> > > Händel, Georg Friedrich: Kantaten HWV 84, 104, 144, 170 & 173
Montag, 22. April 2019

Händel, Georg Friedrich - Kantaten HWV 84, 104, 144, 170 & 173

Ein intellektueller Händel?


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch Händels Kantatenwerk gehört zu den verdienstvollen Projekten, denen Brilliant Classics sich verschrieben hat. Die zweite Folge der Gesamteinspielung mit Contrasto Armonico und Stefanie True schwankt zwischen ungewohnter Opluenz und understatement.

Für Gesamteinspielungen, wie sie Brilliant Classics vorzulegen pflegt, eignet sich, meint man, das italienische Kantatenwerk Georg Friedrich Händels ganz besonders – angesichts vieler musikalischer Perlen, die dieses Oevre zu bieten hat. Mit Interesse nimmt man denn auch die zweite Folge der Aufnahme sämtlicher Händel-Kantaten zur Kenntnis, die das oben genannten Label in eigener Regie mit der kanadischen Sopranistin Stefanie True und dem italienischen Ensemble Contrasto Armonico unter Marco Vitale herausbringt. Enthalten sind HWV 173, 144, 104, 84 und 170.

Barockes Beiheft für barocke Kantaten

Eine freudige Überraschung nimmt sogleich für die Produktion ein: Die für Brilliant-Verhältnisse aufwendige, man möchte sagen: passend zu den Stücken geradezu barocke Ausstattung des Beihefts. Gleich zwei (englische) Texte von wissenschaftlichem Niveau sind darin zu finden. Die amerikanische Musikwissenschaftlerin und Händel-Spezialistin Ellen T. Harris bemüht sich, die zu hörenden Werke in die Spur von Händels italienischer und früher englischer Biographie einzuordnen; ob man dem Verfahren, die vielfach von Händels Gönnern verfassten Texte als geheime, teilweise auf den Komponisten zielende (homo)erotische Botschaften zu entschlüsseln, folgen mag, hängt vielleicht auch vom Geschmack des Lesers ab. Von Harris stammt übrigens auch die englische Übersetzung der – erfreulicherweise dem Booklet beigegebenen – italienischen Kantatentexte.

Marco Vitale selbst bietet dann eine philologisch fundierte Untersuchung eines in Händels Partituren als ‚Violone grosso’ bezeichneten Instrumentes, das er als ‚große Viola da Gamba’ verstanden wissen möchte und auf der Aufnahme denn auch entsprechend besetzt. Geradezu überbordend wird das Beiheft mit zwei Faksimile-Auszügen aus Händels Partituren. Soweit, so gut, denkt sich der Händel-Freund und legt die CD auf, gespannt zu erfahren, was da in akustisch-musikalischer Hinsicht geboten wird.

Korrekte Darstellung

Und es zeigt sich: Den durchaus akademischen Anspruch, den das Beiheft anzumelden scheint, nimmt die Aufnahme selbst auf. Eine korrekte, historisch-informierte Darstellung scheint erstrebt, die eher das Studium der Werke begünstigt, als daß sie sich den spätestens seit dem Händel-Jahr 2009 im Schwange befindlichen Vorstellungen vom ‚barocken Händel’ andient. Konkret heißt das: Keine wilde Leidenschaft wird zur Schau gestellt, stattdessen präzise erfüllt, was die Partituren fordern.

Stefanie Trues schlanker, hervorragend ausgebildeter und souverän geführter, sein zweifellos vorhandenes leidenschaftliches Potential nonchalant überspielender Sopran kommt diesem Vorhaben entgegen. ‘Contrasto armonico’ musiziert diskret, ausdrucksmäßig zurückgenommen in gleichem Sinne. Die meisten Arien sind für Sopran und Basso-continuo geschrieben, in HWV 173 (Un’ alma inamorata) tritt dialogisierend eine Sologeige hinzu, in HWV 170 (Tra le fiamme/Il consiglio) ist ein ganzes Kammerensemble (inklusive der von Vitale mit einigem Eifer verfochtenen ‘große Gambe’) zu hören, das einen sehr weichen, matt leuchtenden Klang kultiviert.

Andeutungen statt Festmähler

Weniger der ‚barocke Händel’ wird hier vorgeführt, der ganze Festmähler allein verspeiste, sondern eher der schmächtige ‚caro sassone’ der Frühzeit, der sich in ein intellektuelles Spiel aus Gesten und Andeutungen verstrickt zeigt. Wem das zusagt, der ist mit dieser CD zweifellos gut bedient. Für die anderen fragt sich, ob nicht doch etwas mehr Leidenschaftlichkeit manchmal angebracht gewesen wäre. Die erste, über siebenminütige Arie aus HWV 170 (Quel povero core) zeugt von Händels stupender Charakterisierungsgabe, indem er die Qualen der Liebenden in einen schmerzlich sich windenden, vielfach geradezu mißtönenden Dialog von Sopran und Solo-Geige übersetzt – in der vorliegenden Wiedergabe wirkt dieser freilich eher etwas unterkühlt, fast apathisch. Entsprechend trocken denn auch die reinen Solo-Kantaten, in denen zum Sopran nur der Basso Continuo hinzutritt. In reizvoller Spannung steht solches understatement allenfalls mit der opulenteren Partitur von HWV 170; Klangzauber wie in der Eröffnungsarie (‘Tra le fiamme’) oder die seltsam unter einer dünnen Eisschicht bewahrte Emotionalität des ‘Voli per l’aria’ können mit den genannten Abstrichen vielleicht nicht ganz, aber doch immerhin teilweise versöhnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Kantaten HWV 84, 104, 144, 170 & 173

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
04.12.2009
EAN:

5028421940007


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Brilliant classics

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