> > > Monteverdi, Claudio: Viertes Buch der Madrigale
Montag, 10. August 2020

Monteverdi, Claudio - Viertes Buch der Madrigale

Monteverdi in der Metropole


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Innovative und gelungene szenische Umsetzung des vierten Madrigalbuches in unser Großstadtleben.

London. Ein angesagtes Restaurant. Stimmengewirr. Zweiertische, einige junge Leute stehen herum, lachen, trinken. Eine Frau, die mit dem Auto vorfährt. Ein Mann (ist es ihr Mann?) wartet im Restaurant auf sie. Sie setzt sich ihm gegenüber. Dann spricht er, man hört nicht, was. Aber das, was er sagt, verfehlt seine Wirkung nicht: Die Frau schaut ihn entsetzt an. Erst jetzt setzt die Musik ein. Die Frau fängt an zu singen: ‚Ah! Dolente partita!‘, das erste Madrigal aus dem vierten Madrigalbuch Monteverdis. Die Kamera richtet sich auf andere Paare im Restaurant und man sieht: Nicht nur die Frau, auch fünf andere Gäste befinden sich mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin in vergleichbaren emotional aufgeriebenen Situation. Auf diese sechs Paare wird in ‚The Full Monteverdi‘ unsere Aufmerksamkeit gelenkt. Oft nur in markanten Andeutungen, Gesten und Hinweise erfahren etwas aus ihrem Leben.

Mit dem zweiten Madrigal werden die Geschichten durch Rückblenden erzählt. Man sieht, wie eine Frau durch die Wohnung hastet, von ihrem Mann verfolgt, sich in die Toilette einschließt und zu weinen beginnt. Auch später wird klar: Ihr Mann ist gewalttätig. Diese Erinnerung provoziert das nächste Madrigal: ‚Cor mio, perché non morir‘. Während die Musik weiterläuft, neue Szenen: Eine Frau, die daheim auf ihren Mann wartet, er kommt, legt sein Handy auf den Küchentisch, eine SMS erscheint, die Frau greift zum Handy und liest, was nicht für sie bestimmt gewesen ist: Es wird klar, der Mann hat ein Verhältnis. In einer späteren Sequenz zum elften Madrigal (‚Ohimè, se tanto amate‘) sieht man, wie sie die Mailbox des Handys abhört, ihr Mann steht ohnmächtig dabei. Die letzten Madrigale zeigen, wie die Paare sich dadurch versöhnen möchten, dass sie miteinander schlafen. Aber der nächste Morgen macht klar: Die Beziehungen sind unheilbar zerrüttet. Jeder verlässt seinen Partner. Von eindringlicher Schönheit sind die Bilder zum letzten Madrigal. Die sechs Sängerinnen und Sänger sitzen an ihren Plätzen im Restaurant, allein, teilweise noch im Mantel, es ist heller Tag, alle Illusionen sind zerplatzt.

Madrigale als Beziehungsdramen

Die Madrigale werden so zu intensiven Beziehungsgeschichten, zu sechs Erzählungen von Menschen, die zufällig im selben Restaurant sitzen, und die alle mit der Vergangenheit ihrer Beziehungen ringen, aneinander zu verzweifeln drohen und sich versöhnen möchten. Es ist die Idee von John La Bouchardière gewesen, die er zunächst auf der Bühne ausprobiert und umgesetzt und nun, in durch die Rückblenden veränderter Fassung, als Film herausgegeben hat. Muss man das vierte Madrigalbuch als eine Art kleiner Oper mit sechs verschiedenen Beziehungsgeschichten verstehen? Wird Monteverdi dadurch - wie der Titel der DVD suggeriert - vollständiger? Natürlich nicht. Aber die Art, wie es Bouchardière gelingt, derart verschiedene Geschichten zu erzählen, die alle zu derselben Musik passen, überzeugt über weite Strecken.

Die musikalische Interpretation

Die musikalische Qualität des Ensembles ist hoch, aber die Mitglieder reichen nicht heran an Ensembles wie La Venexiana oder dem Concerto Italiano. Die Höhen sind manchmal etwas angestrengt, die Koloraturen bereiten hörbar Mühe (bei ‚A un giro sol‘ oder die Fuggi-Rufe in ‚Io mi son giovinetta‘), die Fähigkeit zur differenziertem Ausdruck und wunderbarem Zusammenklang ist weniger ausgeprägt als in alternativen Interpretationen. Erstaunlich sind aber die schauspielerischen Fähigkeiten der Mitglieder des Ensembles. Die meisten (vor allem die Sopranistin Anna Crookes) spielen ebenso intensiv wie sie singen und stehen ihren schauspielerischen Partnern in nichts nach. Mit einer Ausnahme, leider: Matthew Brook (Bariton) spielt derart pathetisch, dass es teilweise schon ans Groteske grenzt und zumindest mich immer wieder aus der Aufmerksamkeit auf den Film herausgeworfen hat.

Der DVD sind leider keine Features beigegeben. Beim Klang stört etwas, das in einigen Fällen die Stimme des Sängers oder der Sängerin, die gerade im Film zu sehen ist, aus dem Ensemble herausgehoben ist. Das Booklet enthält jeweils einen informativen Aufsatz des Regisseurs und des Dirigenten der Fagiolili, Robert Hollingworth, sowie den Text und eine englische Übersetzung der Madrigale. Dabei sind sowohl das Booklet als auch die Untertitel der DVD ausschließlich in Englisch: Vielleicht ein Kompliment an diejenigen, an die sich die DVD richtet und bei denen man voraussetzen kann, dass sie des Englischen mächtig sind?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: Viertes Buch der Madrigale

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
1
Medium:
EAN:

DVD
747313522453


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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