> > > Vivante interpretieren: Werke von Frescobaldi, Monteverdi, Rovetta & Strozzi
Sonntag, 21. April 2019

Vivante interpretieren - Werke von Frescobaldi, Monteverdi, Rovetta & Strozzi

Zum Licht


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kongenial: Das Ensemble Vivante überzeugt mit eindeutig Zweideutigem aus dem italienischen Frühbarock.

‚Alla luce‘, zum Licht, so nennt sich eine vom ORF produzierte CD mit hauptsächlich vokalen Werken des italienischen Frühbarock. Komponisten wie Monteverdi, Kapsberger, Frescobaldi und Barbara Strozzi sind vertreten, und damit gewiss einiges vom Besten, was diese Zeit zu bieten hat. ‚Alla luce‘ – der Titel ist dem eröffnenden Stück Kapsbergers entlehnt, wie die meisten andern Stücke die Vertonung eines mehr oder weniger verhüllt erotischen Text mit pastoraler Szenerie.

Über Sinn und Berechtigung von Samplern lässt sich gewiss trefflich streiten. Braucht man den x-ten Querschnitt durch den keineswegs unbekannten Fundus jener frühen Blütezeit des Barock? Das österreichische Ensemble Vivante sagt Ja – und bedient sich einer richtiggehend geistesgeschichtlichen Überlegung als roter Faden für die präsentierte Auswahl. Im Hinblick auf den tiefgreifenden historischen Wandel um und nach 1600 vermeldet der von Mitgliedern der Formation verfasste Beiheft-Text: „Die Versuche der reaktionären Kräfte der Kirche, das neue Weltbild zu unterdrücken, fruchteten, wie wir heute wissen, auf Dauer nichts – Wissenschaft, Kunst und nicht zuletzt die Musik des frühen siebzehnten Jahrhundert lassen das deutlich erkennen.“ ‚Alla Luce‘ – in diesem Sinne das Licht der Aufklärung, das die Schatten der alten Autoritäten weichen lässt und die Bahn des „modernen Individuums“ erhellt, eine Erscheinung, die sich, wie der Text meint, in der Musik durch den radikalen Ausdruckswillen, die Hinwendung zum Affekt bekundet, für die die genannten Komponistennamen einstehen mögen. Was also liegt näher, als jene säuerlich-tugendhafte Altherren-Riege, als die man sich „die reaktionären Kräfte der Kirche“ so gern vorstellen möchte, wenigstens in Gedanken mit Texten zu konfrontieren, die aus fast verblichenen Metaphern eindeutig Zweideutiges wieder hervorzuzaubern wissen? Denn dass die Befreiung des modernen Individuums auch mit der Absage an hergebrachte Prüderie einhergeht, möchte man nach dem Anhören der auf der CD präsentierten Auswahl wohl glauben.

Befürchtet man angesichts des intellektuellen, ja akademischen Programms der Produktion auch eine entsprechend nüchterne Darbietung der Musiker, so sieht man sich – glücklicherweise – getäuscht. Eine unbedingt lebendige, immer feinsinnig-dezent an Noten und Text orientierte Klangkultur bestimmt den Vortrag von Vivante. Wenige Beispiele von vielen: Das strophisch gesetzte, mit subtilem Gespür für Rhythmen musizierte Eröffnungsstück Kapsbergers (eben jenes 'Alla luce‘) mit weitgehend parallel geführten Singstimmen gibt Tore Tom Denys und Erik Leidal Gelegenheit, ihre sehr homogenen, agilen und ausdrucksstarken lyrischen Tenöre bis zur Ununterscheidbarkeit ineinanderfließen zu lassen; doch auch das kontrapunktisch gesetzte Gegen- und Ineinanderschlingen der Stimmen in Girolamo Frescobaldis 'Deh vien da me‘ (Nr. 21) wird freudig und feinfühlig ausmusiziert. Vor allem in ersterem Stück lässt sich das außergewöhnlich lebendige und volltönende Continuospiel der Instrumentalisten des Ensembles bewundern. Kunstvoll frei auch die Variationen über ein Freunden Monteverdis wohlbekanntes ostinates Bassmodell in dessen 'Quel sguardo‘ (Nr. 2). In Kapsbergers 'Alla caccia‘ (Nr. 20) bedienen sich die Musiker verblüffender gitarristischer Effekte – der Hörer möchte glauben, die im Text genannten Winde des Jagdmorgens müssten ihm jeden Moment ganz real um die Nase wehen. Schade nur, dass von der auf dem Cover eigens aufgeführten Barbara Strozzi nur ein einziges Stück auf der CD zu hören ist; nicht nur der ganz eigenwillige, leidenschaftliche Stil dieser Komponistin, auch die die innere Dramatik sensibel einfangende Interpretation hätten weiteres aus dieser Feder hier durchaus willkommen sein lassen.

Wie dem auch sei: Alles rundet sich zum Gesamteindruck eines charmant-schwungvollen Musizierens, dem es gelingt, das liebenswürdig Verspielte, Schmeichelnde der Musik (und der vertonten Texte) kongenial einzufangen. Auch mancher der „reaktionären“ Kirchenfürsten – die ja musikalisch mitunter durchaus keine Kostverächter waren – hätte da sicher Gefallen gefunden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivante interpretieren: Werke von Frescobaldi, Monteverdi, Rovetta & Strozzi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORF
1
10.09.2009
EAN:

9004629314501


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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