> > > Günter Wand dirigiert: Sinfonien von Beethoven, Brahms, Bruckner, Schubert & Schumann
Montag, 22. April 2019

Günter Wand dirigiert - Sinfonien von Beethoven, Brahms, Bruckner, Schubert & Schumann

Deutlich, geradlinig, ernsthaft


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Mitschnitte von Günter Wands Konzerten mit dem DSO bieten interpretatorisch nichts Neues, dokumentieren aber eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit.

Es gibt wenige andere Dirigenten neben Günter Wand, deren Interpretationen von denselben Werke in zahlreichen Aufnahmen vorliegen bzw. vorlagen: einige wurden mittlerweile aus dem Katalog gestrichen. Dafür kommen hin und wieder neue hinzu, wie etwa diese 8-CD-Box, herausgegeben von der Profil Edition, einem Label, das sich um den klingenden Nachlass von Günter Wand mehr als verdient gemacht hat; vor allem, weil nicht nur immer wieder dieselben Stücke auf den Markt geworfen wurden, sondern in Zusammenarbeit mit dem Wand-Biographien Wolfgang Seifert auch Günter Wands überzeugtes Engagement für die zeitgenössische Musik dokumentiert wurde. Nun wartet das Label von Günter Hänssler wiederum mit einer Rarität auf – den Mitschnitten von Günter Wand in der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin.

1983 stand Günter Wand zum ersten Mal am Pult des Orchesters, damals noch unter dem Namen Radio-Symphonieorchester Berlin (RSO Berlin) firmierend. Daran schlossen sich regelmäßige Gastauftritte an, die erfolgreiche Zusammenarbeit wurde 1993 seitens des Orchesters mit der Ernennung Wands zum Ehrendirigent honoriert. In den Programmen der Konzerte tauchen immer wieder jene Namen und Werkkombinationen auf, auf die sich Günter Wand in seinen späten Lebensjahren ausschließlich konzentrierte: Schubert und Bruckner, daneben Brahms und Beethoven; in die klingende Dokumentation von Günter Wands Zusammenarbeit mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (so heißt der Klangkörper seit einigen Jahren) hielt auch Robert Schumanns Vierte Sinfonie Einzug. Es sind dies sämtlich Werke, die Wand mit anderen Orchestern schon mehrmals eingespielt (bzw. als DVD aufgezeichnet) hat, mal als Studioproduktion, mal als Live-Mitschnitt. Es lässt sich daher fragen, inwiefern diese Zusammenstellung Neues zu bieten vermag.

Vermutlich aber ist die Frage falsch gestellt. Neues im emphatischen Sinn, eine von anderen Aufzeichnungen abweichende Lesart, haben diese Mitschnitte freilich nicht zu bieten. – Können sie gar nicht bieten, weil es Wands vordringliches Ziel war, einem musikalischen Idealbild näherzukommen, nicht um des billigen Effektes willen einen neuen, unerwarteten Zugang zu eröffnen. Künstlerische Redlichkeit, Ernsthaftigkeit und eine musikalische Genauigkeit, die von Musikern zuweilen als penible Haarspalterei gefürchtet war, standen für Günter Wand im Zentrum seiner Auseinandersetzung mit ‚großer Musik‘ (dieser Begriff darf in diesem Zusammenhang durchaus in Anschlag gebracht werden, sah sich Wand doch als Diener der großen Komponisten, deren Werke, große Werke zumal, er immer und immer wieder intensiv studierte). Was die vorliegende, in einem Pappschuber zusammengeführte, aus Einzel- und Doppel-CDs bestehende Sammlung bietet, ist eine Dokumentation; die klingende Dokumentation der engen und – musikalisch hörbar – intensiven Zusammenarbeit des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin mit dem Dirigenten Günter Wand. Neben einigen Kommentaren zu den Werken beinhaltet jede Einzel- bzw. Doppel-CD im Booklet eine kurze Charakterisierung von Wands Zugriff auf die betreffenden Werke (meist Übernahmen aus Wolfang Seiferts Wand-Biographie). Wer sich mit dem Dirigenten also schon ein wenig auseinandergesetzt hat, wird hier keine neuen Informationen finden. Ebenso wenig wie den Hörer ‚neue‘ Interpretationen erwarten.

Brahms- und Bruckner-Sternstunden

Am meisten überzeugen hier die Brahms- und Bruckner-Interpretationen. Brahms‘ Erste Sinfonie op. 68 geht Wand mit der ihm eigenen druckvollen Bewegtheit ein und lässt das Orchester im Kopfsatz riesige Spannungsverhältnisse aufbauen. Wie sehr aber Günter Wand nicht ein strukturell denkender musikalischer Architekt war, sondern ein Meister klingender Dramaturgie, erweist sich im Finalsatz: Der Tempowechsel im Hauptthemenkomplex wirkt hier ungemein mitreißend, als würde die Musik einen, nein zwei Gänge hochschalten. Selten hat diese Tempoänderung solche Vehemenz, von Günter Wand planvoll erzeugt, indem er die Musiker zurückhält, im unmittelbaren Vorlauf schneller zu werden; dadurch erhält der plötzliche Tempoumschwung eine ungestüme Wucht. Nicht weniger faszinierend ist Wands Interpretation der Vierten Sinfonie op. 98 von Johannes Brahms. Besonders hier erweist es sich als äußerst positiv, wie Günter Wand in seinen späten Jahren der Musik etwas mehr atmende Flexibilität zukommen lässt, als er dies etwa in der Studioproduktion der Brahms-Sinfonien (mit dem NDR-Sinfonieorchester, 1983) getan hatte. Der Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie (1994) lässt den Kopfsatz beweglicher und kraftvoller wirken, vor allem der langsame Satz aber erhält ungeheure Spannungsmomente. Gleiches lässt sich von der Aufzeichnung der ‚Großen C-Dur-Sinfonie‘ (D 944) von Franz Schubert sagen. Auch wenn der Kopfsatz klanglich manchmal etwas robust anmutet, ist der langsame Satz mit Spannung aufgeladen – einer Spannung, die sich aus dem Kontrast breiter Kantilenen und den ‚vollgriffigen‘ Ausbrüchen ergibt. Das Finale wirkt noch dynamischer als in der Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern; man möchte sich dem spontan aufbrandenden Applaus des Publikums gerne anschließen.

Im Berliner Konzerthaus wurde 1993 die Kombination von Schuberts ‚Unvollendeter‘, der h-Moll-Sinfonie D 759, und Bruckners Neunter mitgeschnitten. Mag auch die auf DVD erhältliche Aufzeichnung mit dem NDR-Sinfonieorchester noch bewegender erscheinen und die Abstimmung zwischen Orchester und Dirigent (im großen Ganzen zumindest: es gibt da eine eklatante Differenz bei der Tempoabstimmung im langsamen Satz von Bruckners Neunter) enger sein, so darf doch auch das Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin als Dokument eines tief berührenden Abends gelten. Die orchestralen Schichten in Schuberts h-Moll-Sinfonie werden von Günter Wand schonungslos in getrennte Klanggruppen gespalten – von herzerwärmendem Schönklang keine Spur; eher von künstlerischer Wahrheit, ein Ziel von Wands Musizieren. Besonders die Bläser verrichten hier vorzügliche Arbeit, wie überhaupt das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin gerade in den Holzbläsern restlos zu überzeugen vermag. Und auch Bruckners Neunte erklingt mit einer weit ausholenden, sorgsam disponierenden Spannkraft, wenngleich die expressive Akkordballung des langsamen Satzes nicht ganz die Vehemenz hat wie der spätere Mitschnitt vom Schleswig-Holstein Musikfestival.

Schumanns Vierte Sinfonie hat Günter Wand anderswo feiner, anregender und spannender dirigiert. Der Übergang von der langsamen Einleitung zum Hauptthema des ersten Satzes wirkt eigentümlich gehetzt, eine Seltenheit bei einem sorgfältigen Gestalter von Temporelationen wie Günter Wand. Und der Übergang zum Finale hat in dem Mitschnitt von 1994 wenig Misterioso-Qualitäten, die indes seine Einspielung mit dem NDR-Sinfonieorchester auszeichnen. Und nicht nur das zweite Thema des Schlussatzes wirkt etwas rustikal phrasiert, auch die flirrende Schlussstretta lässt einiges an Jubel vermissen. Hier wirkt der interpretatorische Zugriff ein wenig zu ernsthaft, zu grimmig. Ähnliches ließe sich über die Beethoven-Sinfonien sagen. Die Erste Sinfonie op. 23 wirkt ein wenig altbacken, das Moment des Staunens und der Überraschung scheint der sorgsamen Verdeutlichung gewichen, die hier aber ein wenig zu sehr als musikalisch-interpretatorischer Fingerzeig daherkommt. Und auch der Vierten Sinfonie op. 60 fehlt es etwas an Leichtigkeit und Esprit, während hingegen die ‚Eroica’ durchaus als exemplarisch für Wands Musizieren als Kombination von Herz und Hirn gelten darf. Auch wenn sich in den letzten Jahren das Verhältnis – glücklicherweise – ein wenig mehr zur Herz-Seite hin verschoben hat. Durchweg aber zeigt sich Günter Wand als sorgfältiger Modellierer orchestraler Balance. Das, was ihm Wesentlich erscheint, wird stets hörbar, so sehr sich die Musiker auch anzustrengen haben, um sich gegen die Begleitstimmen durchzusetzen. Vielleicht ist es aber gerade diese Anstrengung, die nicht nur die musikalische Textur verdeutlichen hilft, sondern eine ästhetische Qualität beisteuert. Große Musik erfordert (vielleicht) Anstrengung. Günter Wand hätte diese Behauptung wohl unterschrieben.

Insgesamt erhält der Hörer hier eine Zusammenstellung jener Stücke, denen sich Günter Wand immer wieder mit künstlerischer Intelligenz und menschlicher Wärme gewidmet hat. Einige der Werke liegen in anderen Einspielungen von Günter Wand in überzeugenderen Interpretationen vor. Was aber noch entscheidender wiegt: Die klangliche Präsentation der Mitschnitte des SFB zeigt durchweg einen (allzu) hellen, drahtigen Orchesterklang, der die hohen Streicher zuweilen etwas ungeschmeidig wirken lässt und die Blechbläser an mancher Stelle richtiggehend rustikal. Das ist sicher nicht das beste klangliche Abbild des Deutschen Symphonie-Orchesters, das in natura einen wesentlich weicheren Klang pflegt als die Aufnahmen hier vorführen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Günter Wand dirigiert: Sinfonien von Beethoven, Brahms, Bruckner, Schubert & Schumann

Label:
Anzahl Medien:
Profil - Edition Günter Hänssler
8
EAN:

881488906851


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


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