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Sonntag, 21. April 2019

Donizetti, Gaetano - Marino Faliero

Schachspiel


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Marino Faliero' ist eine Rarität im Werkkatalog von Gaetano Donizetti. Diese Aufnahme hilft dem Werk leider überhaupt nicht auf die Sprünge.

'Marino Faliero' gehört beileibe nicht zu dem zentralen Werkkanon der Opern Gaetano Donizettis. Die 1834 in Neapel komponierte Oper erlebte ihre Uraufführung 1835 in Paris in hochkarätiger Besetzung, was aber das Werk nicht davon abhalten konnte, im Laufe des 19. Jahrhunderts zusehends von der Bühne zu verschwinden – bis zur Wiederbelebung 1966 am Teatro Donizetti in Bergamo, an jenem Ort, an dem auch am 31. Oktober und 2. November 2008 die vorliegende Neuinszenierung von Marco Spada von der RAI mitgeschnitten wurde. Seither wurde die Oper gelegentlich wieder aufs Programm gesetzt; die am prominentesten besetzte bislang veröffentlichte Aufführung erfolgte 2002 in Parma (hier waren Mariella Devia, Rockwell Blake und Michele Pertusi zu erleben). Natürlich sind große Namen nicht alles, aber sie können Repertoireaußenseitern bei dem Weg aus dem Abseits helfen.

Ein alternder, in seinen Entscheidungen schwankender Doge, eine zwischen Loyalität und unangemessenen Gefühlen für einen anderen schwankende Ehefrau, ein edler Neffe, ein arroganter junger Adeliger und ein Hauptmann, der gegen die Arroganz des Adels opponiert, das sind die Ingredienzien für diese von der Handlung her keineswegs besonders herausragenden Oper, mit wie von Donizetti nicht anders zu erwarten spannungsreicher, melodienreicher, dramatisch gesteigert Musik.

Der kroatische Bassbariton Giorgio Surian verkörpert den greisen Dogen Marino Faliero mit jeder Geste, mit jener Miene, leider auch rundum mit seiner Stimme – man hört dem Sänger, der 1982 in 'Ernani' debütierte, seine 54 Lenze leider allzu arg an. Doch kommt ihm seine Rolle entgegen, entschuldigt man unstete Stimmgebung, mangelhafte Linienführung und unelegante Tonfärbung. Ganz anderes ist über seinen Neffen zu sagen: In der dankbaren, aber heiklen Tenorrolle des Fernando bemüht sich der aus Catania stammende Sänger Ivan Magrì sehr um den rechten, frischen Ton. Er hat einen interessanten, etwas brüchigen, dennoch lyrischen Stimmklang, in der ein durchaus eigener Charakter zu erkennen ist. Auch wenn er sich in der Tiefe nicht ganz so wohl fühlt wie in figurierten Passagen und in der Höhe (die allerdings etwas eng gerät), ist er ohne Frage der Höhepunkt der Aufführung, man wünscht ihm an anderen Häusern deutlich angemessenere Partner. Sein etwas verhangenes Timbre ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, doch dürfte es für die passenden Zwischenfachpartien bestens geeignet sein.

Dagegen ist Rachele Stanisci mit der weiblichen Hauptrolle leider arg überfordert – zwar bemüht sie sich sehr um eine expressive Darstellung, doch ist ihre Stimme weit von dem entfernt, was man auch nur ansatzweise als Belcanto bezeichnen könnte; sie klingt explosiv, metallisch verzogen, kein einziger Ton ist sauber intoniert. Und damit findet sie sich in umfänglicher mediokrer Gesellschaft. Der in San Marino gebürtige Luca Grassi ist als Hauptmann Israele intonatorisch häufig nur leidlich approximativ, bietet vokal kaum mehr als eine Handzeichnung einer Figur denn eines in Öl oder Pastell ausgearbeiteten Charakters. Der aus Vicenza stammende Bassist Luca Dall’Amico ist ein Intrigant Steno quasi ohne jede Stimme – was seiner Kehle entströmt, ist ein enervierendes Gequäke, weder jugendlich noch aristokratisch, weder achtunggebietend und nur dadurch beängstigend, als man vor der vokalen Inkompetenz Angst bekommen könnte. Schade, dass die Donizetti-Pflege so im Argen liegt – Opera Rara beweisen oft genug, dass dies nicht sein muss.

Chor und Orchester sind für ein Provinzorchester in Ordnung, aber keine wirklich erste Wahl. Alles sitzt routiniert, hat aber eigentlich kein Festspielniveau; weder tiefgehenderer intimer Wohllaut noch echte Verve sind aus dem Orchestergraben zu hören. Der Opernchor (Fabio Tartari) bleibt auch im Forte zahm. Wäre nicht Ivan Magrì, man könnte kaum einen Ton der Produktion ertragen (die CD-Ausgabe muss eine arge Qual sein).

Dahingegen spürt man, dass Marco Spada das Drama von Donizetti und seinem Librettisten Giovanni Emanuele Bidera lebendig zu machen versucht – es gelingt den Solisten, ihre Charakter in Menschen aus Fleisch und Blut zu verwandeln, mit denen man mitfühlen und mitfiebern kann. Die im guten Sinne traditionalistische Inszenierung krankt allerdings (wie in Italien häufig) an der darstellerischen Inkompetenz des Opernchors, der auf den Dirigenten schauen muss und darüber das Agieren vergisst. Die Bildregie unterstützt das szenische Konzept, die Bild- und Aufnahmetechnik sind gut, aber nicht hervorragend (was auch angesichts der leider vielfach zu schwachen solistischen und orchestralen Leistungen aber nicht wirklich stört). Ein beachtliches (nur englischsprachiges) Booklet führt hinreichend in die Oper ein und komplettiert den insgesamt doch mehr als nur ausreichenden Eindruck.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Donizetti, Gaetano: Marino Faliero

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
02.05.2011
EAN:

747313561650


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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