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Sonntag, 21. April 2019

Lutoslawski, Witold - Two Studies

Witzig und effektvoll


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Interpretation mit solch einem Temperament und atmosphärischem Gespür.

Gelegentlich hat man das Glück auf Pianisten zu treffen, die schon nach wenigen Takten, ja sogar wenigen Tönen durch ihren enormen Gestaltungswillen beeindrucken. Es ist eine Art ‚Unbedingtheit‘, mit der konsequent und souverän die eigene Auffassung vertreten wird. Zu diesem Typ von Interpreten gehört Erika Haase, Jahrgang 1935, eine ehemalige Schülerin Hans Leygrafs (unter dessen Schülern sich auffallend viele befinden, für die dieser ausgeprägte Gestaltungswille charakteristisch ist). Diese Unbedingtheit, ja Ausdrucksentschlossenheit sagt natürlich wenig aus über den vorher stattgefundenen Prozess der Aneignung. Vermutlich gehören interpretatorische Zweifel, immer neues Abwägen auch zu Erika Haases Einstudierungen, und gut möglich, dass sie auch heute noch innerlich ihre Interpretationen immer wieder in Frage stellt. Doch davon merkt der Hörer dieser Aufnahme nichts, und das ist als eine Stärke zu sehen: Es gibt keine Herumsuchen, kein interpretatorisches Hadern, kein wankelmütiges Herumlavieren, kein Bemühen, es allen Recht zu machen. Erika Haase ist eine Frau der klaren Aussage. Sie hat eine präzise Vorstellung von dem, was sie machen will, vertritt diese Auffassungen mit aller Deutlichkeit, was insgesamt souverän und überzeugend wirkt. Ein weiterer Pluspunkt dieser Aufnahme ist Haases Fähigkeit zum organischen Zusammenführen der einzelnen Parameter: Farbe, Dynamik, Akzente und Pedalisierung sind ungewöhnlich gut aufeinander bezogen, so dass ein besonders starker synergetischer Effekt entsteht. Nichts ist hier Verlegenheitslösung oder zufällig - statisch wirkt die Aufnahme dennoch nicht. Im Gegenzug muss man sich natürlich fragen, ob die verschiedenen atmosphärischen Stimmungen der Kompositionen nicht von einem solch eminenten Ausdruckswillen beiseite gefegt oder vereinheitlicht werden, doch kann man auch dabei bedenkenlos Entwarnung geben. Lutoslawskis Etüden, die während der deutschen Besetzung Warschaus 1940/41 entstanden sind (etwa zeitgleich mit den viel bekannterern Paganini-Variationen für zwei Klaviere), passen durchaus in das Genre der witzig-effektvollen Konzertetüde, bei der der Pianist - auch mit einem Augenzwinkern - nicht nur seine Fingerfertigkeiten unter Beweis stellen kann. Motorik und Intervallspiel stehen hier im Vordergrund, begleitet von einer streckenweise geradezu trockenen Ironie, die von Haase großartig vermittelt wird. Diametral entgegengesetzt die späten Etüden Skrjabins op. 65: Hier stehen nicht Virtuosität und Fingerfertigkeit im Vordergrund, sondern klangliche Gestaltung, etwa von Akkorden oder Gegensätzen - und auch dieser Welt wird Haase durch das Hineinhorchen in Klänge und das Aufspüren von Stimmungen gerecht. Ligetis zwei bereits fertig gestellte Etüdenbände hat Haase bereits auf der ersten CD dieser kleinen zweiteiligen Reihe mit Etüden aus dem 20. Jahrhundert eingespielt (zusammen mit Etüden von Strawinski, Bartók und Messiaen). Zu diesen beiden Bänden Ligetis, die 1985 begonnen wurden und sich schnell ausgesprochen großer Beliebtheit erfreuten, hat Ligeti nun einige weitere gesellt, allerdings ist dieser dritte Band noch nicht abgeschlossen. Zwei dieser Etüden sind nun hier zu hören, und Haase, die seit langem intensiv mit Ligeti zusammen arbeitet, gelingt auch hier die Gratwanderung, ihr sehr charaktervolles Spiel mit den speziellen atmosphärischen Anforderungen dieser Etüden in Einklang zu bringen. Die Etüden von Debussy werden von Haase vergleichsweise klar, trocken und durchsichtig gespielt. Das Image ‚impressionistischer Musik‘ verleitet sie nicht zu unkontrolliertem Pedalgebrauch oder vielsagender Diffusion. Die Komik und das Groteske so mancher dieser Etüden, in die Debussy immer wieder Störfaktoren eingebaut hat, kommt durch ihre Sichtweise sogar deutlicher zum Vorschein. Etwas zu kurz kommt vielleicht das Improvisatorische, das Debussys Musik anhaftet. Auch wenn Haases Eindeutigkeit prinzipiell eine große Stärke ist, so verzichtet sie leider auf das schöne Experiment, den ‚Anschein‘ des Suchens, Ausprobierens und Improvisierens darzustellen. Ingesamt zeigt sich an dieser Aufnahme, dass manche dieser ‚zeitgenössischen‘ Etüden durchaus zu einem Publikumsrenner werden könnten, wenn sie denn öfter nicht nur mit großem Reflexionsvermögen, sondern auch mit solch einem Temperament und atmosphärischem Gespür wie dem von Haase gespielt werden würden. Nebenbei lohnt sich die Aufnahme nicht zuletzt deshalb, weil pianistische Charakterköpfe wie Erika Haase leider eine Seltenheit sind oder aber von Plattenfirmen verschmäht werden. Großes Lob an dieser Stelle auch an das kleine umtriebige Label Tacet, das solchen Künstlern eine Bühne bietet, und das noch in allerbester Klangqualität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Annette Lamberty,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lutoslawski, Witold: Two Studies

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Tacet
1
01.09.2001
66:39
2001
2001
EAN:
BestellNr.:
4009850010005
TACET 100

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Debussy, Claude
Ligeti, György
Lutoslawski, Witold
Skrjabin, Alexander


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Interpret(en):Haase, Erika (Piano)


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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