> > > Egk, Werner: Irish Legend
Sonntag, 16. Juni 2019

Egk, Werner - Irish Legend

Vom bösen Tiger und der schönen Gräfin


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Man möchte allen Opernfreunden diesen Zugriff empfehlen.

Ich habe mich immer gefragt, was denn dran sei an der Faszination historischer Opernaufnahmen. Warum sind Opernproduktionen der 50er- und 60-Jahre bei Fans so ungleich beliebter als aktuelle? Und was macht Live-Aufnahmen so anziehend? Genau erklären kann ich es immer noch nicht, aber mit der Veröffentlichung der ‚Irischen Legende’ von Werner Egk, uraufgeführt bei den Salzburger Festspielen 1955, live im Radio gesendet und aufgenommen durch den ORF und nun auch bei Orfeo in der Reihe ‚Festspieldokumente’ erschienen, kann ich die Faszination zumindest nachvollziehen.
Vielleicht ist es die Unmittelbarkeit, das Bewusstsein, dass das, was da klingt, genau so und nicht anders über die Bühne gegangen ist. Oder dass es die einzige Aufnahme dieser Oper ist, oder dass es Werner Egk gelungen ist, ein Libretto mit epischen Ausmaßen zu schaffen. Die irische Legende erzählt von zwei als Kaufleute getarnten Sendboten des Teufels, die während einer Hungersnot durchs Land streifen, um gegen Nahrung Seelen für die Hölle zu kaufen. Als die reiche, gütige und zudem auch noch schöne Gräfin Cathleen davon erfährt, bietet sie sich selbst an im Austausch gegen alle bisher eingefangenen Seelen. Die Kaufleute gehen auf den Handel ein, die Engel retten jedoch Cathleens Seele, da für Gott ein solcher Handel nichtig ist. Am Ende bekommt die Hölle nichts, der Anführer der Bösen auf Erden, der Tiger, dessen Idee der ganze Plan war, wird an den kältesten Winkel der Unendlichkeit verbannt, wo Vernichtung ihn nicht mehr erreicht, nur das Vergessen. Werner Egk gab dem Plot noch eine zusätzliche Schärfe, indem er die Abgesandten des Teufels die Hungersnot selbst hervorrufen ließ. Keine leichte Kost also für die Besucher der Salzburger Festspiele des Jahres 1955, und auch keine für die Käufer der CD. Dafür aber nachhaltig beeindruckend. Das liegt zum Teil an der Eindringlichkeit der Musik, mit der Egk seinen Text versieht. Die Musik ist weniger melodisch als dramatisch begründet. Es fehlt nicht an klanglichen Effekten, die bestimmte Situationen unterstreichen und in ihrer Wirkung verstärken. So wird der Text in den Vordergrund gestellt, und bei den Protagonisten ist er gut aufgehoben. Denn zum anderen Teil tragen die musikalischen Leistungen, die George Szell und die Wiener Philharmoniker erbringen, zuvorderst jedoch die glänzend aufgelegten Sänger, zur Faszination der Aufnahme bei. In der Rolle der Cathleen begeistert Inge Borkh, die vor gar nicht allzu langer Zeit 80 Jahre alt wurde und dem Vernehmen nach bei bester Gesundheit ist. Der damals 26jährige und stimmlich wunderbar präsente Walter Berry gibt einen einfallsreich gemeinen Tiger, Kurt Böhme verleiht dem Dichter Aleel, zugleich Cathleens Geliebter, fast schon zuviel Format für einen Feigling, und Max Lorenz und Oskar Czerwenka als Kaufleute getarnte Hyänen – Handlanger des Bösen selbstverständlich – übertreffen sich gegenseitig an Heuchelei. Offensichtlich scheint an diesem 17. August 1955, dem Tag der Uraufführung und der Aufzeichnung, Vieles zu einem perfekten Opernabend zusammengekommen zu sein. Um so erfreulicher, dass es den Tontechnikern gelungen ist, die laut Booklet-Kommentar klanglich problematischen Bandkopien, die im Archiv des ORF lagerten, wieder zum Klingen zu bringen. Vielleicht ist die unausgewogene Dynamik zwischen Orchester und Sängern – die fast ständig zu laut sind und ihre musikalische Begleitung in den Hintergrund drängen – hierauf zurückzuführen, das stellenweise durch das Digitalisieren hervorgerufene Klirren der hohen Frequenzen auf jeden Fall. Zu hören ist das aber nur über Kopfhörer. Zu loben ist weiterhin die Ausstattung der Zwei-CD-Box, die die Hörer mit zwei Booklets verwöhnt: ein Libretto und ein Heftchen mit nützlichen und interessanten Informationen über die Salzburger Festspiele in der 'Vor-Karajan-Ära' – nicht ohne unterschwelliger Kritik am späteren übermächtigen Festivalchef – und über die Oper mitsamt einer Zeitungsrezension.
Vorbildlich. Man möchte allen Opernfreunden den Zugriff empfehlen. Auch denen, die ansonsten eher distanziert den Bühnenwerken ohne Bühne gegenüber stehen oder nur höchstens zehn Jahre alte Stereo-DDD-Aufnahmen für des Hörens wert betrachten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Dirk Jaehner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Egk, Werner: Irish Legend

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
01.06.2001
1:52:56
1955
2001
EAN:
BestellNr.:
4011790564227
C 564012 I

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Egk, Werner


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Dirigent(en):Szell, George
Orchester/Ensemble:Wiener Philharmoniker
Interpret(en):Borkh, Inge (Soprano)
Klose, Margarete (Mezzo-soprano)
Berry, Walter (Bass-bariton)
Böhme, Kurt (Bass)
Lorenz, Max (Tenor)
Frick, Gottlob (Bass)
Chor der Wiener Staatsoper,


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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