> > > Schumann, Robert: Klavierquartett op. 47 & Klavierquintett op. 44
Freitag, 24. Mai 2019

Schumann, Robert - Klavierquartett op. 47 & Klavierquintett op. 44

Komplexe Lesart


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Quatuor Schumann deckt in Schumanns Klavierquartett und -quintett die Brüche und Verschiebungen auf und verweigert sich einer falsch verstandenen Kuschelromantik.

Einmal mehr kommt eine Einspielung auf den Markt, die zwei der berühmtesten, zeitlich nah beieinander (nämlich 1842) komponierten Kammermusikwerke Robert Schumanns – das Klavierquartett Es-Dur op. 47 und das Klavierquintett Es-Dur op. 44 – zusammenführt. Der Reiz, sich mit diesem Repertoire auseinander zu setzen, ist offensichtlich ungebrochen; und wie man tatsächlich dem Gewohnten eine neue Erscheinungsweise zu geben vermag, belegt diese Umsetzung durch das Quatuor Schumann – mit Tedi Papavrami (Violine), Christoph Schiller (Viola), François Guye (Violoncello) und Christian Favre (Klavier) – und die Gastmusikerin Gyula Stuller (Violine in op. 44) zur Genüge: Es ist keine Interpretation, die den Hörer nur in schwelgerische Gefilde entführt: Die Wiedergabe deutet vielmehr auch auf die Brüche und Verschiebungen in Schumanns Musik hin, lässt unter den Schönheiten das Unheimliche hervorblitzen und fesselt mit einer ganz eigenartigen Intensität. Keine falsch verstandene Kuschelromantik also, sondern der sezierende Blick, der in dem Komponierten die Spuren einer seltsamen, oft schon hyperaktiven Unruhe aufdeckt – dies ist es, was die Musiker hier vollbringen. Und das ist gut so, denn es bereichert die Schumann-Diskografie ungemein.

Irritierende Wirkung

Bereits der zarte, wie von fern angestimmte Sostenuto-Begin von op. 47 macht die Qualitäten des Ensembles deutlich: Der Vortrag steckt voller Feinheiten, ist auf genaue Ausleuchtung der Partitur bedacht und in der Umsetzung von klanglichen Details wie dynamischen Angeben sehr sorgfältig. Vor allem haben die Musiker haben keine Scheu vor Extremwerten, agieren teils sehr dramatisch, ohne aber ins Pathos abzugleiten. Toll ist in dieser Hinsicht die Durchführung des Kopfsatzes mit ihrer wellenförmigen Steigerung und dem zielgerichteten, fast schon triumphierend formulierten Übergang in die Reprise. Den Sinn für die formale Dramaturgie legt das Quatuor Schumann auch in Bezug auf die satzübergreifende Disposition an den Tag: Das Scherzo mutet auf eine gewisse Art geisterhaft zerfasert an, bewusst setzt das Ensemble hier auf eine Lesart, die sich auf die divergenten Elemente des Satzes besinnt: Das Klavier bleibt zurückhaltend einem trockenen Klang verhaftet, der zur irritierende Wirkung der Musik beiträgt. Durchaus vergleichbar dem feenhaften Vorbeihuschen à la Mendelssohn zieht der Satz vorbei, dabei aber ins Unheimliche gewendet, so dass man stellenweise schon eine Gänsehaut bekommen kann.

Genau diese Musizierhaltung trägt dazu bei, dass der anschließende langsame Satz mit seiner weit geschwungenen Violoncellokantilene umso besser zur Geltung kommt. Die Stimmen umranken sich hier, wechseln zwischen Vorder- und Hintergrund und münden am Ende in eine glasklare, entrückte Klanglichkeit, das Thema aus der Ferne anstimmend. Im Fugenfinale regiert wiederum die Transparenz, was die vorzüglich instrumentale Balance des Ensembles unterstreicht: Das Klavier drängt niemals in den Vordergrund und lässt den Streichern viel Raum zur Entfaltung. Dabei wahrt die Musik bei überzeugendem Spannungsaufbau immer eine gewisse Leichtigkeit, setzt den gespenstischen Ausflügen der vorangegangenen Sätze die spielerisch anmutende Strenge des Kontrapunkts gegenüber.

Durchsichtige Wiedergabe

Der Kopfsatz von op. 44 erhält demgegenüber einen weitaus emphatischeren, unruhig vorwärts drängenden Tonfall, der gelegentlich (wie zu Beginn der Durchführung) in Dramatik umschlägt, ohne dass hierbei jedoch – trotz der melodischen Dichte – die Wiedergabe an Durchsichtigkeit verliert. Dass auch hier die Instrumente hervorragend gegeneinander ausbalanciert sind, kommt der Musik in allen Sätzen zugute. Wunderbar ist etwa der langsame Satz, dessen Trauermarschcharakter wiederum durch Wechsel von instrumentalem Vorder- und Hintergrund an Plastizität gewinnen und sich in den kontrastierenden Teil hinein verlängern, dort eine sehnsüchtige Klanglichkeit erreichend, während der zweiten Kontrastteil mit eruptiven Bewegungen aus der Besetzung auszubrechen scheint. Hier ist einer der Höhepunkte erreicht: Die Musik steht auf der Kippe, bewegt sich zwischen Verlöschen und Zerbrechen, streift die divergierenden Stimmungen, erhebt sich zur Schwärmerei und fällt wieder zurück in den Klagegestus.

Demgegenüber wird der rhythmisch markante Scherzo-Satz zu einem Fantasiestück geformt: Auffallende Charakterwechsel wie die zärtliche Gestaltung des ersten Trioteils, kontrastreich umgesetzt als Gegensatz zur vertrackten Scherzo-Rhythmik, aber auch der schon ins Ironische übergreifende Tonfall des zweiten Trios prägen den musikalischen Verlauft und bereiten so zielgerichtet auf das Finale vor. Dieses erscheint wie ein Auffangbecken für die vorangegangenen Stimmungen und wird an einigen Stellen gar zu einer theatralisch anmutenden Ansammlung mit- und gegeneinander agierender instrumentaler Charaktere. Was hier entsteht, ist ganz großartig und gibt dieser Komposition eine völlig überraschende Wendung, mit der sie – auch hier im Klangbild wunderbar durchsichtig, kammermusikalisch fein und niemals zur Schwere oder zu jenem Pathos neigend, das in anderen Aufnahmen häufig mit dem Eintreten der kontrapunktischen Texturen verbunden ist – Schumanns Musik ihrer letzten Steigerung zuführt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Klavierquartett op. 47 & Klavierquintett op. 44

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.05.2009
EAN:

3760058369784


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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