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Sonntag, 21. April 2019

Werken von Glass & Nyman - Streichquartett

Gut gemacht!


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das sonic.art Saxophonquartett widmet seine zweite CD den beiden Minimalisten Philip Glass und Michael Nyman.

Ich gestehe gern, dass ich kein Freund von Philip Glass und seiner Musik bin. Das macht es vielleicht noch gewichtiger, dass ich die vorliegende Platte für eine extrem faszinierende Produktion halte. Nach ihrer spektakulären, vielfach ausgezeichneten Debüt-CD von 2010, gleichfalls bei Genuin erschienen, haben sich die vier Musikerinnen und Musiker des sonic.art Saxophonquartett (Ruth Velten, Sopransaxophon; Alexander Doroshkevich, Alt- und Baritonsaxophon; Martin Posegga, Tenorsaxophon; Annegret Schmiedl, Baritonsaxophon) diesmal gegen eine heterogene Abfolge unterschiedlicher ästhetischer Ansätze entschieden, sondern mit Philip Glass und Michael Nyman ihre Einspielung ausnahmslos zwei wichtigen Vertretern der Minimal Music gewidmet. Was dabei herausgekommen ist, begeistert auf allen Ebenen.

Den Beginn markiert eine Bearbeitung des Glass’schen 'String Quartet No. 3' (1985), und gleich bei den ersten Takten wird der Unterschied deutlich, der diese Aufnahme von anderen abhebt: Die Musik breitet mit einem fast unheimlich pulsierenden, schwebenden Vorwärtsdrang aus, ohne die oft so ordinäre Penetranz anderer Interpretationen zu verströmen. Die aus Patterns gefügten Satzkonstrukte wirken dadurch wie leicht gefügte Gebilde, aus denen Tonpunkte, Schleifen und Ostinati hervortreten und unter zarter Klanggebung und Crescendo-Ansätzen zum Leben erwachen. Dabei muten die sechs kurzen Sätze wie in sich geschlossene Bögen an, die jeweils individuellen Gesetzmäßigkeiten gehorchen und eine darauf abgestimmte Farbtönung entfalten. Dies alles funktioniert dermaßen gut, dass es die mir bekannten Einspielungen der originalen Streicherfassung weit hinter sich lässt – was auch mit der beeindruckenden Qualität des Ensemblespiels zusammenhängt: Geschlossen wirkt alles, tadellos hingezaubert, und es ist schon großartig, wie der Zuhörer das Saxophonquartett immer wieder wie ein großes Instrument erlebt, das sich jedoch immer wieder auch als Miteinander von vier subtil miteinander verschlungene Klangfäden zu erkennen gibt.

Im 'Saxophon Quartet' (1995), Soloversion von Glass’ 'Concerto für Saxophon Quartet and Orchestra', erscheint die Musik einerseits klarer, andererseits aber auch konventioneller. Vielleicht gelingt es den Musikern gerade deshalb, Tutti- und Solostrukturen so herauszuarbeiten, dass man das Gefühl hat, als würden hier zwei Ensembles ihr Spiel miteinander verschränken. Hier wimmelt es von Melodielinien, die sich aus dem Kontext herausschälen, um kurzzeitig in den Vordergrund zu drängen, aber auch von Duos und Trios, die miteinander agieren. Besonders überzeugend ist die Agogik der Musiker, aus der eine Flexibilität und Elastizität entsteht, die jegliche Anzeichen von rhythmischer Starre im Keim erstickt. Rockig kommt der zweite Satz mit seinen auseinanderdriftenden und wieder zusammenfindenden Skalenverläufen daher, gleichfalls vom elastischen Umgang mit der Rhythmuskomponente geprägt und vor den Ohren des Hörers förmlich dahintänzelnd. Die zarten, verhaltenen, fast schon choralartig anmutenden harmonischen Gänge im dritten Satz, aus denen sich dann leise einfache Melodiefäden herauswinden, erscheinen demgegenüber zunächst simpel, entpuppen sich aber bei genauem Hinhören als klangliches Vexierspiel von suggestiver Kraft.

Im Gegensatz hierzu wirkt Michael Nymans Komposition 'Songs for Tony' (1993) anders, nämlich artikulierter, pointierter, weiträumiger von Kontrapunkten durchzogen, in den rhythmischen Abläufen komplexer, mit gleichzeitigen Härten und einander kreuzenden Pulsen versehen. Das Werk stellt nicht nur aufgrund dieser anderen Grundhaltung ein sehr gut gewähltes Pendant zu den beiden Glass-Stücken dar; auch der Umstand, dass in jedem der vier Sätze ein anderes Instrument in den Mittelpunkt tritt, es hier also immer um das flexible Verhältnis zwischen solistischer Melodie und Begleitflächen geht, trägt entscheidend zur Wirkung bei. So setzt das sonic.art Saxophonquartett mit Bravour den Weg fort, den es mit seiner ersten CD eingeschlagen haben, ohne sich jedoch zu wiederholen oder stilistisch festzulegen. Damit haben die vier sympathischen Musiker, dem zeitgenössischen Musikschaffen weiterhin verpflichtet, auch diesmal eine ausgesprochen eigenwillige, packende und letzten Endes wirklich großartige Einspielung vorgelegt. Gut gemacht!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Werken von Glass & Nyman: Streichquartett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
14.10.2011
EAN:

4260036252224


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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