> > > Barokksolistene: London calling: Werke von Händel, Corelli u.a.
Freitag, 24. Mai 2019

Barokksolistene - London calling: Werke von Händel, Corelli u.a.

Barocke Popmusik


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musikalisch ansprechende, aber manchmal etwas kühl-distanziert interpretierte Auswahl nicht allzu bekannter Barockstücke, die zur Zeit Händels von ihm und seinen Kollegen in London aufgeführt worden sind.

‚London Calling‘ ist der Titel eines der wichtigsten Songs der Britischen Band The Clash. Der Song wurde 1979 veröffentlicht, noch im gleichen Jahr erschien das gleichnamige und preisgekrönte Album, das innerhalb der Rockmusik stilbildend für eine neue Richtung, den Punkrock, werden sollte. Der Inhalt des Songs ist ausgesprochen düster: Die schwierigen sozialen Verhältnisse der Großstadt London werden in eine Perspektive globaler Katastrophen eingebettet. Der Titel lehnt sich an die Ankündigungen der international ausgestrahlten BBC-Nachrichten während des Zweiten Weltkriegs an, die regelmäßig mit ‚This is London calling …‘ begannen. Entsprechend dazu soll die apokalyptische Situation der Welt durch den Song in alle Länder der Erde getragen werden. Der Titel hat sich inzwischen von diesem ursprünglich düsteren Hintergrund emanzipiert und steht für musikalische Pop- und Rockfestivals, die in einer Stadt geboten werden. Entsprechend dazu heißt ‚Hietzing Calling‘ beispielsweise ein erfolgreiches Musikfestival in dem entsprechenden Bezirk Wiens. Wenn sich eine Klassikproduktion ‚London Calling‘ nennt, wird man entsprechend damit rechnen, dass sich die Klassiker der Musik, die in London oder für London komponiert worden sind, auf der Aufnahme finden. ‚It‘s just old pop music‘ steht daher wohl auch vielversprechend auf der Rückscheibe eines Londoner Doppeldeckerbusses, der auf dem Cover der CD abgebildet ist.

Wer nun aber meint, die Aufnahme sei nichts als eine weitere Kompilation von nur allzu bekannten Londoner ‚Klassikern‘der Barockzeit, die eingespielt worden sind, sieht sich erfreulicherweise getäuscht. Im Gegenteil: Eingeleitet und beendet wird die Produktion mit je drei Stücken aus Händels eher wenig bekannter Oper 'Amadigi di Gaula', die noch sehr im italienisch-virtuosen Stil komponiert worden ist. Es folgt das Concerto Grosso in D-Dur op. 6 Nr. 4 von Arcangelo Corelli, ebenfalls im italienischen Stil. Darauf werden die Stücke der Aufnahme stiller und getragener. Auf die Sinfonia zum dritten Akt folgt die Wahnsinnsszene 'Where shall I fly? ' aus Händels Oratorium 'Hercules', die Sonate in A-Dur für Violine und Basso continuo von Francesco Maria Vernacini, die englisch-folkloristische Elemente aufnimmt, und als Höhepunkt der Aufnahme die Arie 'As with rosy steps the morn' aus Händels 'Theodora'. Das Concerto Grosso in d-Moll Nr. 12 ('La Folia') von Francesco Geminiani, dramatisch und virtuos, leitet über zu drei weiteren Stücken aus Händels 'Amadigi', dessen 'Sento la gioia' die Aufnahme beschließt.

Die Musik wird durchweg stilsicher, aber unaufgeregt, unpathetisch und ohne jegliche übertriebene Hektik interpretiert. Das auf Alte Musik spezialisierte Ensemble Barokksolistene (BarSol) unter seinem künstlerischen Leiter und Violinisten Bjarte Eike, der die Solopartien in den Concerti übernimmt, pflegt einen klaren, durchaus auch scharfen, aber nicht kantigen und nur manchmal etwas ruppigen Stil. Die Mezzosopranistin Tuva Semmingsen hat eine technisch makellose, tiefe, satte, ausdrucksstarke und flexible Stimme, die im Timbre viel Ähnlichkeit mit der Stimme Sonia Prinas hat. Das Feuerwerk an Koloraturen liegt ihr mehr als die Melancholie und Tiefe, die Händels Theodora eigentlich erfordern würde; das 'Sento la gioia' interpretiert sie am Schluss der Aufnahme überraschend kühl und distanziert.

Der Klang der Aufnahme ist transparent, plastisch und ausgewogen, das Booklet informativ, auch wenn nicht wirklich deutlich wird, warum genau die Stücke ausgewählt worden sind, die auf der Aufnahme zu finden sind. Herausgekommen ist eine alles in allem erfreuliche Aufnahme, deren Titel den Inhalt allerdings nicht sonderlich treffend charakterisiert und an deren bleibendem Repertoirewert man trotz der musikalischen Qualität berechtigte Zweifel haben kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Barokksolistene: London calling: Werke von Händel, Corelli u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
18.04.2012
EAN:

7318599919973


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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