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Donnerstag, 22. August 2019

Nunes, Emanuel - Werke für Viola

Das Universum des Emmanuel Nunes


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine fulminante CD für Liebhaber des Zeitgenössischen: Der französische Bratscher Christophe Desjardins spielt Musik des portugiesischen Komponisten Emmanuel Nunes.

Emmanuel Nunes macht es seinen Hörern nicht leicht. Im zeitgenössischen europäischen Musikbetrieb nimmt der 1941 in Lissabon geborene Komponist eine wichtige Stellung ein, auch wenn seine Arbeiten manchmal schwer zugänglich sein mögen. Nunes hat es in der Vergangenheit immer wieder verstanden, eine individuelle und komplexe, dabei aber immer auch höchst fantasievolle Klangwelt zu schaffen. Eine Annäherung an diese ermöglicht die vorliegende Produktion des französischen Labels æon (Vertrieb über Harmonia mundi), die auf Kompositionen mit solistischer Beteiligung der Viola fokussiert. Interpret ist – in einem Falle gemeinsam mit der Flötistin Emmanuelle Ophèle musizierend – der französische Bratscher Christophe Desjardins, der sich schon im kenntnisreich verfassten, aber nur auf Französisch, Englisch und Portugiesisch vorliegenden Text des Booklets als profunder Kenner von Nunes’ Violamusik und deren Zusammenhängen mit verschiedenen Werkzyklen erweist. Seine Wiedergabe der einzelnen Kompositionen ist brillant und in ihrer Virtuosität schlichtweg beeindruckend.

Exemplarisch hierfür ist das einzige tatsächlich solistische Werk der CD, ‚Improvisation II – Portrait’ (2003), das eine bis in die allerkleinsten Details nachspürenden Interpretation seines komplexen Klanggefüges erfährt. Desjardins agiert hier über fast 22 Minuten hinweg mit phänomenaler Dichte und weiß die Musik entsprechend ihrer vielfältigen und spieltechnisch extremen Anforderungen zu gestalten. Mitnichten geht es dabei, wie der Titel suggerieren mag, um eine Improvisation, denn dieser Terminus bezieht sich allein auf das gleichsam improvisatorische Verhältnis, das die Musik in Bezug auf Dostojewskis Erzählung ‚Die Sanfte’ einnimmt, mit dessen Figurenkonstellation sich Nunes in einem derzeit noch unvollendeten Zyklus von Instrumentalstücken musikalisch auseinandersetzt. Frappierend ist hier insbesondere Desjardins’ Umgang mit den höchst diffizilen Intonationsverhältnissen, die – aufgrund von Abstufungen im Viertel- und Dritteltonbereich – den Interpreten auf ganz besondere Weise fordern.

Die Übereinanderschichtung dreier durch Multi-Track-Verfahren eingespielter Violaparts steht dagegen im Mittelpunkt der Komposition ‚La main noire’ (2007) , die in musikalischer Hinsicht mit dem Charakter der alten Frau aus Nunes’ Musiktheater-Adaption von Goethes ‚Märchen’ verknüpft ist. Bemerkenswert ist vor allem die ausgeklügelte Darstellung von Differenz in der klanglichen Einheit, die hier durch parallelen Vortrag der voneinander abweichenden Stimmen entsteht: Denn selbst dort, wo sich die drei Violen im Tonhöhen-Unisono bewegen, wird durch minimale Abweichungen innerhalb der Vortragsanweisungen der absolute Gleichklang vermieden, so dass im Grunde immer ein unterschiedlich strukturiertes Klangband wahrnehmbar ist. ‚Versus III’ für Flöte in G und Viola (1987-90), zu einer mehrteiligen Gruppe von Duokompositionen gehörend, erweist sich schließlich als Studie über unterschiedliche Stadien der Fusion von Klängen zweier Instrumente. Und auch hier überzeugt die Wiedergabe durch eine akribische Darstellung der komponierten Feinheiten, zumal sie im Ineinanderblenden der Instrumentalfarben von Streich- und Blasinstrument ganz andere Wirkungen zur Geltung bringt als in den übrigen Stücken.

In der Tat: Nunes macht es seinen Hörern nicht leicht. Wer sich allerdings die Mühe macht, in dieses komplexe Universum einzutauchen, wird nicht nur mit einem faszinierenden Ideenreichtum, sondern auch mit einer wirklich fesselnden instrumentalen Umsetzung der drei eingespielten Werke belohnt. Christoph Desjardins empfiehlt sich mit dieser außergewöhnlichen Aufnahme wieder einmal – nach seinen gleichfalls höchst gelungenen Einspielungen mit Kompositionen Luciano Berios, Morton Feldmans und Matthias Pintschers – als einer der besten zeitgenössischen Bratscher überhaupt. Die mit knapp 44 Minuten Dauer sehr kurze, aber dafür auch außerordentlich dichte CD-Veröffentlichung ist daher auf jeden Fall eine Bereicherung für die zeitgenössische Streicherliteratur.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nunes, Emanuel: Werke für Viola

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.03.2009
Medium:
EAN:

CD
3760058367568


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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