> > > Ysaye, Eugene: Six Sonatas for Violin Solo
Sonntag, 21. April 2019

Ysaye, Eugene - Six Sonatas for Violin Solo

Ansprechend


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Judith Ingolfsson legt eine technisch tadellose, interpretatorisch weitgehend befriedigende Aufnahme von Eugène Ysaÿes sechs Sonaten op. 27 vor.

Nicht eben reich ist der CD-Markt mit Einspielungen der sechs Solo-Violin-Sonaten op. 27 von Eugène Ysaÿe gesegnet. Mit dem einen oder anderen dieser Stücke schmückt zwar mancher Geiger gern sein Programm. Wenige jedoch nehmen es gleich mit allen sechs auf. Das ist angesichts des höllischen Schwierigkeitsgrades der Werke nur allzu verständlich. Unbeeindruckt von derlei Hindernissen zeigt sich indes Judith Ingolfsson, die die Sonaten für das Label Genuin einspielte. Allein die Tatsache, dass jemand sich diesem riesigen Pensum stellt, ist bewundernswert. Wenn es dann auch noch auf durchweg höchstem technischen Niveau geschieht, wie hier, möchte man schlechtweg staunen.

Stupende Technik

Ingolfssons Tonbildung ist klar, präsent, mit dezent-intensivem Vibrato, gekennzeichnet durch einen eigenständigen Charakter, in dem rationale Kontrolle und leidenschaftliche Durchgeistigung ein bewegtes Gleichgewicht halten. Manierismus liegt Ingolfsson jedoch fern: Im Herangehen unprätentiös, beinahe nüchtern bahnt sie sich den Weg durch das Dickicht der Ysaÿe’schen Vertracktheiten. Zum Charakter des Schlackenlosen, Transparenten, den diese Aufnahme macht, trägt nicht zum mindesten auch das bespielte Instrument bei, eine Geige Lorenzo Guadagninis, die präzise in der Ansprache ist, hell und direkt im Ton. Sowohl der sich türmenden Mehrstimmigkeit als auch den tollkühnen Läufen und Arpeggien kommt solche Durchsichtigkeit zupass. Und Ingolfssons Spiel gestattet das: Höchst selten einmal, dass das gespitzte Ohr Flüchtigkeiten oder Intonationstrübungen vernimmt – und wenn es geschieht, kann es das Bild einer akribisch erarbeiteten, mit stupender Technik abrollenden Darbietung mitnichten trüben.

Graphisch nicht wiederzugebender Geist

In der (informativen, aber nicht tiefgehenden) Textbeilage der CD wird ein Diktum Carl Fleschs über Ysaÿe zitiert: ‚Seine Interpretationskunst verriet den impulsiven Romantiker, dem es nicht so sehr auf die gestochenen Notenwerte, die toten Buchstaben als deren graphisch nicht wiederzugebenden Geist ankam‘, heißt es da. Judith Ingolfsson kommt es sehr auf die ‚gestochenen Noten‘ an – das wird (nicht nur von Solisten) heutzutage gemeinhin erwartet. Wie steht es jedoch mit dem ‚graphisch nicht wiederzugebenden Geist‘?

Einerseits: Unverkennbar ist Ingolfssons dramatisch-temperamentvolle Ader. Unterkühlt ist ihre Darstellung gewiss nicht. Andererseits ist sie bestrebt, nachvollziehbar zu phrasieren, musikalische Zusammenhänge zu durchleuchten. Dazwischen aber klafft ein Spalt. Dem Hörer scheint nicht, als wüchsen die einzelnen Sätze der Sonaten, geschweige denn diese selbst, zu sich entwickelnden und entfaltenden Charakteren zusammen. Es ist, als zerfielen die großen Bögen über der luzide bewältigten Technik und mancher fraglos gelungener Detailformulierung.

Zu Judith Ingolfssons Gunsten sei angeführt, dass Ysaÿes Sonaten nicht nur technisch, sondern auch interpretatorisch gewiss zum Schwersten gehören; inhaltlich und strukturell stark konzentriert, sind sie in der Klangsprache eigenartig sperrig, kauzig. Eine Gestaltung aller sechs Werke, scheint es, müsste schon ein wirklich großer Wurf sein – ein Prädikat, dass man dieser Einspielung vorenthalten möchte. Freilich kann eine Aufnahme dankenswert und ansprechend auch ohne solch höchste Weihen sein. Diejenige von Judith Ingolfsson ist es.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ysaye, Eugene: Six Sonatas for Violin Solo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
18.03.2011
EAN:

4260036252026


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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