> > > Poulenc, Francis: Dialogues des Carmélites
Dienstag, 23. Juli 2019

Poulenc, Francis - Dialogues des Carmélites

Intensiv und berührend


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Szenisch intensive und musikalisch packende Produktion von Poulencs 'Dialogues des Carmélites' der Staatsoper Hamburg, in der die zwischenmenschlichen Konflikte der Protagonisten im Vordergrund stehen.

Francis Poulencs Oper 'Dialogues des Carmélites' hat in den letzten Jahren eine Art Renaissance erlebt. Vielleicht liegt es an Poulencs Musik, die so ganz anders ist, als man es von einer Komposition aus dem Jahr 1957 erwartet? Keine seriellen oder philosophisch- intellektuellen Überlegungen werden bei ihm in Töne übersetzt, sondern beinahe spätromantisch kommt seine Partitur daher. Vielleicht liegt es auch an einem neu wahrzunehmenden Interesse an Religion und Spiritualität? Seiner Oper liegt jedenfalls ein Plot zugrunde, der in hohem Maße religiös geprägt ist. Erzählt wird eine Begebenheit zur Zeit der französischen Revolution: Am 17. Juli 1794 wurden in Compiègne siebzehn Karmelitinnen an der Guillotine hingerichtet, nachdem sie sich weigerten, ihr Kloster aufzulösen und ihr Leben als Nonnen aufzugeben. Gertrud von Le Fort hatte darüber 1932 eine Novelle verfasst, die Georges Bernanos in ein Bühnenstück umgeschrieben hat; letzteres liegt dem Libretto der Oper zugrunde.

Im Mittelpunkt des Stücks steht eine junge Frau, Blanche de la Force, die sich aus einer Mischung von Lebens- und Todesangst für den Eintritt in das Kloster entscheidet. Als das Kloster aufgehoben wird, verlässt sie die Karmelitinnen. Doch als sie sieht, dass ihre Mitschwestern den Gang zum Schafott antreten müssen, gelingt es ihr, ihre Todesangst zu überwinden und geht mit den anderen Karmelitinnen freiwillig in den Tod. Doch nicht nur die inneren Konflikte von Blanche werden von Le Fort bzw. Bernanos eindrücklich gezeichnet. Erschütternd ist auch das Sterben der von Alter und Tod gezeichneten Oberin des Klosters, Madame de Croissy. Zum Schrecken ihrer Mitschwestern ist sie trotz aller Religion unfähig, ihre Krankheit und ihr qualvolles Sterben zu akzeptieren. Die durch ihren Tod notwendige Wahl einer neuen Oberin führt zu großen Spannungen innerhalb der Klostermauern: Das Machtvakuum möchte die hochadelige Mère Marie für sich nutzen und beansprucht die Führung des Klosters. Dass nicht sie, sondern die einfache und schlichte Madame Lidoine zur Priorin gewählt wird, verletzt sie bis ins Mark. Genug emotionaler Zündstoff also für eine Oper – wenn auch jede Liebesgeschichte fehlt.

Der zu besprechenden Aufnahme liegt eine Aufführung an der Staatsoper Hamburg zu Grunde, die 2003 Premiere hatte. Fünf Jahre später, im Januar 2008, wurde die überaus erfolgreiche Produktion wiederaufgenommen und ausgesprochen klug von Andreas Morell und seinem Team für das ZDF und 3sat abgefilmt. Die Inszenierung stammt von Nikolaus Lehnhoff. Er arbeitet weniger den politischen Kontext heraus, und auch die von Poulenc intendierten Parallelen zur Nazizeit werden nicht aufgegriffen. Ihn interessiert vor allem der persönliche Konflikt der Frauen, der in seiner intensiven Personenregie glänzend und packend dargestellt wird. Zur dichten Atmosphäre trägt das Bühnenbild von Raimund Bauer wesentlich bei. Die Bühne ist durch eine große, hohe Hinterwand und zwei Seitenwände abgegrenzt, so dass ein einheitlicher, großer Spielraum entsteht. Die Wände bestehen aus Säulen, zwischen denen jeweils rolloartige Wände eingelassen, die hoch- und runtergefahren werden können. Auf diese Art und Weise entstehen verschiedene Türen, Fenster und Durchgänge, die gleichzeitig durch wechselndes, oft ins Blau gefärbte Licht, unterschiedliche Stimmungen erzeugen.

Dass die Produktion so intensiv, packend und eindringlich geworden ist, liegt allerdings vor allem an einigen ganz ausgezeichneten Protagonisten. Allen voran Alexia Voulgaridou als Blanche. Ihre Stimme ist warm, kraftvoll und lyrisch, aber auch zu dramatischen Ausbrüchen fähig. Dabei identifiziert sie sich mit ihrer Rolle dermaßen, dass sie sogar zu echten Tränen fähig ist. Nikolai Schukoff singt und spielt ihren Bruder Chevalier de la Force, eine hoch gelegene und dramatische Tenorpartie, die er mit Leichtigkeit meistert. Sein Duett mit Blanche, bei dem er seine Schwester bewegen will das Kloster zu verlassen, gehört zu den eindrücklichsten Szenen der Aufnahme. Anne Schwanewilms singt mit großer Schlichtheit und Innigkeit eine bewegende Madame Lidoine. Leider ist die Partie der Mère Marie mit Gabriele Schnaut besetzt worden, die nicht nur künstlich und übertrieben schauspielert, sondern mit ihrer im Jahr der Aufnahme leider schon recht unschönen, undifferenzierten und lauten Stimme mit stetigem starken Vibrato zwar vielleicht noch den Machtanspruch der Ordensfrau zum Ausdruck bringen kann, aber kein Hörgenuss ist. Wolfgang Schöne als Blanches Vater, Marquis de la Force, und Jana Büchner als Schwester Constance sind demgegenüber wiederum ausgezeichnete Rollenbesetzungen. Simone Young betont stark den neoromantischen Charakter der Musik Poulencs. Sie schwelgt lieber in Klängen anstatt die Härten der Partitur zu betonen. Die Aufnahmetechnik ist ausgezeichnet, Features gibt es keine.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Poulenc, Francis: Dialogues des Carmélites

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
24.05.2010
Medium:
EAN:

DVD
807280149395


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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