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Sonntag, 21. Juli 2019

Werke von Brahms, Liszt & Schönberg - Klavierwerke

Ganz dicht an der Moderne


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer individuellen Interpretation von Werken von Brahms, Liszt und Schönberg, die die Fortschrittlichkeit der Kompositionen betont, beweist das Boulanger Trio einmal mehr kammermusikalische Größe.

Hoffentlich haben sich die wund geklatschten Hände der Fans des Boulanger Trios seit den Veröffentlichungen der ersten beiden CDs vor rund drei Jahren gut erholt und sind stark genug für eine weitere Runde heftigen Applaudierens. Denn auch die dritte Platte der Damen, jüngst bei Profil Edition Günter Hänssler in Kooperation mit Deutschlandfunk erschienen, ist kaum zu toppen: ein betörend guter Vortrag zauberhafter Werke. Die drei bisher eingespielten CDs ergänzen sich in der Stückauswahl, wobei sämtliche Namen und Richtungen des 19. Jahrhunderts abgedeckt werden: Nach Schumann, Saint-Saëns, Fauré und Boulanger folgen nun Kompositionen von Brahms, Liszt und Schönberg, die deutsche Seite der späten Romantik. Mit spitzfindiger Kreativität decken die Musikerinnen avancierte, stilistisch vorausweisende Elemente in allen Stücken auf und rücken die Werke somit ganz dicht an die Moderne heran.

Der Einstieg erfolgt mit Klaviertrio op. 101 (1886) von Johannes Brahms. In den vier Sätzen werden jeweils unterschiedliche Ausdrucksqualitäten herausgearbeitet. Dadurch wird zum einen ein Abflachen der Spannung vermieden, da immer wieder Neues eingeführt wird, zum anderen, bei unkonventioneller Tongebung, die im Werk schlummernde Modernität hervorgehoben. Im ersten Satz preschen Birgit Erz (Violine), Ilona Kindt (Cello) und Karla Haltenwanger (Klavier), der Bezeichnung 'Allegro energico' entsprechend, kraftvoll los. Nach einem quirligen Beginn werden dem darauffolgenden 'Presto non assai' gärende Klangformen entlockt, zwischen den Streichern hin- und hergeworfene Pizzicato-Figuren, derer im vierten Satz im Klavierpart erinnert wird. Der langsame dritte Satz wird – wohltuend, aber nicht selbstverständlich – durch einen eher trockenen Gestus vor Sentimentalität bewahrt, so wie im vierten Satz der breite Ton bis zum Höhepunkt aufgespart wird. Eher leicht als erdrückend wirkt so das Finale.

Das Herzstück der CD ist 'Tristia' (1885) von Franz Liszt, eine Bearbeitung von 'Vallée d’Obermann' aus dem Klavierzyklus 'Années de Pélerinage'. Seine Entstehungsgeschichte klingt sagenhaft: Liszt erlitt nach dem Vortrag des Klavierstücks durch seinen Schüler August Göllerich ein Gefühlsausbruch, woraufhin er gleich mehrere Bearbeitungen des 'Vallée' anfertigte. Der Name 'Tristia' wurde einer mehrbändigen Sammlung poetischer Briefe Ovids entlehnt. Die Stimmung des Stücks als trist zu bezeichnen, ist jedoch beinahe ein Gutreden. Labil, resignativ ist das grundlegende Moment, das Stück eine zerbrechliche Klage, die geheimnisvoll-tastend anhebt. Einzelne Töne in tiefer Lage des Klaviers bauen sich sukzessive zu einem dissonanten Klang zusammen. Der Gesang des Cellos fließt ein, während sich der Klavierpart zur Begleitung wandelt. Spärlich fällt diese aus, wenige angetupfte Akkorde, die an Schubert-Lieder erinnern. Schließlich kommt die Violine hinzu, ein kurzes Aufbäumen, Zerfall und Pause. Gegen Ende kommt Hoffnung auf, beim dynamischen Höhepunkt in Dur, ehe der Schimmer jedoch bis aufs Fahlste verblasst. Subtile klangliche Farbgebung und die Gestaltung des Stücks als Szene sind hier ein Muss – die Interpretinnen meistern dies exzellent.

In 'Verklärte Nacht' op. 4 (1899) von Arnold Schönberg, das Eduard Steuermann für Klaviertrio arrangierte, kommen in der Interpretation des Boulanger Trios verschiedene Stilzüge zum Tragen: schwärmerisch-impressionistische, schwülstig-romantische und expressive. In dem fünfteiligen Werk sind damit auch die Stücke der Platte zusammengefasst. Trächtige Wechselnoten, deren Bauch langsam von einer auf die andere Seite gedrückt wird (mit eher Brahms‘scher Manier) und kratzend-raue Töne nach Liszt, die manchmal so leise sind, dass ihre Existenz nur noch durch das Anspielgeräusch zu identifizieren ist. Beides sowie dramatisch-wirre Schreie der Violine stehen gleichermaßen für die expressionistische Seite Schönbergs. Auch in der Stückauswahl erweist sich die CD also als abgerundet.

Mit der insgesamt grandiosen, die Fortschrittlichkeit der Werke untermauernden Ausführung schürt das Boulanger Trio die Erwartungen auf eine CD mit Werken der Moderne. Man spürt, dass die Formation dort ihren anderen Schwerpunkt hat. Eingespielt wurde bislang einzig 'Fremde Szene III' von Wolfgang Rihm auf der zweiten CD (erschienen bei ARS Produktion). Ob wohl bald einem größeren Beitrag zur Moderne Beifall gespendet werden darf?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Sophia Gustorff Kritik von Sophia Gustorff,


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    Werke von Brahms, Liszt & Schönberg: Klavierwerke

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Anzahl Medien:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
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EAN:

CD
881488110425


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Profil - Edition Günter Hänssler

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EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
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Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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