> > > Vivaldi, Antonio: Konzerte für Streicher RV. 134, 185, 197, 292 & 316
Sonntag, 21. April 2019

Vivaldi, Antonio - Konzerte für Streicher RV. 134, 185, 197, 292 & 316

Unliebsame Überraschungen


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dem Zusatz ?Ersteinspielung? wirbt eine neue Vivaldi-CD des Labels Brilliant Classics. Dahinter verbergen sich jedoch ganz andere Überraschungen, als man zunächst meint ? und leider wenig positive.

Vivaldi-Freunde wissen, dass unter den unzähligen Violin- und anderen Konzerten des ‚roten Priesters‘ zwar nicht ausschließlich Meisterwerke sind, aber doch er­staunlich viel Originelles, mitunter Geniales sich findet – und zwar gerade auch unter jenen Werken, die bis auf die jüngste Zeit unediert und uneingespielt in Archiven lagen. Um solche ungehobenen Schätze scheint sich das italienische Ensemble La Magnifica Comunità unter Enrico Casazza verdient gemacht zu haben: Eine soeben beim Label Brilliant Classics erschienene CD verspricht die Ersteinspielung von acht ‚Concerti solenni‘, d.h. Concerti im polyphon angereicherten, zur Barockzeit mit Feierlichkeit und Sakralität assoziierten Stil. Die Editionen dieser Werke, so ist der Rückseite der CD-Hülle zu entnehmen, hat Pablo Queipo de Llano besorgt.

Etikettenschwindel

Wer die CD auflegt, hört zunächst einmal einen kultiviert und mit originellem Blick auf manches Detail musizierten Vivaldi in gedämpft leuchtendem Streicherton und einem zu hundert Prozent durchsichtigen Klangbild: Selbst die solistisch besetzte Bratschen-Stimme ist deutlich hörbar (auch bei Einspielungen von nicht-sinfonischer Musik keine Selbstverständlichkeit!), was vor allem den zahlreichen fugierten und imitatorisch gestalteten Passagen zugutekommt.

Wer aber das Beiheft aufschlägt, erlebt eine Überraschung. Aus der Lektüre des in kleinem Druck immerhin viereinhalbseitigen (englischen) Textes von Pablo Queipo de Llano ergibt sich: Es handelt sich bei den eingespielten Concerti nicht um erstedierte und -eingespielte Originalkompositionen Vivaldis, sondern um Zusammenstellungen, teilweise massive Bearbeitungen von keineswegs unbekannten Werken des Venezianers durch Queipo de Llano. Er selbst bezeichnet sie mit der entsprechenden Ryom-Verzeichnis-Nummer (RV) und dem anscheinend für ‚reworked‘ (bearbeitet) stehenden Vermerk ‚(R)‘. Nichts von alledem ist aus dem Cover oder der Track-Liste auf den ersten Seiten des Booklets ersichtlich – was dort zu lesen ist, suggeriert das genaue Gegenteil (s.o.).

Wozu das ganze?

Nun ließe sich darüber vielleicht noch mit viel Großmut als über eine Flunkerei hinwegsehen, wenn das Konzept der Produktion an sich überzeugte. Das jedoch ist nicht der Fall. Der als ‚Herausgeber‘ deklarierte Bearbeiter Queipo de Llano wollte – laut Beitext – eine ‚Anthologie‘ von Vivaldi-Musik im ‚sollenen‘ Stil zusammenstellen. Er beruft sich dabei auf das im Barock zu den kompositorischen Selbstverständlichkeiten gehörende Pasticcio-Verfahren, das freie Umschreiben und Wiederverwerten vorliegenden eigenen oder fremden Materials.

Wo allerdings der Nutzen oder auch nur die Notwendigkeit einer solchen Anthologie läge, erklärt er nicht – und auch der Hörer der CD bleibt darüber im Dunkeln. Ein Beispiel: In dem als ‚RV 134 (R)‘ bezeichneten Streicherkonzert in e-Moll erklingt zu Beginn der transponierte erste Satz aus Vivaldis Cello-Konzert in a-Moll RV 419 – in dem die Solo-Passagen vom ‚Herausgeber‘ durch in Vivaldi-Manier neugeschriebene Passagen für Ripieno-Streicher ersetzt wurden. Wozu der Aufwand? Weder ist erkennbar, warum derartig massive Eingriffe nötig gewesen sein sollen, noch lässt sich sagen, dass der Satz durch Queipo de Llanos handwerklich informierte und stilistisch passende, aber nichtsdestotrotz schematisch wirkende ‚Ergänzungen‘ gehoben würde.

Sein Verfahren geht soweit, dass unter der Bezeichnung ‚RV 155 (R)‘ ein Werk erklingt, das mit Vivaldis RV 155 genau einen Satz von vieren gemeinsam hat – und auch von diesem nur das thematische Material des Anfangstuttis übernimmt, wurde doch der Rest durch das Eingreifen des ‚Herausgebers‘ von einem Stück für Ripieno-Streicher unversehens zum Violin-Doppelkonzert. Zwar weiß der Bearbeiter sein Vorgehen durch Motiv- und andere Parallelen des zusammengestellten Materials zu rechtfertigen. Der Hörer und Vivaldis Musik gewinnen dadurch jedoch nichts.

Ärgerlich

Aus Queipo de Llanos Webseite (www.gabinettoarmonico.com) geht hervor, dass man es hier immerhin mit durch Publikationen vor allem zu Vivaldi ausgewiesenen Musikwissenschaftler zu tun hat, daneben mit einem Konzertagenten, der einige der führenden italienischen Barockensembles (darunter La Magnifica Comunità) betreut. Fachliche Kompetenz ist ihm also durchaus nicht abzusprechen. Wunder nehmen indes seine eigenen kompositorischen Versuche: ein gutes Dutzend Concerti im barocken Stil, worin, wie man mit nicht geringer Verwunderung feststellt, teilweise Sätze auftauchen, die einem vom Anhören der CD sehr bekannt vorkommen. Als Autor wird wohlgemerkt nicht Vivaldi angegeben, sondern Pablo Queipo de Llano. Hält man dies mit seiner eigenwilligen Bearbeitungs- und Arrangementtechnik zusammen, so entsteht der bizarre Eindruck, dass jener sich als eine Art ‚Kollege‘ Vivaldis betrachtet und daher – womöglich im Geiste der verschrienen postmodernen Maxime des Anything goes – wie die Musiker des 18. Jahrhunderts das Recht der freien Be- und Umarbeitung beanspruchen zu können glaubt. Was davon zu halten ist, darf und muss wohl jeder selbst entscheiden. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass da ein Hobby-Komponist dem verehrten Vorbild ein Kuckucksei ins Nest gelegt habe – und Brilliant Classics dem CD-Käufer.

Gewiss darf man bezweifeln, ob man überhaupt auf die Idee kommen würde, die auf der CD eingespielten Stücke seien nicht von Vivaldi, wenn man den Beiheft-Text nicht gelesen hätte. Immerhin bleibt dem Hörer eine ‚Restauration‘ vom Schlage des berüchtigten 'Adagios' von ‚Tomaso Albinoni‘ alias Remo Giazotto erspart. Dieser berechtigte Einwand ändert jedoch nichts an der krassen Diskrepanz zwischen den Verheißungen des Äußeren der CD und dem tatsächlichen Inhalt. Und die ist einfach ärgerlich.

Fazit: Von dem Komponistennamen in Verbindung mit dem Zusatz ‚first recording‘ auf dem Cover sollte man sich nicht blenden lassen. Musiziert wird zwar auf höchstem Niveau – nur eben keine bisher unbekannten Vivaldi-Kompositionen, sondern von einem heutigen Bearbeiter und Barock-Enthusiasten erstellte und ergänzte Vivaldi-Pasticci. Wer das weiß und trotzdem Gefallen daran findet, dem sei es unbenommen. Alle anderen werden wohl eher die Finger von dieser CD lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivaldi, Antonio: Konzerte für Streicher RV. 134, 185, 197, 292 & 316

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
07.05.2010
EAN:

5029365919821


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Brilliant classics

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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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