> > > Huber, Klaus: Kammermusik mit Cello
Samstag, 25. Mai 2019

Huber, Klaus - Kammermusik mit Cello

Gebannt im Neuen und Fremden


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alexis Descharmes hat eine eindrückliche Einspielung des Werkes für Cello von Klaus Huber vorgelegt.

Der direkte Weg, der Königsweg, einer spezifischen Schwierigkeit zeitgenössischer Musik, dass nämlich ihre Schreibweise nicht mehr den durch lange Hörgewohnheit eingeschliffenen Techniken der Ablaufsarchitektur und der Spannungsführung gehorcht oder diesen offen entgegenarbeitet, zu begegnen, liegt nicht zuletzt darin, jeden Moment, jede noch hörbare Einheit mit einer Intensität und Spannkraft zu musizieren, die einen Anschluss an unsere Ohren unmittelbar liefert– und eine lange Beanspruchung unserer stets wechselnd beanspruchten Aufmerksamkeit. Dem Cellisten Alexis Descharmes (geb. 1977) ist in diesem Sinne Großes gelungen. Seine Einspielung der sämtlichen Werke für Cello von Klaus Huber (geb. 1924) vermittelt in diesem Sinne die schwierigen und physisch langen Werke. 'Ein Hauch von Unzeit VIII' aus dem Jahr 1972 etwa, das die CD eröffnet: Das Stück dauert gut zwanzig Minuten, entrollt und verströmt sich in kanonischer Struktur ohne klar exponierten Höhepunkt (und damit auch ohne Bewegung auf einen solchen zu), und Descharmes gelingt die schwere Aufgabe, ein konzentriertes, hypnotisiertes Hören auszulösen. Diese Einlässlichkeit und Koordinationsgabe ist umso erwähnenswerter, als der Cellist sich für diese Stück aufnahmetechnisch vervierfacht hat. 'Ein Hauch von Unzeit VIII' liegt hier als Weltersteinspielung vor, wie auch die Werke 'Rauhe Pinselspitzen' (1992), '...ruhe sanft... ' (1992) und die 'Partita' für Cello und Cembalo (1954).

Alexis Descharmes hat sich als Cellist um die zeitgenössische Musik verdient gemacht – diese Spätwerksformulierung trifft auch auf diesen jungen Musiker zu, wenn man die Vielzahl an kompositorischen Zueignungen einerseits, die Vielzahl der Einspielungen andrerseits in Anschlag bringt. Entsprechend fällt die technische wie interpretatorische Vertrautheit auf, die auch diese CD prägt. Von solcher Vertrautheit und Selbstverständlichkeit des Gestus in einer so neuen Musik als Hörer aufgefangen zu werden, ist ein Glücksfall.

Das eckige, an Bruchkanten reiche Werk 'Lazarus' (1978) besticht so durch die Klangsinnlichkeit auch seine perkussiven Effekte wie das überwältigende 'Transpositio ad infinitum' durch Furor und Virtuosität. Das letztgenannte Werk aus dem Jahr 1976 gehört übrigens zum großen Korpus der Werke über den Namen Paul Sachers – und kann sich wohl in der Gesellschaft der berühmteren Werke über dieses Tonbuchstabenmaterial behaupten.

Die neoklassizistisch verwilderte 'Partita', voll derber Rhythmik und wüst grinsender Ironie, liefert ein eindrückliches Zusammenfallen von Zartheit und Brutalität. Begleitet von Sébastien Vichard, der auch den Klavierpart von 'Lazarus' übernimmt, entsteht hier ein Spiegelkabinett beklemmender Stimmungen, das sich durch die Kommunikation mit der Tradition weitet – die auch dafür sorgt, dass sich altmodische Höremotionen in ihrer Verfremdung überhaupt einstellen können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Huber, Klaus: Kammermusik mit Cello

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.06.2010
EAN:

3760058360897


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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