> > > Beethoven, Ludwig Van: Streichquartett Op.127 Nr.12
Montag, 20. Mai 2019

Beethoven, Ludwig Van - Streichquartett Op.127 Nr.12

Delikat bis rassig


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Brentano String Quartet legt bei Aeon eine nicht nur klanglich erstklassige, sondern auch musikalisch überzeugende, in Teilen elektrisierende Aufnahme von Beethovens Quartetten opp. 127 und 131 vor.

Endlich mal wieder ein Streichquartett, das auf Anhieb gefällt. Beim Label aeon erschien eine Aufnahme mit den späten Streichquartetten opp. 127 und 131 von Ludwig van Beethoven mit dem Brentano String Quartet – eine glänzende Leistung. Satt füllt der erste Akkord von Beethovens Streichquartett Es-Dur op. 127 den Raum. Vielleicht erscheint der hier zu hörende Klang leicht metallisch-digital, dafür ist er blitzsauber und elektrisierend. Zugegeben, das Brentano-String Quartet ist keine neue Formation mehr: Dekoriert unter anderem mit dem ‚Cleveland Quartet Award‘, dem ‚W. M. Naumburg Chamber Music Award‘ und dem ‚Royal Philharmonic Award‘ feiern die vier Akteure 2012 ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum. Das insbesondere in den USA bekannte Quartett blickt bereits auf eine Karriere zurück, das es in die ganze Welt führte. In Europa waren die vier vor 15 Jahren zum ersten Mal.

Magnetisierend und ein bisschen irrlichternd ist der Zugriff im zweiten Satz 'Adagio, ma non troppo e molto cantabile'. Hier wird in fast einer Viertelstunde die Zeit zum Anhalten gebracht. Formidabel, wie es dem Brentano Quartett gelingt, das ineinander verwobene Stimmengemenge zu entflechten und jede Note durchhörbar zu machen. Hier fügt sich alles mit exzellentem Ton zu einem üppigen Ganzen. Mark Steinberg (Violine 1) und Serena Canin (Violine 2) spielen sich da vollendet die Melodie zu. Affektvoll mischt sich der Bratschenklang von Misha Amory ein. Nina Maria Lee (seit 1998 spielt sie das Violoncello im Brentano Quartet) sorgt an ihrem Instrument für eine lebendige Färbung und Formung der Basslinie.

Homogenes Vibrato

Erstaunlich, welche Homogenität das Vibrato der vier Künstler erreicht und wie delikat hier musiziert und eine gemeinsame Interpretationslinie eingehalten wird. Aufgenommen wurde die Einspielung im Oktober 2010 im Richardson Auditorium der Princeton University, USA, wo das Ensemble 1999 als ‚Quartet in Residence‘ firmierte. Rasant fällt auch das 'Scherzando vivace. Presto' aus. Mit Feuereifer gehen die Musiker da zu Werke und zeigen einen Willen zu einer adäquaten Darstellung dieses ungewöhnlichen Satzes, der auf Schöngeister auch schroff wirken kann, zumal Widerspenstiges zuhauf vom Komponisten eingeflochten ist. Rhythmisch ist das nicht immer einfach zu bewältigen, und doch gelingt es den Brentanos vorzüglich. Auch kleinste Akzente werden in dieser Aufnahme ernst genommen. Werktreue ist hier Herzensangelegenheit. Kleinste Intonationsschwächen in diesem Satz belegen, dass hier nicht wegen jeder Lappalie angeschnipselt wurde.

Dröhnende Sforzati

Beethovens Streichquartett cis-Moll op. 131 beginnt im ersten Satz 'Adagio ma non troppo e molto espressivo' im zarten Tonfall einer Fuge von Bach. Im Alla-Breve-Rhythmus halten sich die Musiker an ein gleichmäßig fließendes, sehr langsames Tempo, eine bohrende Spannung heraufbeschwörend, die noch von dröhnenden Sforzati kurz vor Satzende angekurbelt wird. Sie entlädt sich danach in einem heiteren 'Allegro molto vivace', das ruhig noch ein paar Metronomschläge rascher hätte ausfallen dürfen. Zwischen das Scherzo und den langsamen Satz schob der Komponist noch einen Eingang in Form einer Adagio-Kadenz der ersten Violine ein: Mark Steinberg spielt sie mit edlem Ton. Der eigentliche langsame Satz des Quartetts ist das als sechster Satz erscheinende 'Adagio quasi un poco Andante'. Er wird aber nur angedeutet und dauert nur rund 2 Minuten, weil das beschließende 'Allegro' hinterherdrängt. Hier herrscht oft der unbarmherzig punktierte Rhythmus vor. Die vier Musiker des Brentano String Quartet bieten noch einmal alles an furioser Virtuosität und gleichzeitig dichtestem Klang auf, was das Ende in passionierter, rassiger Weise leuchten lässt.

Das Pariser Label aeon hat keine Mühen bei der Abmischung und Klangaufbereitung gescheut und eine zauberhafte Platte abgeliefert, allerdings fehlt für die deutschsprachigen Kunden eine Übersetzung der gehaltvollen Texte (in Englisch und Französisch) ins Deutsche. Die Aufmachung der CD im schwarzen Papp-Gewand mit Abbildungen antiker Ruinen und dem Goethe-Zitat ‚Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute / Die Sonne sank und sah noch, was mich freute‘ aus der Marienbader Elegie, die seinen Neigungen zur 18-jährigen Ulrike von Levetzow entsprangen, sprechen durchaus an und knüpfen ästhetische Achsen zur Literatur. Schließlich nennt sich das Quartett nach Antonie Brentano, die aller Wahrscheinlichkeit nach Beethovens ‚unsterbliche Geliebte‘ war.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig Van: Streichquartett Op.127 Nr.12

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.10.2011
EAN:

3760058360101


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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