> > > Händel, Georg Friedrich: Kantaten HWV 84, 104, 144, 170 & 173
Donnerstag, 27. Juni 2019

Händel, Georg Friedrich - Kantaten HWV 84, 104, 144, 170 & 173

Ein intellektueller Händel?


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch Händels Kantatenwerk gehört zu den verdienstvollen Projekten, denen Brilliant Classics sich verschrieben hat. Die zweite Folge der Gesamteinspielung mit Contrasto Armonico und Stefanie True schwankt zwischen ungewohnter Opluenz und understatement.

Für Gesamteinspielungen, wie sie Brilliant Classics vorzulegen pflegt, eignet sich, meint man, das italienische Kantatenwerk Georg Friedrich Händels ganz besonders – angesichts vieler musikalischer Perlen, die dieses Oevre zu bieten hat. Mit Interesse nimmt man denn auch die zweite Folge der Aufnahme sämtlicher Händel-Kantaten zur Kenntnis, die das oben genannten Label in eigener Regie mit der kanadischen Sopranistin Stefanie True und dem italienischen Ensemble Contrasto Armonico unter Marco Vitale herausbringt. Enthalten sind HWV 173, 144, 104, 84 und 170.

Barockes Beiheft für barocke Kantaten

Eine freudige Überraschung nimmt sogleich für die Produktion ein: Die für Brilliant-Verhältnisse aufwendige, man möchte sagen: passend zu den Stücken geradezu barocke Ausstattung des Beihefts. Gleich zwei (englische) Texte von wissenschaftlichem Niveau sind darin zu finden. Die amerikanische Musikwissenschaftlerin und Händel-Spezialistin Ellen T. Harris bemüht sich, die zu hörenden Werke in die Spur von Händels italienischer und früher englischer Biographie einzuordnen; ob man dem Verfahren, die vielfach von Händels Gönnern verfassten Texte als geheime, teilweise auf den Komponisten zielende (homo)erotische Botschaften zu entschlüsseln, folgen mag, hängt vielleicht auch vom Geschmack des Lesers ab. Von Harris stammt übrigens auch die englische Übersetzung der – erfreulicherweise dem Booklet beigegebenen – italienischen Kantatentexte.

Marco Vitale selbst bietet dann eine philologisch fundierte Untersuchung eines in Händels Partituren als ‚Violone grosso’ bezeichneten Instrumentes, das er als ‚große Viola da Gamba’ verstanden wissen möchte und auf der Aufnahme denn auch entsprechend besetzt. Geradezu überbordend wird das Beiheft mit zwei Faksimile-Auszügen aus Händels Partituren. Soweit, so gut, denkt sich der Händel-Freund und legt die CD auf, gespannt zu erfahren, was da in akustisch-musikalischer Hinsicht geboten wird.

Korrekte Darstellung

Und es zeigt sich: Den durchaus akademischen Anspruch, den das Beiheft anzumelden scheint, nimmt die Aufnahme selbst auf. Eine korrekte, historisch-informierte Darstellung scheint erstrebt, die eher das Studium der Werke begünstigt, als daß sie sich den spätestens seit dem Händel-Jahr 2009 im Schwange befindlichen Vorstellungen vom ‚barocken Händel’ andient. Konkret heißt das: Keine wilde Leidenschaft wird zur Schau gestellt, stattdessen präzise erfüllt, was die Partituren fordern.

Stefanie Trues schlanker, hervorragend ausgebildeter und souverän geführter, sein zweifellos vorhandenes leidenschaftliches Potential nonchalant überspielender Sopran kommt diesem Vorhaben entgegen. ‘Contrasto armonico’ musiziert diskret, ausdrucksmäßig zurückgenommen in gleichem Sinne. Die meisten Arien sind für Sopran und Basso-continuo geschrieben, in HWV 173 (Un’ alma inamorata) tritt dialogisierend eine Sologeige hinzu, in HWV 170 (Tra le fiamme/Il consiglio) ist ein ganzes Kammerensemble (inklusive der von Vitale mit einigem Eifer verfochtenen ‘große Gambe’) zu hören, das einen sehr weichen, matt leuchtenden Klang kultiviert.

Andeutungen statt Festmähler

Weniger der ‚barocke Händel’ wird hier vorgeführt, der ganze Festmähler allein verspeiste, sondern eher der schmächtige ‚caro sassone’ der Frühzeit, der sich in ein intellektuelles Spiel aus Gesten und Andeutungen verstrickt zeigt. Wem das zusagt, der ist mit dieser CD zweifellos gut bedient. Für die anderen fragt sich, ob nicht doch etwas mehr Leidenschaftlichkeit manchmal angebracht gewesen wäre. Die erste, über siebenminütige Arie aus HWV 170 (Quel povero core) zeugt von Händels stupender Charakterisierungsgabe, indem er die Qualen der Liebenden in einen schmerzlich sich windenden, vielfach geradezu mißtönenden Dialog von Sopran und Solo-Geige übersetzt – in der vorliegenden Wiedergabe wirkt dieser freilich eher etwas unterkühlt, fast apathisch. Entsprechend trocken denn auch die reinen Solo-Kantaten, in denen zum Sopran nur der Basso Continuo hinzutritt. In reizvoller Spannung steht solches understatement allenfalls mit der opulenteren Partitur von HWV 170; Klangzauber wie in der Eröffnungsarie (‘Tra le fiamme’) oder die seltsam unter einer dünnen Eisschicht bewahrte Emotionalität des ‘Voli per l’aria’ können mit den genannten Abstrichen vielleicht nicht ganz, aber doch immerhin teilweise versöhnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Händel, Georg Friedrich: Kantaten HWV 84, 104, 144, 170 & 173

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
04.12.2009
Medium:
EAN:

CD
5028421940007


Cover vergössern

Brilliant classics

Brilliant Classics steht für hochwertige Klassik zu günstigen Preisen!

Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Gero Schreier zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Elegante Schlichtheit: Das auf Barockmusik spezialisierte Ensemble Contrasto Armonico unter der Leitung von Marco Vitale legt zusammen mit der kanadischen Sopranistin Stefanie True die erste CD ihrer Reihe der Italienischen Kantaten von Georg Friedrich Händel vor. Weiter...
    (Eva-Marie Pausch, 04.12.2009)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Brilliant classics:

  • Zur Kritik... Neue Saitenwege zu Debussy: Das Duo Bilitis verdichtet Debussys Musik im mystischen Harfen- und Stimmklang und ergründet damit neue Wege, die faszinierend, aber auch etwas eingegrenzt wirken. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Kammermusik von Format: Sergej Tanejew sollte man kennen. Brilliant Classics veröffentlicht auf drei CDs vier Kammermusikwerke des russischen Komponisten. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Durchwachsen: Eher unbekanntes Repertoire von Louis Vierne erkundet Muza Rubackyte mit Partnern von wechselnder Eignung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Brilliant classics...

Weitere CD-Besprechungen von Gero Schreier:

  • Zur Kritik... Über die Liebe: Einen Erkundungsgang ins musikalische Mittelalter bietet das Ensemble Trobar e Cantar. Die Liebe ist das verbindende Thema. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Frisch im Duktus: Frieder Bernius und seine Stuttgarter Ensembles legen eine weitere Einspielung einer Zelenka-Messe vor. Die lässt sich hören. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Nichts Elektrisierendes: Luca Ranieris Aufnahme von Hindemiths Sonaten für Bratsche allein bei Brilliant Classics fehlt es trotz einiger guter Ansätze an interpretatorischem Profil und spieltechnischem Niveau. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Gero Schreier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Immer weiter auf Entdeckungsreise: Neben Clara Schumanns Klavierkonzert verblassen die drei anderen Werke auf dieser CD etwas, vor allem das überlange Konzertstück von Ferdinand Hiller. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Bachs Cembalo konzertant: Fabio Bonizzoni und La Risonanza überzeugen auf dieser Einspielung mit hochklassigen Erkundungen in Bachs konzertantem Cembalo-Kosmos. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Dramatisch und sensibel: Christian Tetzlaff und das Finnish Radio Symphony Orchestra unter Hannu Lintu bereichern die Diskographie von Bartóks beiden Violinkonzerten mit einem sensibel ausgehörten, zugleich hochdramatischen Zugriff. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich