> > > Roos, Harke de: Mozart und seine Kaiser
Freitag, 19. April 2019

Roos, Harke de - Mozart und seine Kaiser

Quecksilbersäulen. Oder: Wer ermordete Mozart?


Label/Verlag: Ries & Erler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Harke de Roos führt selten gewürdigte Tatsachen zu Mozarts Leben und Sterben zusammen und spinnt sie mit hoher Einbildungskraft fort.

Harke de Roos tritt mit Buchveröffentlichungen hervor, die lieb gewordene Sicherheiten der Aufführungspraxis und Musikgeschichtsschreibung in Zweifel ziehen. Sein Augenmerk gilt unter anderem dem unerschöpflichen Streit um Fragen des richtigen Tempos und richtige Lesarten Beethovenscher Metronomangaben. De Roos ist – grob gesprochen – jenem Lager zuzurechnen, das langsamere als die üblichen Tempi empfiehlt. Beethovens Tempobezeichnungen würden jedenfalls gründlich missverstanden – was dieser sehenden Auges einkalkuliert habe.

De Roos’ Interesse gilt im Übrigen Mozart, dessen Todesumstände von jeher allerlei Phantasien, darüber hinaus aber seriöse Forschungsbemühungen auslösten. ‚Mozart und seine Kaiser‘ zielt auf eine scheinbar harmlose Koinzidenz: Mozart ist am 5. Dezember 1791 gestorben, Leopold II., Österreichs Kaiser, am 1. März 1792, nach nicht einmal zweijähriger Herrschaft. De Roos macht geltend, dass beider Tod nicht auf ernsthafte, letale Erkrankungen zurückgeht, sondern auf ärztliche ‚Kunstfehler’. Diese stellten sich – auch nach Begriffen der Zeit – dermaßen krude dar, dass eine Tötungsabsicht zu vermuten sei. Dass Wiens politischer Klasse beider, Leopolds wie Mozarts, Tod – also beider Ermordung –, wünschenswert schien, könne unschwer glaubhaft gemacht werden: Leopolds weitreichende, am englischen und amerikanischen Parlamentarismus, darüber hinaus an der Französischen Revolution geschulte Reformpläne mussten Anstoß erregen. Mozart wiederum war mit Leopold zugegebenermaßen nur oberflächlich bekannt. Sein renitentes, aufrührerisches Gebaren hatte aber just dieselben Personen verprellt, die Leopolds plötzliches Ableben betrieben, darunter den mächtigen Staatskanzler Kaunitz und die kaum weniger einflussreiche, von Salzburger Tagen her ihren frechen Lakaien mit Rachsucht und Widerwillen verfolgende Familie Colloredo. Auch hatte Mozart, wie Leopold, Teile des Erzhauses Habsburg gegen sich: 'Don Giovanni' hatte – so Harke de Roos – Josephs II., des Vorgängers Leopolds, Erotomanie aufs Korn genommen. 'Die Entführung aus dem Serail' hatte Josephs Kriegspolitik gegen die Türkei angeprangert. 'La Clemenza di Tito' pries Leopold (Titus) – und klagte dessen Gegner an, ein Mordkomplott wider den Kaiser zu schmieden.

Es verhält sich wie mit vielen sogenannten Verschwörungstheorien: De Roos fällt vieles ein und auf, die Funde und Vermutungen sind kohärent verbunden, häufig glaubhaft und erhellend. ‚Zwingend’ ist aber nichts, Widerlegungen wie Beweise sind nicht beizubringen – so wenig wie für irgendwelche anderen Theorien über Mozarts Tod. De Roos schreibt im Zusammenhang des Requiem KV 626: ‚Zugegeben, dies alles ist nur Spekulation, von der man, wenn man will, nicht ein Wort zu glauben braucht. Dennoch führt sie uns vor Augen, welche Anzahl von biographischen Varianten es gibt, von denen wir bis jetzt keine Vorstellung hatten. Sie dient uns […] als eine Art von Vorstellungsstütze, die immerhin Erklärung bietet für Sachverhalte, die bis heute nicht geklärt sind.‘

Harke de Roos ist niederländischer Muttersprachler, sein Deutsch ist gleichwohl goutierbar, farbig und heiter. Karl Dietrich Gräwe wiederum, der famose Musikpublizist, hat ein launiges Vorwort verfasst. Er hebt auf literarische und musikalische Meriten des Buches ab. Diese hätten Bestand, auch wenn die zu Grunde liegenden Thesen nicht haltbar sein sollten. De Roos treibe die ‚nimmermüde Versessenheit, Fakten über Fakten herbeizuschaffen.‘ Aber – ‚die Fakten, gleich aus welcher Vergangenheit sie aufsteigen, leben noch, sie sind variabel wie Quecksilbersäulen. […] Die Wahrheit ist so rund, dass niemand die Musik Mozarts oder die Verse von Lorenzo da Ponte auf Millimeterpapier wird nachrechnen wollen. […] ‚Mozart und seine Kaiser’ ist auch eine Art von Oper – eine Mozart-Oper zum Lesen.‘


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Roos, Harke de: Mozart und seine Kaiser

Label:
Anzahl Medien:
Ries & Erler
1

Cover vergössern

Ries & Erler

Am 1.Juli 1881 gründete der Violinvirtuose, Komponist und Königl. Sächs. Hofmusikalienhändler Franz RIES mit dem Verleger Hermann ERLER in Berlin den Musikverlag RIES & ERLER. Franz Ries, der als Sohn des Berliner Konzertmeisters Hubert Ries und als Neffe des Beethovenschülers und -freundes Ferdinand Ries aus einer Musikerfamilie kam, steuerte als Komponist auch eigene Werke wie "Perpetuum mobile" und später "La Capricciosa" bei, die heute noch beliebte Vortragsstücke für Violine sind. Durch Ankauf der Verlage M.Schloß, Köln, Voigt, Kassel, E.F. Hientzsch, Breslau und im weiteren Verlauf die Übernahme von R.Sulzer und Jatho, Berlin wurde das Verlagsprogramm wesentlich erweitert.

Nach dem Tode Hermann Erlers führte Franz Ries den Verlag allein weiter.

Der Schwerpunkt der gegenwärtigen Verlagsproduktion ist die Herausgabe zeitgenössischer Ernster Musik.

Von Fleschs Skalensystem für Violine (1987 von Max Rostal neu herausgegeben und erweitert) wurden die Ausgaben für die gesamte Streicherfamilie (Va - Vc - Kb) veröffentlicht. Besonders erfolgreich sind auch die kürzlich editierten Unterrichtswerke für Violine von Zakhar Bron und Ramin Entezami sowie Lieteratur für Kinder und Jugendkonzerte für Sinfonieorchester.

Seit 1997 liegt ein weiterer Schwerpunkt des Verlagsprogramms in der Herausgabe und Auswertung von Stummfilm-Musiken (original und neukomponiert), wie u.a. der Original-Filmmusik zum Fritz Lang-Stummfilm Metropolis (UNESCO Weltkulturerbe) von Gottfried Huppertz.

Seit 2002 ist bei Ries & Erler die von Bert Hagels herausgegebene Edition "Sinfonik des 19.Jahrhunderts" sehr erfolgreich. (Die CDs - produziert auf Grundlage dieser Edition - erscheinen überwiegend beim renommierten Label CPO)

Der Verlag Ries & Erler wird auch in Zukunft ein möglichst breitgefächertes Verlagsprogramm anbieten und damit traditionsbewußt sein, aber auch Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber dokumentieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ries & Erler:

  • Zur Kritik... Doyen des modernen Violinspiels: Kathinka Rebling hat eine lohnenswerte und in jeder Hinsicht voluminöse 'Hohe Schule des Fingersatzes' von Carl Flesch vor. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Konzerte in Leipzig 1779-1848: Bert Hagels Aufstellung Leipziger Konzerte gibt nicht nur Einblicke in die Vielzahl von Werken heute kaum bekannter Komponisten, sondern auch in die Diversität der damaligen Konzertprogramme. Weiter...
    (Christiane Bayer, )
  • Zur Kritik... Einladung zum Zuhören und selber Singen: Mit 'Lauter bunte Kinder' präsentiert Monica Riedel eine kreative Kombination aus Liederbuch und CD. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle Kritiken von Ries & Erler...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Daniel Krause:

blättern

Alle Kritiken von Dr. Daniel Krause...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Große Erzählung: Ralf Otto macht diese Produktion zu einem echten Erlebnis, zwischen theologischem Diskurs und Trauerspiel. Eine unbedingt hörenswerte, in ihrer textverständlichen Natürlichkeit eindrückliche Matthäus-Passion. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Berauschend: Das Duo imPuls, das die berühmten Präludien Bachs in einem völlig anderen Licht präsentiert, geht mit dieser CD-Veröffentlichung ein revolutionäres Wagnis ein. Wer sich allerdings auf den ungewöhnlichen Klanggenuss einlässt, wird reich belohnt werden. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Liebe fürs Detail: Das Label Dux bringt eine gelungene Aufnahme der Chopin-Lieder op. 74 neu heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2019) herunterladen (1559 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Karl Weigl: Cello Concerto - Allego ma non troppo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich