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Montag, 20. Mai 2019

Dutilleux, Henri - Tout un monde lontain...

Viel besser als eine Torte


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Marc Coppey hat mit den Cellowerken Dutilleuxs, dem Cellokonzert und den Sacherstrophen, moderne Klassiker des Repertoires eingespielt, und eines seiner Gespräch mit dem Komponisten im Zuge der Aufnahme auf einer zweiten CD zugegeben.

Henri Dutilleuxs Cellokonzert ‘Tout un monde lointain...’ und seine ‘Trois Strophes’ über den Namen Paul Sachers gehörten bald nach der Premiere durch den Auftraggeber Rostropovich 1970 und 1976 zu den modernen Klassikern und Standardwerken des Cellorepertoires. Marc Coppey, ein Cellist, der auch nicht wenige Cellokonzerte erstmals aufgeführt hat (Lenot, Durieux, Tanguy), hat die Werke eingespielt und sich dabei beim Komponisten selbst mit Tat und Gespräch beraten lassen.

Bei diesem Cellokonzert braucht man schon eine Weile, ein mehrmaliges Kennenlernen, bis man das Dickicht der Klangebenen in, wenn sich so sagen lässt, verständliche Scheiben zerhört hat. Die Vielfalt der Techniken überrascht, wie auch in den Sacher-Strophen, und erweitert das Klangspektrum des Cellos um selten gehörte Effekte. Marc Coppey versteht es, diese Effekte auch zu Musik werden zu lassen. Er verfügt über ein sehr agiles, schön federndes Pizzicato, das v.a. im dritten Satz mit wunderbarer Elastizität und Prägnanz in die weitgeschwungenen Klangkaskaden der Holzbläser einbricht. Die verwobenen Dialoge zwischen Orchester und Solist, die Dutilleux komponiert hat, werden zu unerhörten Wechselreden. Allein die sehr kurzen Töne, die Saltato- und Staccatopassagen wirken manchmal etwas zu grob, einige gewaltige Sprünge landen nicht immer punktgenau. Aber insgesamt arbeitet sich Coppey mit Bravour durch die dichte Textur seines fünf Oktaven umfassenden Soloparts – und die Stellen, wo es sich wirklich nach Arbeit anhört, bleiben erfreulicherweise die Ausnahme. Das Finale krönt das Konzert. Der gewittrige Einsatz dieses fünften Satzes bereitet die Bühne für das letzte, grimme Aufblühen des Cellos, und Coppey zeigt noch einmal, wie er diese Stelle meisterlich besetzt. Ohne alle Delikatesse, ohne Feinfühligkeit treibt er den düsteren, fast brutalen Charakter des Schlusssatzes heraus. Die hakenschlagenden Melodielinien, die sich auf dem apokalyptischen Klanguntergrund bewegen, grinsen in einer kalten Gewalt, und zeigen die großartige Verbindung des Orchestre Philharmonique de Liège mit Coppey in diesem Konzert. Der flüchtig und lakonisch verrieselnde Schluss beerbt die erstaunten Hörer mit weiterklingender Stille.

Hochvirtuos und im wahrsten Sinne gefürchtet schwer sind (und klingen!) auch die ‘Trois Strophes sur le nom de Paul Sacher’, Klangdenkmäler für den Basler Mäzen, der mit der Torte natürlich gar nichts zu tun hat. Coppey zeichnet die verschiedenen, ja hundertfältigen Farben dieser drei Kabinettstücke ausdrucksstark nach, von der Eröffnung der ersten Variation an. Er erschließt sich den Klangraum souverän und macht ihn nachvollziehbar. Äußerst klar und sauber flattern die falschen Flageoletts in die Höhe, körperlos und keinem Instrument mehr zuzuordnen. Ein fein angespitztes Col legno klöppelt präzis die Prägnanz des auftaktigen Hauptmotivs. Die mörderischen Sprünge in der zweiten Hälfte der erste Variation, Sprünge vom Tiefsten ins Höchste und zugleich vom Pizzicato zum gestrichenen Ton, geraten zwar nicht ganz sauber, werfen aber zugleich die Frage auf, ob das überhaupt geht, und ob der Cellist es hier nicht mit einer veritabel unspielbaren Stelle zu tun hat.

Die CD endet mit dem cellokonzertartigen ‘Épiphanie’ von André Caplet, das von einer äthiopischen Legende angeregt und 1923 komponiert wurde. Besonders der erste Satz ist ein zartes, farbenreiches Bild, das immer wieder mit Exotismen und süßlichen Melodien spielt, und dem Untertitel des Konzertes, ‘Musikalische Fresken’, alle Ehren macht. Hier ist Coppey Ton manchmal etwas zu schroff, zu rau und sachlich, vielleicht noch zu sehr von den dämonisch kühlen Experimenten Dutilleuxs geprägt. Denn immerhin wurde die CD in Liège in nur drei Tagen aufgenommen, was zum einen bei diesem virtuosen und anspruchsvollen Programm eine Leistung ist, zum andren aber in der beschriebenen Weise etwas vom spätimpressionistischen Zauber des Caplet-Konzertes benimmt. Der abschließende ‘Dance de petits nègres’ bringt wieder gewaltvollere, rhythmisch härtere Passagen, in denen Coppey sich stimmig ausleben kann. Aber im Großen und Ganzen scheint Caplets Komposition zu verspielt und leicht im besten Sinn, als dass sie neben der Musik Dutilleuxs bestehen könnte: gerade, wenn der Solist noch durchtränkt von jenem archaischen Ernst scheint. Oder jedenfalls so spielt.

Ein Blick ins Booklet verrät, dass es sich eigentlich um eine reine Dutilleux-CD handelt, und der Komponist selbst sich die Caplet-Komposition quasi als ‘Zugabe’ gewünscht hat. Der Text des Booklet, der hauptsächlich die Wirkung von Dutilleuxs Werken zu beschreiben sucht, ist streckenweise äußerst blumig. Aber das Booklet dieser CD ist ungewöhnlich erweitert: nämlich um eine weitere CD. Auf ihr befindet sich ein dreiviertelstündiges Gespräch Dutilleuxs mit dem Musikwissenschaftler Jean-Michel Nectoux und Marc Coppey. Über Baudelaire, das Cello, und die Werke selbst. Das Booklet beinhaltet eine Übersetzung des Gesprächs ins Englische, und ist so auf bemerkenswerte, hochinteressante Weise bereichert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dutilleux, Henri: Tout un monde lontain...

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
2
01.03.2009
EAN:

3760058368619


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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