> > > Quatuor Molinari spielt: Werke von Yamamoto, Hurtado, Antignani & Yip
Samstag, 24. August 2019

Quatuor Molinari spielt - Werke von Yamamoto, Hurtado, Antignani & Yip

Siegerehrung ohne Überraschung


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit den Preisträgerwerken des internationalen Kompositionswettbewerbs für Streichquartett erweitert das Molinari Quartett die zeitgenössische Kammermusik um vier gelungene Kompositionen. Ein wenig mehr Gegensatz wäre dennoch wünschenswert.

Das Quatuor Molinari ist ein Spezialensemble für zeitgenössische Musik, das seit 2001 im Zweijahres-Rhythmus den gleichnamigen internationalen Kompositionswettbewerb durchführt. Das Streichquartett unterstützt damit jüngere Komponisten bis 40 Jahre und fördert damit die Entstehung neuer Werke. Die vier Gewinnerstücke werden von einer kleinen Jury ausgewählt und anschließend vom Molinari Quartett aufgeführt sowie aufgenommen. Beim dritten Wettbewerb aus den Jahren 2005/2006 bestand die Jury neben den vier Ensemblemitgliedern – Olga Ranzenhofer, Johannes Jansonius, Jasmine Schnarr und Julie Trudeau – aus den beiden kanadischen Komponisten Isabelle Panneton und Serge Provost. Auf der CD-Veröffentlichung präsentiert das Ensemble die vier Preisträgerkompositionen.

Das Streichquartett gehört auch heute noch zur Königsdisziplin kammermusikalischen Ausdrucks und dient seit mehreren Jahrhunderten Komponisten dazu, sich in der Musikwelt zu beweisen und zu etablieren. Aufgrund der langen Tradition dieser Gattung und der Fülle an großartigen Werken und Ensembles ist die Vergleichbarkeit innerhalb des Genres besonders groß. Anhand welcher Kriterien die Jury die Gewinner auswählte, bleibt leider ungeklärt. Ein Hinweis im Booklet gibt jedoch zumindest Aufschluss darüber, dass das Streichquartett für das Molinari Quartett für eine ‚fruchtbare Form musikalischer Innovation‘ steht.

Der Sieger des dritten Wettbewerbs ist der Japaner Kazutomo Yamamoto mit seinem Stück 'Mare Taranquitatis'. Als musikalische Basis dienen die drei Noten Es, E und A, die das Wort ‚Sea‘ ergeben. Die Musik entführt den Hörer in die Höhen des Himalaya, von dem aus man nicht nur auf die Erde hinabblickt, sondern auch hinauf zum Mond. Dort gibt es einen Krater, der ebenfalls den Namen ‚Mare‘ trägt. Yamamoto schafft eine zunächst nostalgisch anmutende Klangfläche, die sich aus stereotypen kurzen Pizzicati und gehaltenen Akkorden zusammensetzt. Die Musik schwillt meeresgleich an und ab, wird aber immer wieder von wilden Tremolo-Wirbeln unterbrochen. Den Mittelteil dominiert asiatische Pentatonik, wodurch die Musik für europäische Ohren wie aus der Fremde klingt. Alles in allem bleibt das Stück sehr ruhig und besticht durch eine wohltuende Klangschönheit, die durch ihre streckenweise Eintönigkeit beruhigend wirkt, wie das sanfte Wiegen des Meeres.

José Luis Hurtados Komposition 'L’ardito e quasi stridente gesto' beginnt mit einem ganz ähnlichen Charakter: eine schroff wirkende Klangdecke, die punktualistisch durchdrungen wird. Der Werkkommentar des mexikanischen Komponisten offenbart, dass die Musik ein angespanntes und unruhiges Gefühl repräsentiert. Hervorgerufen wird dieser markante Charakter durch das wirre Treiben in stetiger Abwechslung mit dissonanten Flächen. Das Fehlen einer hörbaren Form oder eines strukturellen Zusammenhalts lassen die Zweitplatzierung zu einer nicht enden wollenden Farce anschwellen. Damit hat Hurtado den intendierten Charakter zwar getroffen, ein Hörgenuss bleibt damit jedoch nur einem masochistischen Hörer vorbehalten.

Auch das drittplatzierte Stück 'Il funerale del carenevale' des italienischen Komponisten Luca Antignani bleibt in seinem Wesen ruhig und flächig. Basierend auf einem gleichnamigen ligurischen Volkslied, folgt es einem irregulären und freien Aufbau. Im Vordergrund steht das motivische An- und Abschwellen wie schon im ersten Stück. Antignani bleibt jedoch in seiner Komposition nie eintönig, er variiert sein Material und nutzt die gesamte Artikulationsspanne, um den Charakter zu formen, zu entwickeln und damit in eine stringente Ordnung zu bringen. Der volkstümliche Charakter des Anfangs wird dabei deformiert, bleibt jedoch in der Seele des Stücks erhalten.

Ein Sammelsurium aus zunächst unzusammenhängenden Motiven und Spieltechniken zeichnen den Anfang von 'Yi Bi' von Stephen Yip aus Hong Kong aus. Der Titel bedeutet 'Ein Pinsel' und stammt aus der chinesischen Kalligraphie. Angeregt von dieser speziellen Form der Pinselführung, hat er das Zusammenspiel von Punkten und Linien in seine Komposition übernommen und kreiert allmählich ein klares musikalisches Bild. Kann man am Anfang noch keine Form erkennen, fügt sich die Musik allmählich zusammen. Die kontrastierenden Teile ergänzen sich in ihren unterschiedlichen Klangfarben und Gestaltungselementen. Dadurch erhält 'Yi Bi' eine interessante Balance, die dem Hörer am Beginn noch verschlossen bleibt, sich zum Ende jedoch in ein durchdachtes und abwechslungsreiches Konzept einfügt.

Auch wenn die Ähnlichkeit der Stücke einen interessanten Vergleich der unterschiedlichen Stile und Herangehensweisen möglich macht, wäre eine etwas abwechslungsreichere Zusammenstellung der Siegerkompositionen wünschenswert gewesen. Der Grundcharakter sowie der Kompositionsstil der vier Stücke ist leider sehr einheitlich. Ob diese Auswahl der Subjektivität der Jury geschuldet ist oder der Qualität der Einreichungen, bleibt an dieser Stelle ungeklärt. Die Kompositionen sind für sich genommen interessante und gut gelungene Wettbewerbsbeiträge, die jedoch gemeinsam auf einer CD den Wunsch nach unterschiedlichen Stilen, Klängen und Ideen wecken. Daher bilden die Stücke in ihrer Abfolge keine große Überraschung, wodurch die Einspielung auf der anderen Seite aber auch durchweg gut hörbar bleibt.

An der Einspielung des Molinari Quartetts ist nichts auszusetzen. Die vier Musiker interpretieren hingebungsvoll die vier Werke und meistern die spieltechnischen Anforderungen einem Spezialensemble gemäß ausgezeichnet. Für Liebhaber zeitgenössischer Kammermusik ist diese CD-Veröffentlichung unbedingt zu empfehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Moritz Klenk Kritik von Moritz Klenk,


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    Quatuor Molinari spielt: Werke von Yamamoto, Hurtado, Antignani & Yip

Label:
Anzahl Medien:
Atma classique
1
Medium:
EAN:

CD
722056236829


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Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


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