> > > Jarell, Michael: ...prisme/incidences... für Violine und Orchester
Samstag, 24. August 2019

Jarell, Michael - ...prisme/incidences... für Violine und Orchester

Musik durchs Prisma betrachtet


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Portrait-CD über das Werk Michael Jarrells vermittelt in mustergültigen Interpretationen einen tiefen Einblick in das Werk eines Komponisten, der stets auf das Subtile in der Musik vertraut.

Die Musik des in Wien lehrenden Schweizers Michael Jarrell, dessen fünfzigster Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, hat im zeitgenössischen Konzertleben noch nicht die Aufmerksamkeit gefunden, die ihr gebührt, trotz zahlreicher Honorationen besonders in den achtziger Jahren. Vielleicht liegt es daran, dass dem Huber-Schüler die publikumswirksamen Paukenschläge immer fremd waren, und er sich lieber auf die Kraft seiner kunstvoll dicht gearbeiteten Musik verlassen hat. Eine Portrait-CD, die kürzlich beim französischen Label aeon erschienen ist, kann die informative Lücke um das Werk Jarrells zumindest akustisch schließen. Vier Werke aus dem letzten Jahrzehnt sind auf ihr versammelt, allesamt in Interpretationen des Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Pascal Rophé.

‘… prisme / incidences…’ hat Michael Jarrell sein Violinkonzert benannt, und so das musikalische Konzept des Werkes im Titel auf den Punkt gebracht. Häufig sind es außermusikalische Einflüsse, die Pate steht für das Entstehen von Jarrells Musik, seien sie literarischer oder optischer Art. Wie durch ein Prisma betrachtet, bricht sich die Musik hier immer wieder, wird der Klang der Violine ins Orchester übertragen und verarbeitet. Instrumentale Farben gehen ineinander über und werden modifiziert, dass ihr Ursprung nicht mehr zu lokalisieren ist. In der Form hält sich Jarrell jedoch an klaren Strukturen, die die energetischen Brüche der Klänge architektonisch ordnen und kanalisieren.

Mit Hae-Sun Kang ist eine Geigerin am Werk, die nicht nur eine vollkommene Musikerin ist, sondern sich als Mitglied des Ensemble Intercontemporain zusätzlich besonders in der Domäne der französischen Moderne bestens auskennt.

Die Zusammenarbeit mit seinen Interpreten ist Jarrell zentrales Bedürfnis. In seinem 2005 entstandenen Werk ‘Sillages’ kommen gleich drei Solisten zu Wort: der Flötist Emmanuel Pahud, der Klarinettist Paul Meyer und der Oboist Francois Leleux. Auch hier gibt Jarrell dem Hörer im Titel ein Indiz, wo die poetische Idee des Werkes zu suchen ist: Wie Verwirbelungen des Kielwassers wird die Musik vorwärtsgetrieben, aus einer kleinen Welle entsteht die nächste. So gehen von einzelnen Noten musikalische Wirbel aus, die sich zu höchst virtuosen Tonkaskaden der Holzbläser zusammenfügen. Aus einem einzelnen Element entstehen Auswüchse, die das klangliche Feld in ungeahnte Breiten dehnen. Die drei Solisten, in führenden europäischen Orchestern tätig, zeigen dabei, wie der Titel sich auch deuten lässt: ihr Spiel ist gewissermaßen die Fortführung des kompositorischen Gedanken Jarrells, die Verwirbelung, die neue Dimensionen öffnet.

Das Klavierkonzert ‘Abschied’ kennt zu Beginn die gleiche, unbändige Energie, die ‘Sillages’ kennzeichnet. Beinah labyrinthisch um sich selbst kreisend wird der Strom der musikalischen Linien immer schneller und atemberaubender, ohne dabei an Spannung zu verlieren. Wie eine Spirale schrauben sich Tonketten schwindelerregend ins scheinbar Unendliche. Umso deutlicher ist der Bruch, der nach einiger Zeit eintritt, an dem die Musik zum Stillstand kommt, Jarrell den Resonanzen der Klänge nachhorcht, und anstelle der turbulenten Höhen musikalische und geistige Tiefen aufsucht. Hier ist mit dem ungemein versierten Marino Formenti ein Solist am Werk, der die halsbrecherischen Läufe mit pianistischer Bravour meistert und gleichzeitig die Musik zu klingender Sprache macht.

Wie in den anderen Werken Jarrells tritt das Orchestre de la Suisse Romande nicht nur als begleitendes Ensemble in Erscheinung; es integriert den solistischen Part hervorragend in sein Spiel, was nicht nur an der durchdachten Leitung Pascal Rophés liegt, sondern auch am inspirierten Spiel der einzelnen Musiker. So entsteht ein musikalisches Zusammenspiel wechselseitiger Bereicherung, das man von nicht spezialisierten Ensembles selten hört.

Zur Geltung kommt der bestens aufgelegte Klangkörper noch einmal in einer Orchestrierung dreier Klavieretüden von Claude Debussy, die Michael Jarrell Anfang der neunziger Jahre erstellt hat. Jarrell hat die Etüden, in denen sich Debussy am weitesten vom tonalen System entfernt hat, um sich vielmehr den Relationen einzelner Intervalle zuzuwenden, in einer orchestralen Sprache instrumentiert, die sich an der Debussys orientiert und zugleich ein Bindeglied zwischen den beiden Komponisten schafft.

Zugleich kondensiert sich in den drei Stücken die musikalische Sprache Jarrells auf ganz besondere Weise: es handelt sich um die Etüden ‘pour les notes répétées’, ‘pour les sonorités opposées’ und ‘pour les accords’. Und wie durch Zufall sind es besonders diese Themenkomplexe Debussys, die für das Schaffen Jarrells von zentraler Bedeutung geworden sind: Die einzelnen Töne, aus denen Motivisches erwächst, die gleichsam Keimzellen musikalischer Entwicklungen sind; die entgegengesetzten Klanglichkeiten, das plötzliche Hereinbrechen eines Unisono oder brachialer Klanggewalten; und die Akkorde, die ihre Charakteristik durch die besondere Auswahl von Intervallkonstellationen erhalten.

So bekommt der Hörer mit der vorliegenden Produktion in ihrer schlüssigen Werkauswahl einen tiefen Einblick in die subtile musikalische Sprache Michael Jarrells, in mustergültigen Interpretationen und überaus gelungener musikwissenschaftlicher Unterfütterung im Beiheft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Jarell, Michael: ...prisme/incidences... für Violine und Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.03.2009
Medium:
EAN:

CD
3760058367520


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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