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Montag, 20. Mai 2019

Brahms, Johannes - Sämtliche Cellosonaten

Mit echtem Verkündigungspathos


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Einspielung der drei Cellosonaten von Johannes Brahms durch Marc Coppey und Peter Laul verspricht Großes, wenn man sie in den Händen hält, und hält es zumeist, wenn man sie in den Ohren hat.

Die neue Einspielung der Brahms-Sonaten des Cellisten Marc Coppey mit dem Pianisten Peter Laul erscheint mit einer Aufmachung, deren Pathos nicht zu übersehen ist. Die CD mit den zwei Cellosonaten in e-Moll und F-Dur, sowie Brahms’ eigene Transkription der D-Dur-Violinsonate aus dem Todesjahr 1897, tritt erhaben auf, verstärkt durch die schwarze, gewaltige Aufmachung des Labels aeon. Da blicken die Solistengesichter ernst und melancholisch in die Ferne oder zum Betrachter hinaus, da ist auf der Rückseite des Covers von schicksalhaften Erweckungserlebnissen mit Brahms’ Musik die Rede, von prägenden Erinnerungen aus frühester Kindheit, und kaum klappt man die schöne CD auf, prangt da ein kurzer Ausschnitt eines berühmten Novalis-Zitats: ‘Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg.’ Ob nun dieses Zitat wirklich passt, oder nicht, sei dahingestellt, in jedem Falle aber muss man sagen, dass hier eine gewaltige Ankündigung vorliegt. Und die Musik auf der CD straft sie keine Lügen.

Coppey und Laul erscheinen vom ersten Takt der e-Moll-Sonate als haarfein aufeinander abgestimmtes Duo. Es gilt höchste Präsenz. Die blasse, trüb gefärbte Melancholie des Kopfsatzes füllt schlagartig und unmittelbar den Raum mit starker atmosphärischer Dichte. Die Interpretation des Duos wirkt über die ganze CD hinweg intim und intensiv, in einem engen, kammermusikalischen Rahmen gehalten und dort unwiderstehlich kraftvoll. Vielleicht wäre das Schiller-Zitat ‘Im kleinsten Punkte die größte Kraft.’ passender als Wappen der CD gewesen. Zu dieser Ausdrucksgewalt kommt noch der fabelhafte Klang beider Instrumente, die bald zu einem transparenten Mischverhältnis finden, bald sich deutlich in die Rolle von Solist und Begleitung aufspalten. Ruhig strömen die Linien. Nur selten schlägt diese Ruhe nach beiden Seiten ins weniger Schöne aus. Zum einen sind da die selten geforderten hohen Lagen des Cellos, die, zumal wenn in schnellen Läufen oder Sprüngen hinauf soll, etwas schrill, etwas zu ungestüm und geschossen wirken vor der Hintergrund der gesamten, unaufgeregten, zusammengeballten Interpretation. Solche Stellen reißen beispielsweise im Kopfsatz der e-Moll-Sonate oder im Adagio der D-Dur-Sonate immer wieder Unterbrechungen in den weichen Stoff. Zum anderen meint man zuweilen, v.a. im letzten Satz der e-Moll-Sonate, dass das Dahinfließen der Musik in solcher Andacht und Meditation versinkt, dass leichte Anflüge von Stagnation im rhythmischen Geschehen merklich werden. Aber das bleiben die Ausnahmen in der vollen und lyrischen Gestaltung dieser Sonaten, und nur deshalb stechen sie als Ausnahmen so ins Ohr. Die innig wirkende Anteilnahme von Coppey und Laul schließt das ganz emotionale Ich-Gefühl dieser drei Sonaten weit auf, ohne sie zu übersteuern.

‘Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends, ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.’ Diese Suche im Inneren, im Persönlichsten, im Kernland ist sicherlich in dieser Interpretation als eindrucksvolle Facette an den Brahms-Sonaten hervorgehoben. Man hätte sie sicherlich mehr für sich sprechen lassen können, diese Musik lobt sich selbst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sämtliche Cellosonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.03.2009
EAN:

3760058368671


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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