> > > Ferrari, Luc: JETZT - oder wahrscheinlich ist dies mein Alltag, in der Verwirrung der Orte und der Augenblicke
Montag, 22. April 2019

Ferrari, Luc - JETZT - oder wahrscheinlich ist dies mein Alltag, in der Verwirrung der Orte und der Augenblicke

Alltag und aufgebrochene Geschichte


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der Reihe "ZKM milestones" erscheint bei Wergo eines der zentralen Hörstücke des französischen Komponisten Luc Ferrari in einer vorbildlichen 3-CD-Edition.

Um es vorweg zu nehmen: Diese von Wergo veröffentlichte, in jeglicher Hinsicht vorbildliche und exzellente CD-Edition ist eine sehr spezielle Angelegenheit. Sie richtet sich vor allem an Hörer, die sich für das experimentelle Hörspiele begeistern, wie es unter dem Begriff der ‚akustischen Kunst‘ seit einigen Jahrzehnten zumeist von den Rundfunkanstalten der ARD produziert wird. Konkreter Gegenstand ist eine Arbeit des Franzosen Luc Ferrari (1929–2005), die bei der ersten Begegnung genauso sperrig erscheinen mag wie ihr langer Titel: 'JETZT – oder wahrscheinlich ist dies mein Alltag, in der Verwirrung der Orte und der Augenblicke'. Ferraris musikhistorischer Standort ist insofern bedeutsam, als der Komponist vor allem – aber nicht ausschließlich – in den zwischen 1967 und 1989 entstandenen Stücken seiner ‚Presque rien‘-Reihe eine betont anti-elitäre Avantgardemusik anstrebte: eine Musik, zu deren Entstehung auch der musikalisch ungebildete Dilettant durch Zugriff auf das jedermann zugängliche Produktionsmittel Tonband beitragen sollte, indem er – analog zur zeitgleich aufkommenden Polaroid-Fotografie – akustische ‚Schnappschüsse‘ aus Alltag und Lebenswelt sammelte.

Wie andere Hörstücke Ferraris aus dieser Zeit wendet sich auch die 1981/82 beim Hessischen Rundfunk produzierte Arbeit 'JETZT' in diese Richtung; dabei überschreitet sie jedoch die einfache Dokumentation der Klänge von Orten und Situationen, indem sie ganz bewusst die Genregrenzen negiert und sich permanent zwischen Musik, radiophoner Kunst, narrativem Hörspiel und dokumentarischem Mitschnitt bewegt. Ferrari ist hier nicht nur Chronist des alltäglichen Geschehens, sondern er tritt zugleich in einen artifiziellen Diskurs ein, der es dem Hörer erlaubt, einer künstlerisch artikulierten Reflexion über Bedingungen und Prozesse der Entstehung von Kunst – ihr Scheitern inbegriffen – im Alltag des Künstlers beizuwohnen. Von Anfang an schnitt Ferrari alles auf Tonband mit: seine Ankunft am Frankfurter Flughafen, die Einrichtung des Mikrophons, die Gespräche über Vorgehensweise und Inhalte des geplanten Hörspiels sowie die mit seiner Ehefrau Brunhild Ferrari in deutscher und französischer Sprache geführten Diskussionen, und verwob diese Elemente mit musikalischen Einspielungen des Quartetts Vivant Quartet de Narbonne. Entstanden ist dabei eine gleichsam aufgebrochene Geschichte: eine kunstvolle Montage aus Klangmaterial unterschiedlichster Herkunft, die sich zu einem bisweilen verwirrenden, immer aber assoziationsreichen Geflecht fügt, in das auf spielerische Weise autobiografische Spuren und philosophische Fragestellungen eingeflochten sind.

Die in der Reihe ‚ZKM milestones‘ erschienene Veröffentlichung macht Ferraris Arbeit erstmals in ihrer ganzen Länge von knapp 124 Minuten verfügbar. Zugleich fügt sie dem Stück im üppig ausgestatteten und reich bebilderten 76-seitigen Booklet eine kommentierende Schicht aus hochwertigen Essays hinzu, die sich – von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher künstlerischer und wissenschaftlicher Provenienz (Ludger Brümmer, Rudolf Frisius, Julia Gerlach und Hermann Naber) verfasst – sich dem Hörstück aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Darüber hinaus beinhaltet die Edition eine zweigeteilte Material-CD mit künstlerischen Kommentaren zu Ferraris 'JETZT': Da sind einerseits Ausschnitte aus einem 2000 gehaltenen Vortrag des Komponisten über seine Auffassung vom Hörspiel, die eine weitere reflexive Ebene zur eigenen künstlerischen Arbeit bieten; da sind aber auch – vom ZKM in Kooperation mit hr2-kultur 2011 über die Ausschreibung ‚Ferrari (r)écouté‘ angeregt – neue, aus dem ursprünglichen 'JETZT'-Material gefertigte radiophone Kompositionen von Tiziana Bertoncini, Antje Vowinckel, Frank Niehusmann, David Fenech und Neele Hülcker, die sehr unterschiedliche Wege aufzeigen, wie eine jüngere Generation sich den Klangbausteinen Ferraris nähert und sie wiederum, unter Verwendung völlig andere Verfahren, zu akustischer Kunst formt.

Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ferrari, Luc: JETZT - oder wahrscheinlich ist dies mein Alltag, in der Verwirrung der Orte und der Augenblicke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
31.12.2011
183:87
EAN:
BestellNr.:

4010228206623
wer 20662


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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