> > > Harvey, Jonathan: Streichquartette Nr. 1 - 4
Donnerstag, 22. August 2019

Harvey, Jonathan - Streichquartette Nr. 1 - 4

Bedeutsame Streichquartett-Reihe


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Arditti String Quartet legt eine sehr empfehlenswerte Gesamteinspielung von Jonathan Harveys Streichquartetten vor.

Diese Doppel-SACD des französischen Labels æon ist eine große Bereicherung: In bewährter interpretatorischer Qualität hat sich das renommierte Arditti String Quartet hier der vier Streichquartette (1977, 1988, 1995 und 2003) sowie dem Streichtrio (2004) des Briten Jonathan Harvey (*1939) angenommen. Harvey, der als Komponist unbeirrt einen höchst individuellen musikalischen Weg eingeschlagen hat, ohne dabei auf avancierte Errungenschaften zeitgenössischen Komponierens zu verzichten, erweist sich als besonders aufmerksamer Beobachter des Streicherklangs: Seine entsprechenden Werke – im Laufe der Jahre sämtliche für die Musiker um Irvine Arditti entstanden – offenbaren eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Besetzung, die sich deren spektrale Eigenschaften zunutze macht und die kompositorische Behandlung der Ensemblefarben dadurch ganz wesentlich beeinflusst.

Stehen im ersten Streichquartett von 1977 noch die melodische Bildung und deren Abschattierung durch komplexe Harmonik- und Geräuschwertigkeiten im Mittelpunkt einer Klangbefragung, die im Laufe des Werkes zusehends an Kontur und Schärfe gewinnt, erweist sich die elf Jahre später entstandene zweite Komposition dieser Werkgruppe (1988), zentriert um eine Passage mit choralartigen und rezitativischen Ausdrucksmomenten, als dramatischer und differenzierter im Zugriff auf die Möglichkeiten des Ensembles. Die erneute Verfeinerung im Umgang mit dem Klang, die das dritte Streichquartett (1995) prägt, wird schließlich im jüngsten Werk (2003) durch den Einsatz von Live-Elektronik verstärkt und in den Aufführungsraum hinein erweitert.

Frapppierend ist die Mischung aus Virtuosität und Klangsinnlichkeit, mit der das Arditti String Quartet sich den Werken nähert. Dabei meistern die Musiker nicht nur die enormen Schwierigkeiten der Ausführung auf fast spielerische Weise, sondern bringen – und dies ist vielleicht der größte Verdienst dieser Einspielung – die Musik in übertragenem Sinne zum Atmen: Der Hörer vernimmt, unterstützt von einem klaren und auf Räumlichkeit setzenden Klangbild, faszinierend umgesetzte Spannungsverläufe und dynamische Kurven, die den jeweils einsätzigen Werke eine erstaunliche Intensität und Geschlossenheit verleihen. Dass diese Wirkung auch bei dem heiklen, weil räumlich konzipierten vierten Quartett nicht nachlässt, ist ein weiterer positiver Aspekt dieser Einspielung. Hier gelingt eine adäquate Anpassung an das gewählte Medium, die sich als bis in die feinen Klangveränderungen hinein nachvollziehbare Umsetzung der live-elektronischen Raumgestaltung wahrnehmen lässt.

Allein die jeweils eigene Farbigkeit der Werke kommt nicht ideal zur Geltung, weil der typische, zum Markenzeichen gewordene Arditti-Ensemble-Klang das Geschehen manchmal allzu stark dominiert und die spezifischen Eigenwerte von Harveys Musik verdeckt. Dennoch ist die Produktion wunderbar geschlossen und macht unmissverständlich deutlich, dass der Brite mit seinen vier Werken einen gewichtigen und anspruchsvollen Beitrag zur Gattung des Streichquartetts an der Schwelle zum 21. Jahrhundert komponiert hat. Dass darüber hinaus auch das Streichtrio (2004) aufgenommen wurde, ist sehr erfreulich und entbehrt nicht der Logik, lässt dieses Stück doch spüren, wie gut der Komponist mit einer Besetzung umgehen kann, der es aufgrund der Reduktion um eine der vier Quartettstimmen an Klangfülle fehlt – ein Umstand, den Harvey gewissermaßen durch eine größere Freiheit der Einzelparts kompensiert. Dass der Musikjournalist Björn Gottstein für das Booklet eine mit drei Seiten zwar nicht übermäßig lange, dafür aber umso kompetentere Einführung in diese komplexen Werke geschrieben hat, rundet das höchst gelungene Projekt schließlich ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Harvey, Jonathan: Streichquartette Nr. 1 - 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
2
01.04.2009
Medium:
EAN:

SACD
3760058369753


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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