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Sonntag, 20. Oktober 2019

d'Albert, Eugen - Der Golem

Klanggewaltige Poesie


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eugen d'Alberts 'Der Golem' verschwand auf Jahrzehnte von den Spielplänen. Umso verdienstvoller, dass die Bonner Oper 2010 eine Neuinszenierung wagte. Der Live-Mitschnitt der Produktion erscheint nun als SACD beim Label MDG.

Die Legende vom Golem gehört zu den ältesten jüdischen Stoffen Mitteleuropas. Die Erschaffung eines künstlichen Menschen aus Lehm mittels kabbalistischer Künste wurde im Laufe der Jahrhunderte verschiedenen Rabbinern zugeschrieben. Seit langem wird die mythische Gestalt des Golems jedoch vornehmlich mit dem bis heute verehrten Rabbi Löw verknüpft, der im 16. Jahrhundert in Prag lebte. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte das Thema Hochkonjunktur im deutschsprachigen Raum. Gustav Meyrinks Golem-Roman (1913) gilt als Klassiker der phantastischen Literatur, und Paul Wegener landete 1920 mit der Verfilmung der Sage einen internationalen Erfolg. Eugen d’Albert wählte also ein brandaktuelles Thema für seine 1926 uraufgeführte Oper. Zusammen mit seinem Librettisten Ferdinand Lion legte der Komponist eine ganz eigene Auslegung der Erzählung vor. Lea, die Tochter Löws, bringt dem Golem das Sprechen bei und befähigt damit das künstliche Wesen zur Selbsterkenntnis. Als sich die beiden ineinander verlieben, schreitet der Rabbi ein, um die Menschwerdung seines Geschöpfes zu verhindern. Die Trennung der Liebenden führt zur Katastrophe: Der Golem verwüstet das Ghetto. Am Ende wartet der Tod auf das Paar.

Ungeheuer reiches Farbspektrum

Die Frankfurter Uraufführung des Golems war ein großer Erfolg. Doch die Oper war den Nazis, die bald an die Macht kamen, ein Dorn im Auge. 'Der Golem' verschwand auf Jahrzehnte von den Spielplänen. Umso verdienstvoller, dass die Bonner Oper 2010 eine Neuinszenierung ins Repertoire nahm. Der Live-Mitschnitt der Produktion erscheint nun als SACD beim Label MDG. Anders als in seiner am Verismus orientierten Erfolgsoper 'Tiefland' setzt d’Albert im 'Golem' auf eine fast kammermusikalische Minimalbesetzung des Orchesters. Mit ihr erreicht er ein ungeheuer reiches Farbspektrum: Von lichten, sinnlichen Klängen bis hin zu eruptiven Höhepunkten und nachtschwarzen Abgründen reicht die Ausdruckspalette seines Spätwerks. Große Ensembleszenen fehlen, der Chor ist trotz wirksamer Auftritte ein von außen eingreifendes Element.

Vokale Grenzüberschreitung

Am Pult des Beethoven-Orchesters Bonn zeigt Stefan Blunier Feingefühl sowie Sinn für die delikaten Farben und die klanggewaltige Poesie des Orchestersatzes. Sinnlichkeit ist das Stichwort seiner Deutung. Leider können ihm nicht alle Sänger darin folgen. Problematisch ist vor allem die Besetzung der Lea mit Ingeborg Greiner. Die Sopranistin klingt in den dramatischen Passagen ermüdet und in der Höhe scharf. Der im Libretto geforderte Nachtigallengesang, mit dem die Ziehtochter des Rabbis den Golem verführt, wird zur vokalen Grenzüberschreitung. Umso wohltuender steht der gut geführte Bariton von Mark Morouse (Golem) dazu in Kontrast. Das vokal differenzierteste Rollenportrait gibt Alfred Reiter als Rabbi Loew. Seinen Jünger singt Tansel Akzeybek mit jugendlich-tenoralem Stimmklang. Trotzdem erreichen die Sänger nicht die Dramatik des Orchesters.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    d'Albert, Eugen: Der Golem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
2
24.09.2010
Medium:
EAN:

SACD
760623163765


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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