> > > Schumann, Robert: Carnaval op.9
Sonntag, 21. Juli 2019

Schumann, Robert - Carnaval op.9

Ausladende Gestaltungskraft


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Pianistin Lilian Akopova legt mit dieser Aufnahme ein großartiges Debütalbun vor.

Eine vortreffliche Wahl ist die neue CD der Pianistin Lilian Akopova, die bei Genuin Classics Leipzig erschienen ist. Klavierwerke von Schumann, Mendelssohn und Franz Liszt sind darauf zu hören. Dabei besticht die aus der Ukraine stammende Künstlerin vor allem durch ein gepflegtes Klangbild und eine Interpretation, die den Intentionen der Romantiker vollauf gerecht wird. Ihre musikalische Ausbildung begann Lilian Akopova in Kiew an der Lisenko Spezialmusikschule in der Obhut von Prof. Valery Kozlov. Nach ihrem erfolgreichen Abschluss im Jahr 2000 wechselt sie an die Hochschule für Musik und Theater in München, wo sie bei Prof. Elisso Wirssaladze studierte. Natürlich nahm die Künstlerin auch an verschiedenen Meisterkursen teil, zum Beispiel bei András Schiff, was unweigerlich hörbaren Einfluss auf ihr lichtes, klares Klavierspiel genommen hat. Auch von Paul Badura-Skoda konnte sie Entscheidendes lernen. Ihre künstlerische Reife hat sie mit dieser Aufnahme zweifellos bewiesen.

Bezaubernd ist dabei Akopovas ausladende Gestaltungskraft bei höchst individueller Freiheit: Der 'Valse noble' in Schumanns 'Carnaval. Scènes mignonnes' op. 9 gerät ihr ebenso improvisatorisch wie elegant. Dahingehaucht ist Eusebius‘ Thema: Hier lebt die Pianistin ihren Hang zu melancholischer Sotto-voce-Darstellung aus, ohne gekünstelt zu wirken. Überhaupt erscheint ihr Vortrag äußerst authentisch und werktreu. Florestans Thema im Anschluss kontrastiert musikalisch dazu perfekt. Hochvirtuos geht die junge Künstlerin hier zu Werke, nimmt die dynamischen Bezeichnungen ernst, wenngleich ihr Fortissimo nie ganz hart oder zu laut erscheint. Da imitiert sie den weichen Klang der damaligen Instrumente und führt so lückenlos in die Zeit der Romantik. Die Trackgrenzen sind technisch so sauber gesetzt, dass ein ungestörtes Durchhören problemlos möglich ist. Überhaupt ist die Aufnahme vom März 2010 von Tonmeister Christopher Tarnow sehr zu loben. Der Klang ist plastisch, wohlabgerundet. In den 'Papillons' legt Akopova mit atemberaubendem Tempo los, demonstriert ihre selbstlose Virtuosität, die sie quasi wie aus dem Ärmel schüttelt. 'Chiarina' gelingt ihr leidenschaftlich und mit dem nötigen Quäntchen Wehmut.

'Chopin' ist die Nummer 12 des Zyklus‘ und eine Verneigung Schumanns vor seinem polnischen Kollegen, der im gleichen Jahr wie er selbst (1810) geboren wurde. Es gab übrigens vielfältige Beziehungen zwischen den beiden: So begegneten sie sich mehrfach und widmeten sich gegenseitig Werke. Im September 1835 und September 1836 besuchte Chopin Robert Schumann und Clara Wieck in Leipzig, in ihren Tagebüchern und in Schumanns Neuer Zeitschrift für Musik sind diese Aufenthalte dokumentiert. Dass das Chopin-Portrait unmittelbar in die 'Estrella' mündet, bekommt fast niemand mit, der nicht die Noten vor Augen hat. Auch das beliebte 'Reconnaissance' gebraucht die Notenfolge As-C-H; es ist das böhmische Asch, wo Schumanns damalige Verlobte Ernestine von Fricken wohnte. Schumann mochte solche Anagrammspiele über die Maßen wie vor ihm nur Bach.

Nahtlos in Akopovas Schumann-Bild fügt sich der Einstieg in Felix Mendelssohn-Bartholdys 'Fantasie' op. 28 fis-Moll, die der 19-jährige Komponist 1828 als ‚Sonate écosaisse‘ (Schottische Sonate) entworfen hatte. Das empfindsam- volksliedhafte thematische Material mit der wehmütig absteigenden Linie unterzog der Komponist fünf Jahre später einer gründlichen Revision und widmete es seinem Freund Ignaz Moscheles. Das erklärt den virtuosen Charakter dieser Musik. Vehement steigt die Pianistin hier ins Geschehen ein und nimmt dabei unbedingt für sich ein. Sie versteht die harmonischen Wendungen in den Ablauf zu integrieren und das Ganze quasi wie eine Improvisation ablaufen zu lassen. Glücklich ist dabei die Tatsache, dass ihr exorbitante technische Mittel zur Verfügung stehen. Deutlich hörbar wird hier die Liedstruktur des Werkes, die entfernt das Kinderlied ‚Es klappert die Mühle am rauschenden Bach‘ zitiert. Furios keucht der Schlusssatz. Hier prescht die junge Pianistin nur so durch die Partitur, wobei ihr die Läufe – auch in Oktaven – gespenstisch gut gelingen. Dazu nimmt sie herrlich an Fahrt auf, schaltet und waltet dabei klanglich meisterlich. Die musikgeschichtlichen Erläuterungen zu den Werken im Begleitheft der CD, die Irina Paladi beisteuerte, sind ebenfalls profund und nützlich. Die Bebilderung ist zwar sparsam geraten – es gibt nur das Titelfoto in Farbe und ein weiteres schwarz-weißes Bild –, aber schließlich soll ja die Musik im Zentrum stehen.

Die acht 'Phantasiestücke' op. 12 von Robert Schumann zeichnen in Anlehnung an E.T.A. Hoffmanns ‚Fantasiestücke in Callots Manier‘ ein farbiges Spektrum und beschwören eine fantastisch-träumerische Welt. 1837, als Schumann daran arbeitete, hatte Friedrich Wieck den Kontakt seiner Tochter Clara zu Robert untersagt. Obwohl Schumann das Werk der schottischen Pianistin Anna Robena Laidlaw (1819–1901) widmete, wünschte er sich insgeheim, dass Clara sie spielen möge. Lilian Akopovas Interpretation dieses romantischen Meisterwerks sowie als Gute-Nacht-Hupferl Liszts Transkription von Schumanns ‚Liebeslied‘ (Widmung) runden diese gelungene CD-Produktion ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schumann, Robert: Carnaval op.9

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
22.10.2010
Medium:
EAN:

CD
4260036251920


Cover vergössern

Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Genuin:

  • Zur Kritik... Steiler Weg nach oben: Dieses Album zeichnet den Weg des Pianisten Yekwon Sunwoo zu seinem 'Cliburn'-Sieg vor. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Weite und Ruhe: Der junge isländische Tenor Benedikt Kristjánsson kombiniert auf seiner ersten Solo-CD isländische Volkslieder mit Liedern von Franz Schubert. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
  • Zur Kritik... Sensibles Vorspiel: Karim Shehata interpretiert 15 kurze Charakterstücke mit großer Sensibilität und schafft so ein abwechslungsreiches und in sich stimmiges Programm. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Genuin...

Weitere CD-Besprechungen von Manuel Stangorra:

  • Zur Kritik... Zwei Erste: Der erste Schritt hin zur Gesamteinspielung: Michaels Sanderling dirigierte die Dresdner Philharmonie bei zwei sinfonischen Erstlingen von Beethoven und Schostakowitsch. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Lebensweisheiten – nicht nur für Klavierspieler: Dieses überaus lesenswerte Buch versammelt Gespräche mit András Schiff und inspirierende Essays des Pianisten. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Grande Dame aus Baden: Luise Adolpha Le Beau und ihre romantische Kammermusik in vorbildlichen Interpretationen. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
blättern

Alle Kritiken von Manuel Stangorra...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klangliche Wärme: Die beiden Brahms-Streichquintette in einer Einspielung mit großer klanglicher Wärme. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Italienische Kammermusikkunst: Das Pleyel Quartett überrascht und überzeugt mit eher unbekannten Streichquartetten Donizettis. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Appetitanreger: Ivan Repusic und das Münchner Rundfunkorchester gratulieren Franz von Suppé mit einem Ouvertüren-Bouquet zum 200. Geburtstag. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich