Barenboim, Aimard und dem Alban Berg Quartett studierte, bevor er sein Studium in Berlin fortsetzte. Jedem der hier eingespielten Stücke verleiht er einen ganz individuellen Charakter; teils mystisch, teils schrill, aber auch melodisch und zärtlich. Die Sensibilität seiner Interpretation übt auf den Hörer eine fast schon magische Anziehungskraft aus und macht ihn zum Reisenden durch eine fernöstliche, fremde Kultur. Obwohl moderne – vor allem postmoderne – Musik oft auf Ablehnung trifft, da unser europäisches Gehör stark auf Tonalität fixiert ist, gelingt Pescia hier eine Interpretation der Spitzenklasse, die mehr einen meditativen und faszinierenden Charakter besitzt und einen idealen Einstieg in die Musik John Cages darstellt. Der weiche, teils sehr leise Klang entsteht vor allem durch einen sehr kontrollierten und bewussten Anschlag jeder einzelnen Taste. Pescia gestaltet selbst schwierige Passagen und Übergänge mit spannungsvollen Bögen und Phrasierungen. Die teils glockenhaften Klänge erinnern an fernöstliche Kulturen und stellen einen Bezug zur indonesischen Gamelanmusik her. Die Raffinesse seiner musikalischen Überlegungen zeigt sich auch in den stark rhythmischen Abschnitten, die einen extremen Kontrast bilden, aber dennoch mit dem Gesamtkonzept der emotionalen Bandbreite harmoniert.

Die 2012 bei Æon publizierte Aufnahme sollte in keinem CD-Regal hochwertiger Cage-Aufnahmen fehlen. Denn nicht nur die brillante Interpretation Cédric Pescias ist an dieser Stelle hervorzuheben, sondern auch die exzellente Abmischung der Aufnahme. Durch viele, nahe an den Saiten aufgestellt Mikrofone hört man deutliche Unterschiede einzelner Präparierungen, die in einer schlechten Aufnahmequalität völlig untergehen würden. Auch die schöne CD-Hülle mit aufwendig gestalteter Innenseite und Booklet ist ein Augenschmaus und lädt zum Stöbern ein. Die Texte sind zwar nur auf Englisch und Französisch verfasst, schildern aber in verständlicher Sprache das Wichtigste über den Komponisten, Interpreten und die Entstehungsgeschichte. Deshalb eine klare Kaufempfehlung an jeden, der sich mit moderner Musik beschäftigt!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tanja Geschwind Kritik von Tanja Geschwind,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cage, John: Sonaten & Interludien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.05.2012
EAN:

3760058360279


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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