> > > Werke von Telemann & Bach: Cellokonzert in H-Dur
Donnerstag, 18. Juli 2019

Werke von Telemann & Bach - Cellokonzert in H-Dur

Unbekanntes mit Carlos Kleiber


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Profil Edition bringt uns einen Carlos Kleiber auf Repertoire-Terrain nahe, für das der Dirigent wahrlich nicht bekannt ist: Telemann und C. P. E. Bach. Die historischen Aufnahmen sind interpretatorisch bemerkenswert modern.

Um seine Karriere in Gang zu bringen, bedurfte es im Falle Carlos Kleibers (1930–2004) über den Beweis seines künstlerischen Talents hinaus der Überwindung der Erwartungen der Zuhörerschaft. Denn stets wurde Carlos Kleiber in Zusammenhang mit seinem Vater, dem großen Erich Kleiber (1890–1956), gesehen. Aus (karriere-)biografischer Sicht ist es schließlich unabdingbar, den Einfluss des Vaters auf den Sohn zu berücksichtigen. Mit einem Interview Kleibers birgt die nun bei der Profil Edition erschienen Aufnahme zusätzlich ein wertvolles Dokument, das einen Einblick in die Persönlichkeit des öffentlichkeitsscheuen Dirigenten sowie das Verhältnis zwischen Vater und Sohn erlaubt. De facto fördert es aber keine Überraschungen zu Tage: Das abgebrochene Chemie-Studium zugunsten der Dirigentenkarriere, die zweigeteilte Beziehung zu dem ‚Herrn Vater‘ – dem sich ständig auf Reisen befindenden Familienvater und dem in seiner Tätigkeit verehrten Künstler –, und der Versuch, sich von dem Familiennamen zu distanzieren, ihn sogar zeitweise abzulegen, sind die gängigen Züge vergleichbarer Biografien.

Annäherung an historische Aufführungspraxis

Spannend ist es hingegen, den hier eingespielten Werken von Carl Philipp Emanuel Bach und Georg Philipp Telemann zu folgen – vor dem Hintergrund der Biografie des Dirigenten und als Dokument interpretatorischer Auseinandersetzung mit dieser Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Ansätze von interpretatorischer Individualität, die man bei einer Kleiber-Aufnahme erwartet, finden sich tatsächlich vor allem an der Schnittstelle dieser beiden Aspekte: Der junge Carlos Kleiber nutzte die Chance, den Stücken neuen Glanz zu verleihen. Er löste sich von den ‚klassisch-romantischen Idealen‘, welche, was die Interpretation angeht, Mitte des 20. Jahrhunderts als vorherrschender Interpretationsstil auf die Werke sämtlicher Epochen übertragen wurden, und bewegte sich schon früh in eine Richtung, die bis (und besonders) heute starke Reflexion erfährt: die Historische Aufführungspraxis – ein Aspekt, der zurecht auch im Booklet-Text durch den Kleiber-Biografen Alexander Werner hervorgehoben wird. Es wurde auf einen trocken-federnden Tonfluss und ein lockeres, aber filigranes Konzertieren Wert gelegt anstatt schwülstiger Schwere in Ton und Gestus, die in früheren Aufnahmen zu verzeichnen sind.

Orchesterwerke des Barock und der Frühklassik

Im Gegensatz zur Suite von Telemann, die im Studio eingespielt wurde, ist das Cello-Konzert Bachs der Mitschnitt eines Konzerts vom Dezember 1960 beim NDR in Hamburg. Der Tatsache geschuldet ist eine schlechtere Klangqualität des Solo-Konzerts, wobei die Aufnahme ohnehin mit dem Niveau neuerer Aufnahmen nicht zu vergleichen ist. Aufgrund des insgesamt schwammig-unklaren Tons büßt der Orchesterklang an Transparenz ein und erdrückt das Solo-Cello (Irene Güdel) in tiefen Lagen, etwa im ersten Satz. Zur klanglichen Trübheit kommt hier eine zwischendurch behäbige Ausarbeitung des 'Allegretto'. Dass es der Cellistin Irene Güdel zu dieser Zeit noch ein wenig an Reife fehlte, zeigt sich besonders im zweiten Satz des Solo-Konzerts. Neben intonatorischen Unsicherheiten wartet man vergeblich auf größere Griffigkeit in der Tongebung. Dem Spiel der Cellistin eignet Bescheidenheit, aber letztere erweist sich als den musikalischen Ausdruck eher nivellierende Schüchternheit. Flüssig-bestimmter tritt im dritten Satz 'Allegro assai' zumindest der Orchesterapparat auf.

Aufgrund der besseren Aufnahmesituation ist die Suite aus der Werksammlung ‚Musique de table‘ (1733) von Telemann deutlich gefälliger. Der Charakter der Suite als Zusammenstellung verschiedener Tänze kommt durch die gut abgestimmten Tempi der einzelnen Sätze vorbildhaft zum Tragen. So steigert sich vom Mittelsatz ('Flaterie') aus über den vorletzten ('Menuet)' das Tempo stufenweise bis zum letzten Satz, wodurch der Suite ein feierlich Abschluss gesetzt wird. Nur im dritten Satz gerät das Tempo beinahe aus den Rudern. Der angestrebten Klarheit des Klangs zufolge treten die Schichten des konzertierenden Ensembles, die hohen und tiefen Streicher sowie die Solo-Oboen, der jeweiligen Passage entsprechend in den Vorder- oder Hintergrund und geben so ein wohl ausgewogenes Bild der barocken Tafelmusik ab.

Platte für Fans von historischen Aufnahmen und Kleiber

Den über 50 Jahre alten Aufnahmen dürfen zwar im Vergleich zu heutigen keine Qualitätsmängel vorgeworfen werden; sie sind geprägt von den technischen Bedingungen ihrer Zeit. Es bietet sich dem Hörer freilich kein Hörgenuss, wie er es von aktuellen Einspielungen gewohnt sein mag. So ist die Platte weniger geeignet, sich den Werken zu nähern, sondern vielmehr als ein Stück Musikgeschichte mitzuerleben mit dem Fokus auf der Interpretation des Dirigenten Carlos Kleiber. Es handelt sich also – aus heutiger Sicht – um die historische Aufnahme eines – aus damaliger Sicht – vorausschauenden Dirigenten, die sich interpretatorisch erstaunlich weit von der Interpretationskultur der 1950er Jahre entfernt. Und speziell handelt es sich um das Zeugnis des Auftakts der Karriere Carlos Kleibers, der sich hier einmal nicht auf dem von ihm bevorzugten Repertoire-Terrain bewegt, aber die Musik trotzdem zum Ereignis werden lässt – in Werners Worten: ‚Rares Repertiore eines genialen ,Selbstverweigerers‘‘.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Sophia Gustorff Kritik von Sophia Gustorff,


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    Werke von Telemann & Bach: Cellokonzert in H-Dur

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Anzahl Medien:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
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CD
881488110319


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