> > > Nick, Edmund: Leben in dieser Zeit. Lyrische Suite in drei Sätzen
Montag, 19. August 2019

Nick, Edmund - Leben in dieser Zeit. Lyrische Suite in drei Sätzen

Radio-Sinfonie einer Großstadt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


,Leben in dieser Zeit' ist das wertvolle Produkt der Künstlerfreundschaft zwischen Erich Kästner und Edmund Nick. Die Chanson-Revue mit gereimten Dialogen und Geräuschmontagen bringt uns unterhaltsam den Alltagsfrust des Großstadtlebens der 1920er nahe.

'Leben in dieser Zeit' ist genau richtig für alle, die auf folgendes Lust haben: die scharfsinnige Lyrik von Erich Kästner, deutsche Radio- und Zeitgeschichte, die Musik und die Klangästhetik der Goldenen Zwanziger Jahre. Dies ist zu haben in vorliegender ‚Lyrischer Suite in drei Sätzen‘ aus dem Jahr 1929, einem so genannten Radiospiel, das so etwas ist wie eine Chanson-Revue mit gereimten Dialogen und Geräuschmontagen dazwischen. Der Text stammt von Erich Kästner (1899-1974), die Musik von dessen Freund Edmund Nick (1891-1974), damals Leiter des Schlesischen Rundfunks Breslau. 'Leben in dieser Zeit' ist nach seiner Erstausstrahlung noch häufig über den Äther gegangen und war sehr beliebt bei den Hörern, weshalb Nick und Kästner es sogar noch als Bühnenstück umgearbeitet haben. Als es dann im ‚Dritten Reich‘, wie alles von Kästner, verboten wurde, geriet es mehr und mehr in Vergessenheit. In einer Kooperation der Staatsoperette Dresden, des Mitteldeutschen Rundfunks, Deutschland Radio Kultur und des Archivs der Akademie der Künste Berlin hat man dieses Werk wieder rekonstruiert und im August 2008 in der Dresdner Lukaskirche aufgenommen. Mitgewirkt haben Gesangssolisten, der Chor und das Orchester der Staatsoperette Dresden unter der Leitung von Ernst Theis. Das ausgesprochen gelungene Ergebnis ist bei dem Label cpo erschienen.

Musik am Vorabend der Katastrophe

Das direkte Vorbild für Nick und Kästner war 'Die Dreigroschenoper' von Brecht/Weill aus dem Jahr 1928, an das man sich musikalisch durchaus erinnert fühlt. Dennoch ist 'Leben in dieser Zei' damit nicht vergleichbar. Erzählt wird hier nicht eine Geschichte im engeren Sinn, aber es gibt einen Protagonisten: Kurt Schmidt, einen abgeklärten Durchschnittsmenschen aus der Großstadt, am Ende der Zwanziger Jahre. Die Lieder, Chansons und Balladen singt eben dieser Schmidt (Christian Grygas, Bariton), eine Chansonette (Elke Kottmair, Sopran) und ein paar andere Leute aus der Großstadt, dazwischen gibt es die Masse der Arbeitsmenschen (Sprechchöre), all das eingebettet in vielfarbige, zeittypische Orchester- und Klavierarrangements. Der Titel sagt, worum es geht, um das 'Leben in dieser Zeit'– genauer: das Großstadtleben. Und Kästner lässt es hier nicht besonders gut wegkommen. Man beklagt die Alltagstristesse, die Kälte und Einsamkeit in der Menschenmasse, die Gräben zwischen Arm und Reich, Hektik, Lärm und die Ferne von Ruhe und Natur, nicht zuletzt die gefühlte Sinn- und Ausweglosigkeit des Lebens. Dabei schwankt die Stimmung zwischen fast spöttischer Sachlichkeit und tiefer Sentimentalität, zwischen abgebrühter Distanz und verletzlicher Intimität, nicht selten in ein und demselben Stück. Die Brüche sind oft schmerzhaft, muten grotesk und höchst sarkastisch an. Edmund Nicks Musik erweist sich hier nicht nur als effektreiche Untermalung und darüber hinaus als Ohrwurm-Lieferant, sondern als perfekter Geschmacksverstärker von Kästners Sprachwitz.

Mittendrin statt längst vorbei

Die Musiker aus der Dresdner Staatsoperette schaffen es mit Leichtigkeit, die 80 Jahre zwischen Uraufführung und heute einzudampfen auf ein Minimum, so idiomatisch der Gesang, so gewählt die Stimmen und der Sprechstil, so ausdrucksvoll das orchestrale Musizieren. Man hat als Hörer ganz klare Bilder dieser Zeit vor Augen, fühlt sich – oft mit Beklemmung – wie in die Entstehungszeit zurückversetzt. Als Rückblende in diese Zeit – kurz vor der Weltwirtschaftskrise, im Übergang von der Weimarer Republik zur Nazidiktatur, zehn Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg – hat dieses Produkt einen unschätzbaren Wert. Obendrein enthält das Booklet ein ausführliches, sehr liebevoll aufbereitetes Text- und Bildmaterial über die Geschichte des Radiospiels sowie über die Zusammenarbeit zwischen Edmund Nick und Erich Kästner. Auch gibt es auf der CD einige Bonus-Tracks aus dem Deutschen Rundfunkarchiv, außerdem 22 Minuten mit Dagmar Nick, der Tochter des Komponisten, die sehr eindrücklich aus ihren literarischen Erinnerungen über dieses Werk liest und spannende Interna verrät. Nicht eben das, was man leicht verdaulich nennt. Aber auf unterhaltsame Weise nahrhaft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nick, Edmund: Leben in dieser Zeit. Lyrische Suite in drei Sätzen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.05.2010
Medium:
EAN:

CD
761203754120


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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