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Montag, 22. April 2019

Bach, Wilhelm Friedemann - Cembalokonzerte F 10, 41 & 43 - 46

Ehrenrettung eines Jubilars im Schatten


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Noch eine Gesamteinspielung: Die Cembalokonzerte Wilhelm Friedemann Bachs bei Brilliant Classics. Das Bozener Barockorchester und Claudio Astronio machen sich verdient um einen ?ewigen Sohn? der Musikgeschichte.

Einen begrüßenswerten Beitrag zum Jubiläumsjahr 2010 leistet das Label Brilliant Classics mit einer neuen Doppel-CD: Das Bozener Barockorchester mit Claudio Astronio als Solisten und Leiter hat die Cembalo-Konzerte Wilhelm Friedemann Bachs eingespielt. Dieser, der im November vor dreihundert Jahren geboren wurde, kann als Paradebeispiel des Nachkömmlings und Im-Schatten-Stehers gelten. Im Schatten nicht nur der derzeit aktuellen Jubiläumsgrößen wie Chopin, Schumann oder Mahler, sondern auch und vor allem in dem anderer komponierender Träger des Namens Bach: Seines alles überstrahlenden Vaters Johann Sebastian, aber auch seiner jüngeren Brüder Carl Philipp Emanuel und Johann Christian.

Bekanntlich war für die lange Zeit zweifelhafte Reputation Wilhelm Friedemanns weniger die Qualität seiner Musik ausschlaggebend, sondern (oft im Wortsinn erdichtete) pseudobiographische Klischees, wie etwa das vom mürrischen Sonderling, der sich zur Finanzierung seiner Trunksucht als der Verfasser von Werken seines berühmteren Vaters ausgab (und diesem Eigenes unterschob). Auch wenn das so heute niemand mehr behauptet, reizt doch vieles, sich endlich einen eigenen Eindruck von der weitgehend unbekannten Musik dieser Erscheinung im historischen Halbschatten zu verschaffen. Die genannte Neuproduktion bietet dazu die idealen Bedingungen.

Präzision und Vitalität

Denn das Bozener Barockorchester – warum das Ensemble auf dem Cover mit dem inzwischen abgelegten Namen Harmonices Mundi annonciert wird, im Beiheft aber nur die neuere Bezeichnung erscheint, ist unerfindlich – musiziert zugleich historisch informiert und zeitgemäß (sofern das einen Widerspruch darstellt). Der Ensembleton ist schlank und dynamisch, der interpretatorische Gestus kühl, doch nicht unterkühlt, intellektuell, doch nicht akademisch. Vielmehr lassen die Tiroler Raum: den ‚Originalinstrumenten‘, ihren satten Klang zu entwickeln, den drängenden Affekten der Musik, sich zu entfalten. Die wichtigste und ohne Zweifel richtige interpretatorische Entscheidung ist dabei, alle Orchesterstimmen solistisch zu besetzen. Die in der barocken Manier des ‚alten Bach‘ gegen den empfindsamen Zeitgeist gesetzten verschlungenen, oft kontrapunktischen Orchesterparts (eine jener berüchtigten Friedemann Bachschen ‚Eigenwilligkeiten‘) werden auf diese Weise transparent – nicht nur in den Ripieni, sondern auch in der Begleitung der Soli. Hervorragende Klangbalance sorgt dafür, daß dies beim Hörer auch so ankommt.

Claudio Astronios solistische Leistung fügt sich dem in jeder Hinsicht nahtlos ein. Wie mit der Nadel gestochen wirken selbst die vertracktesten Passagen, sowohl intonatorisch als auch rhythmisch. Bei aller Präzision leidet dabei nie die musikalische Vitalität, vielmehr erwächst sie aus dieser. Makellose Phrasierung aller Beteiligten sorgt für musikalische Durchsichtigkeit – dergestalt, daß die Gefahr der Monotonie in den zur Flächigkeit neigenden Kompositionen (das F-Dur-Konzert F 44 etwa dauert gut 25 Minuten!) allermeist gebannt wird.

Kurzum: Musikalisch und musikgeschichtlich hochinteressante Musik, deren glänzende Darbietung beim Hörer keine Wünsche offen läßt. Das Zugreifen sei den Freunden der Musik des 18. Jahrhunderts unbedingt angeraten!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Wilhelm Friedemann: Cembalokonzerte F 10, 41 & 43 - 46

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
2
07.05.2010
EAN:

5028421940571


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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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