> > > Scarlatti, Alessandro: Vespro della beata vergine
Donnerstag, 27. Juni 2019

Scarlatti, Alessandro - Vespro della beata vergine

Scarlattis Vesper


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leichte und durchaus erfreuliche Einspielung einiger geistlicher Kompositionen Alessandro Scarlattis als Vesper: Der Niederländische Kammerchor und Harry van der Kamp in einer Produktion von ATMA Classique.

Alessandro Scarlatti gehört mit seinen Kompositionen im Repertoire geistlicher Musik nicht zum unumstrittenen Kern, wiewohl der barocke Italiener neben seinem musikdramatischen Werk etliche Kantaten, Motetten und Psalmvertonungen hinterlassen hat. Das mag auch daran liegen, dass mancher Satz für das ausgehende 17. und das beginnende 18. Jahrhundert doch recht konservativ komponiert scheint, hierin der strengen römischen Kirchenpraxis verpflichtet. Dieser Befund gilt in groben Zügen auch für das Programm der vorliegenden Platte: Harry van der Kamp hat aus verschiedenen Psalmen, dem Hymnus 'Ave Maris Stella' und einem beschließenden 'Magnificat' eine konzentrierte, bis auf den mitgehenden Basso continuo rein vokale Vesper zusammengestellt und dafür Werke unterschiedlicher Entstehungsdaten und -zusammenhänge verwendet.

Und doch überwiegen die Gemeinsamkeiten: Es handelt sich sämtlich um sehr fein ausbalancierte, harmonisch gebaute Sätze, die teils deutliche Anklänge an die ältere Praxis der Doppel- oder Mehrchörigkeit aufweisen. Kontrapunktische Strukturen und Elemente aller Art sind fast omnipräsent. Zugleich integriert Scarlatti dosiert Expressives aus seiner in den Opern erprobten ariosen Praxis. Insgesamt ist die Musik mit leichter Hand und affektsicher gesetzt, mit sicherem Gespür für ein ausgewogenes Verhältnis von ambitionierter Struktur und relativ klarer musikalischer Wirkung. Vor allem die Dissonanzen und deren Handhabung verdienen Erwähnung, denn Scarlatti begrenzt deren Einsatz soweit, dass die – eigentlich ja wenig aufregenden – klanglichen Wirkungen schon fast wieder als neuer, unverbrauchter Reiz aufscheinen. Scarlattis Lösung liegt hier also deutlich nicht im Maximum des Möglichen oder Gebräuchlichen. Eine weitere Qualität der Kompositionen soll nicht unerwähnt bleiben: Der klangströmende, große Bogen. Den gibt es vor allem im Hymnus ‚Ave Maris Stella’ und im abschließenden Magnificat zu bewundern.

Gelungene Interpretation

Darin liegt auch einer der Stärken des Niederländischen Kammerchors, der in kleiner, nur sechzehnköpfiger Besetzung ein schönes Melos entfaltet. Grundsätzlich von einem sehr schlanken Klang getragen, lösen sich aus dem Ensemble immer wieder Soli in verschiedenster Konstellation. Diese Praxis sorgt für einen sehr geschlossenen Eindruck. Eine feine Artikulation sorgt für kompakte chorische Passagen, die gelungen mit den feiner ausgedeuteten solistischen Passagen kontrastieren. Die einzelnen Register könnten bei aller schönen Verschmelzungsfähigkeit vor allem mit Blick auf die kontrapunktische Ebene der Kompositionen plastischer, schlagkräftiger ausgebaut sein. Van der Kamp führt den Chor mit frischen Tempi, stuft das dynamische Tableau fein, meidet Extreme in der affektiven Deutung. Das Klangbild ist angenehm leicht, verfügt über einige vokale Wärme mit einem schönen Raumanteil, könnte aber strukturell klarer und pointierter sein.

Insgesamt liefern van der Kamp und der Niederländische Kammerchor eine leichte und drucklose Interpretation dieser geistlichen Werke Alessandro Scarlattis. Der Chor ist zu schlankem Klang wie zu schönem Melos befähigt. Das unterstützt der angenehm unverkrampfte Ansatz van der Kamps, der ganz auf die vokalen Möglichkeiten von Ensemble und Solisten fokussiert ist und den Interpreten und der Musik äußerliche Deutungen erspart.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scarlatti, Alessandro: Vespro della beata vergine

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Atma classique
1
20.05.2010
Medium:
EAN:

CD
722056253321


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Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


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