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Montag, 19. August 2019

Monteverdi, Claudio - Madrigali Libro 5

Vom Madrigal zur Oper


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


La Venexiana ist damit eine weitere exzellente Aufnahme der Madrigale Monteverdis gelungen. Es ist phantastisch, wie die fünf Sängerinnen und Sänger aufeinander eingespielt sind.

Das fünfte Madrigalbuch aus dem Jahre 1605 markiert einen Übergang im Kompositionsstil Monteverdis. Zwei Jahre später wird seine Oper ‚L’Orfeo‘ erscheinen, und in den letzten sechs Madrigalen des fünften Madrigalbuches deutet sich die Entstehung der Oper bereits an: Der dort vorgeschriebene basso continuo erlaubt es Einzelstimmen über längere Zeit zu singen, ohne dass die Stimme durch andere Stimmen begleitet wird: Für die orchesterbegleitete Oper eine essentielle Eigenschaft, denn nur so können einzelne Sängerinnen und Sänger eindeutig für bestimmte, immer wieder identifizierbare Personen auf der Bühne stehen. Noch näher kommt man der Oper im letzten Madrigal, in dem zu dem basso continuo auch Streicher hinzutreten. Aber nicht nur die letzten sechs Madigale führen zur Oper hin: Bereits das fünfte Madrigal ‚Ecco Silvio, colei‘ ist eigentlich eine kleines Theaterstück, in dem sich Dorinda und Silvio gegenseitig Untreue vorwerfen.

Aber noch ein zweites Moment macht das fünfte Madrigalbuch zu einem für die Entwicklung der frühbarocken Musik wichtigen Ausnahmewerk. Bereits das erste Stück ‚Cruda Amarilli‘ ist ein klares Bekenntnis Monteverdis in einem Streit mit Giovanni Maria Artusi um die seconda prattica, ein Streit, der auf verbaler Ebene u.a. im Vorwort zur gedruckten Ausgabe von 1605 geführt worden ist. Der Streit ging um die Frage, welche Mittel die Musik einsetzen darf, um den affektiven Gehalt des Textes auszudrücken. Artusi ist ein Verfechter der traditionellen Satzlehre, Monteverdi stellt demgegenüber heraus, dass die Musik den Text ausdrücken soll und sich deswegen beim Tonsatz selbst Freiheiten nehmen kann. Die Musik soll erschüttern.

Intensive Erschütterung

Diese Erschütterung kann man auch heute noch unmittelbar erleben, wenn das fünfte Madigalbuch von einer so exzellenten Gruppe wie La Venexiana aufgenommen wird. La Venexiana ist damit eine weitere exzellente Aufnahme der Madrigale Monteverdis gelungen. Es ist phantastisch, wie die fünf Sängerinnen und Sänger aufeinander eingespielt sind. Jede Stimme hat zwar ihre charakteristische eigene Färbung (das ist besonders in den Solopartien des zweiten Teils wichtig), aber die Stimmen gleiten oft ineinander und verschmelzen miteinander. Manchmal gewinnt man dabei den Eindruck, dass die Schönheit des gemeinsamen Klanges bei der Interpretation des Textes zu sehr die Oberhand gewinnt. So könnte man sich beispielsweise den Schluss des zweiten Madrigals (‚E tu perché stinge’) noch pointierter gesungen vorstellen. Die musikalische Spannung wird eher durch die heftigen, auch für unsere Ohren noch schmerzlichen Dissonanzen erzeugt, in die sich die Sängerinnen und Sänger manchmal geradezu hineinbohren, nicht so sehr durch betonte Rhythmen. Die emotionale Intensität, die dabei entsteht, ist aber immer an den Text gebunden. Der Gleichklang der Stimmen wird besonders dort bedrückend, wo der Tod - eines der Hauptthemen des fünften Madgialbuches - in den homophonen Passagen besungen wird. So herrscht in den ersten Zeilen von ‚Era l’anima mia‘ tatsächlich Totenstille.

Exzellente Tontechnik

Der Klang ist durch die hervorragende Aufnahmetechnik sehr plastisch. Die einzelnen Stimmen lassen sich auch in den homophonen Abschnitten ohne Schwierigkeiten verfolgen. Damit verwirklicht auch die Aufnahmetechnik eine musikästhetische Forderung, die von Monteverdi selbst erhoben worden ist. Das Booklet bietet neben einer knappen Einführung den italienischen Text der Madigale mit englischer, französischer, deutscher und spanischer Übersetzung - allerdings sehr kleingedruckt und deswegen mühsam zu lesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: Madrigali Libro 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
01.10.2007
Medium:
EAN:

CD
8424562209251


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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