> > > Cage, John: Thirty Pieces for String Quartet
Sonntag, 21. April 2019

Cage, John - Thirty Pieces for String Quartet

Die Lust am Leisen


Label/Verlag: hr-musik.de
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Entdeckungsfreudige Naturen, die Mutigen unter den Kammermusik-Freaks, werden an diesen musikalischen Subtilitäten ihre Freude haben. Das große Lob gebührt dem Arditti-Quartett.

‘Die Gattung des Streichquartetts ist tot’ – diese freche Behauptung machte unlängst die Runde. Nun sind weder die Opernhäuser in die Luft gesprengt worden (wie einmal von Pierre Boulez ersehnt) noch Streichquartette in der Versenkung verschwunden. Ganz im Gegenteil. Im musikalischen Schaffen der Gegenwart sprießen permanent die wundersamsten Blüten – Werke, die in öffentlichen Konzerten nur unter die Haube kommen, wenn sich Pioniere mit Hingabe ins Zeug legen. Zu dieser besonderen Spezies von Innovatoren gehört das mit dem ‘Ernst-von-Siemens-Musikpreis’ 1999 in München ausgezeichnete Arditti-Quartett mit ihrem Primarius Irvine Arditti. Das Viererteam spielt mittlerweile nach mehrmaligem Wechsel in einer neuen Besetzung. Aus den früheren Formationen ist als einziger noch der Pionier Irvine Arditti geblieben. Dass sich das Team bereits in kürzester Zeit wieder zu fabelhafter Homogenität zusammenfand, dafür sprechen Live-Eindrücke aus den jüngsten Konzertveranstaltungen. Die Ardittis, in welcher Besetzung auch immer, haben für die Musica Nova, besonders für die Gattung des Streichquartetts, Unschätzbares getan. Statistiker kommen in den 33 Jahren ihres Bestehens auf ein Repertoire von gut einem halben tausend Werke. Die meisten von ihnen wurden von diesem entdeckungsfreudigen Team aus der Taufe gehoben. Und die Ardittis schrecken auch nicht vom Allerschwersten zurück. Luigi Nono, Helmut Lachenmann, der 2007 mit dem Siemens-Preis ausgezeichnete Engländer Brian Ferneyhough oder der Doyen der amerikanischen Moderne Elliott Carter haben komplexe, hoch komplizierte Partituren in die Welt gesetzt.

Musikästhetisch Radikales schuf  der Musica-Nova Prophet John Cage. Er lotet in seinen ‘Thirty Pieces for String Quartet’ musikalische Augenblicke aus, in dem er abschnittweise instrumentale Gesten addiert. So entstehen fragmentarische Gebilde, kürzelhafte Elemente, die keinen rechten Zusammenhang stiften. Cage erzählt mit seiner mikrotonalen, seinen chromatischen und diatonischen Reflexen keine Geschichten, sondern er disponiert musikalische Momente und löst sich so von allen historisch tradierten Vorstellungen. Vereinbart wird in seiner Komposition eine Gesamtdauer von ca. 30 Minuten. Jeder Instrumentalist spielt für sich alleine, egal wo er auf dem Podium auch immer Platz genommen hat. Jeder Spieler bereitet sich auch alleine auf seine Interpretation vor. Er darf Teile ausklammern, so dass in einer Gesamtkalkulation sich die Zeiten theoretisch auf 4 mal 30 addieren könnten. Kaum vorstellbar dieser enorme zeitliche Aufwand, um all die notenphilologischen Entscheidungsräume auszuschöpfen. Freilich, wenn einem die Komposition – wie bei den legendären Lauerschen Musiktagen im Badenweiler geschehen - begegnet, wird man wohl kaum auf das Spiel der einzelnen Stimmen achten, sondern stets den Gesamteindruck, immer die Gleichzeitigkeit des Spiels, im Ohr behalten.

Cage komponierte ein radikales Stück, das den Spielern jede erdenkliche spieltechnische Präzision abverlangt, besonders das Feeling für das rechte Timing.

In dieser Hinsicht brennen die vor Experimentierlust überschäumenden Mannen um den Primarius Irvine Arditti, bei Klaus Lauer im Römerbad immer wieder mit den provokativsten  Brocken zu hören, auch bei Jakob Ullmann, Komposition für Streichquartett 2, interpretatorische Wunderkerzen ab. Ullmann (Jahrgang l958) taucht mit seiner Komposition in die Unhörbarkeit ein. Er empfiehlt, das Stück so leise anzuhören, wie es aufgenommen wurde – eine richtige Musik für Kopfhörer, wie mit einem Mikroskop betrachtet und durchgehört. Im Gegensatz zu John Cage sind hier jedoch Tonhöhen, Tempo und Dynamik genau fixiert. Es muss also nicht über die Länge der Noten, auch nicht über den Einsatz von verfremdeten Klangerzeugern (z. B. Dämpfen der Saiten) entschieden werden. Nach Meinung des Komponisten führe die Loslösung vom historischen Erbe zu einer größeren Freiheit, die keine Erarbeitung des späten Beethovens mehr erforderlich mache. Ullmans Konzeption ist auf eine experimentelle Ausdifferenzierung gerichtet, auf eine Klangwelt, die im Bereich des Stillen zwischen Geräusch und Klang changiert. Sein Quartett 2 will die einfachsten klanglichen Realitäten hörbar machen. Wer leise spielt und die Expressivität meidet, verhindere einen Missbrauch von Ideologien, meint dieser eigenwillige Createur und behauptet, seine musikästhetischen Vorstellungen zielten auf ein neues Fühlen und Denken. So gesehen böte die extreme Leisigkeit in unserem mit Krächen angereicherten gesellschaftlichen Umfeld ja eine Möglichkeit, die Sinne zu schärfen für Subtilitäten, für eine Versenkung in naturhafte Stimmungen. Man spitzt die Ohren für die Stille.

Welch spürsinnige Interpreten sind doch die Instrumentalisten des Arditti-Quartetts. Sie widmen jeder Note, jedem geräuschhaften Element, ihre Aufmerksamkeit. Da sind virtuose Tüftler am Werk, die höchst lustvoll auch im Unhörbaren, im Stillen, herumzumodellieren verstehen. Eine CD für Entdecker. Sehr empfehlenswert, aufnahmetechnisch auf das Akkurateste 2001 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks am Frankfurter Dornbusch aufgenommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Kritik von Prof. Egon Bezold,


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