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Montag, 27. Mai 2019

Murail, Tristan - Winter Fragments

Spektren der Natur


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Neues und Altes des großen Spektralisten Tristan Murail, der sich auf dieser CD mit Natur-Werken als Mitglied einer großen französischen Tradition von Rameau über Debussy bis in die Neuzeit zeigt.

Unter den so genannten Spektralisten hat kaum einer der Natur als Inspirationsquelle mehr Gewicht zugewiesen als Tristan Murail. Als Schüler Olivier Messiaens steht er in einer großen Linie französischer Tradition, die sich vor allem von Claude Debussy beeinflusst weiß, deren geistige Wurzeln, gerade in der Naturschau, aber bis zu Jean-Philippe Rameau zurückgehen. Eine neue Produktion aus dem Hause aeon präsentiert fünf Werke Tristan Murails, darunter einige Kompositionen jüngeren Datums. Das New Yorker Argento Chamber Ensemble steht dabei unter der Leitung von Michel Galante.

Le Lac, der See, heißt das jüngste Werk aus Murails Feder, eine Partitur, die ständig zwischen Bestehen und Veränderung, also zwei Grundprinzipien der Natur, changiert. Die Natur als Inspirationsquelle liefert hier zudem das kompositorische Material. Die akustische Analyse des Klangspektrums von Regentropfen, die auf die Oberfläche eines Sees fallen, die elektronische Textur von Froschschreien oder Donnereffekte dienen allerdings nicht der musikalischen Illustration, wollen also keine Realitätseffekte sein, sondern wie abstrakte musikalische Objekte behandelt werden, die gefiltert, verzerrt, harmonisiert und aufeinander abgestimmt werden. Beeindruckend ist die ausnehmend raffinierte Instrumentation des Werkes, die ein Gleichgewicht erzeugt, dessen Einheit sich auch in der Form wieder findet.

Ähnliche Prinzipien wendet Murail in Winter Fragments aus dem Jahre 2000 an. Auch hier findet man wieder die Natur, mineralisch und eiszeitlich blendend. In diesem Werk kommt der Elektronik ein zentraler Bestandteil zu. Murail strebt eine Verschmelzung zwischen synthetischen und instrumentalen Klängen an.

Der Bezug zu Debussy wird am deutlichsten in ‘Feuilles à travers les cloches’, dessen Titel sich an Debussys Prélude ‘Cloches à travers les feuilles’ anlehnt, es gleichsam umdreht. Die beiden Spektren des Glockenklangs und des Blätterraschelns entsprechen jeweils einem Vorder- und einem Hintergrund, deren Verhältnis nach und nach verändert wird. Debussys Bemerkung, nichts sei musikalischer als ein Sonnenuntergang, hat Murail hier scheinbar konsequent umgesetzt.

Ethers für Flöte und Ensemble evoziert Naturphänomene eher kosmischer Natur. Das Werk ist 1978 entstanden und entstammt so einer frühen Schaffensphase Murails. Stetige Tempowechsel stehen als Metaphern eines dynamischen Sternraums und loten das Verhältnis von Raum und Zeit aus.

Die Flöte, in Ethers und Feuilles à travers les cloches bereits solistisch herausgekehrt, wird nun in Unanswered Questions zum alleinigen Soloinstrument in einem zurückgehaltenen und intimistischen Charakterstück, dessen ‘bescheidene und unvollendete’ Melodien aus den Obertonspektren der Flöte gewonnen werden.

Die Solistin der Aufnahme ist Erin Lesser, die mit ihrem weichen und obertonreichen Klang wie ein Naturinstrument gestaltbildend wirkt. Das Argento Ensemble stellt äußert präzise und mit tiefer Sorgfalt und Mühe um die zarten Klänge ein Aggregat von Naturspektren dar, das impressionistische Klanglichkeit mit analytischem Geist verbindet.

Unüberhörbar ist in den letzten Werken Murails eine Rückkehr zur Melodie, eine Stärkung de musikalischen Sprache durch prägnante Elemente. Der melodische Aspekt ist für Murail eine Art Rückkehr zur Natur – so wie für Rameau die Ableitung des harmonischen Systems von den Obertönen eine Garantie für Naturhaftigkeit und somit von Dauer darstellte. In diesem Sinne ist die vorliegende Produktion sehr französisch: ein kaum zu überschätzender, farbvoller Punkt eines pointillistisch föderalistischen Weltkultursystems.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Murail, Tristan: Winter Fragments

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.03.2009
EAN:

3760058367469


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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